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Dienstag, 18. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Chirurgie Die Zutaten für eine optimale Versorgung

 ·  Immer neue Innovationen, immer bessere technische Möglichkeiten - die Chirurgie ist in stetigem Wandel. Und dennoch warnen Experten: Die alte Schule darf nicht in Vergessenheit geraten. Talent, viel Praxis und anatomische Kenntnisse sind unverzichtbar.

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Menschlichkeit und technisch geprägte Medizin scheinen sich auf den ersten Blick auszuschließen. Was für die intensivmedizinische Versorgung am Lebensende durchaus gelten mag, trifft für die Chirurgie nicht zu. Außer Können und Geschick entscheiden auch Instrumente und Produkte über den Erfolg einer Operation. „Humanität durch Technik“ sei deshalb ein mit Bedacht gewähltes Motto für den diesjährigen Chirurgenkongress in München, sagte der Kongresspräsident Volker Schumpelick von der Universitätsklinik Aachen. Technik erhöhe die Sicherheit und oftmals auch die Heilungschancen. Allerdings sei die ärztliche Urteilskraft um so gefragter, je komplizierter die Prozesse würden.

Es gelte deshalb, immer wieder zu prüfen, ob eine Neuerung dem Patienten tatsächlich diene. Allerdings helfe auch eine Technikfeindlichkeit nicht weiter, sagte Schumpelick.

Es braucht eigene Innovationen

Kleinere Schnitte, bessere Zugangswege, Navigationshilfen, Lasertechniken und Robotik hätten die Grenzen der Chirurgie immer weiter gesteckt und vielen Kranken zu einem menschenwürdigeren Leben verholfen. Allerdings müsse die Chirurgie auch selbst Ideen entwickeln. Ohne eigene Innovationskraft verkomme das Fach zur reinen Anwendungsdisziplin.

Als Beispiel für eine gelungene Zusammenarbeit zwischen Chirurgie und Materialwissenschaft nannte Schumpelick die Hernienchirurgie. Hernien sind Bauchwandlücken, durch die sich Teile der Eingeweide hindurchschieben. Früher verschloss man die Lücken mit dicken Kunststoffnetzen, weil man in jedem Fall einen neuen Bruch vermeiden wollte.

Heute weiß man, dass Hernien nicht durch Belastung entstehen, sondern durch eine labile Zusammensetzung des Bindegewebes. Deshalb werden die Lücken jetzt mit leichten, biologischen Netzen geschlossen, die der Bindegewebsschwäche entgegenwirken. Die Patienten haben dadurch weniger Schmerzen, und bei Männern mit Leistenhernien besteht nicht mehr die Gefahr, durch ein dickes Netz unfruchtbar zu werden.

Zu wenig Innovationskontrolle

In München warnte Hartwig Bauer, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie, allerdings auch vor einem blinden Vertrauen in die Technik. Eine technische Innovation sei zunächst nur ein Verfahren, das seinen Zweck erfülle und von der üblichen Vorgehensweise abweiche. Nicht jede Innovation sei damit zwangsläufig auch ein Fortschritt.

Davon könne nur dann gesprochen werden, wenn neben der Wirksamkeit auch ein Nutzen bestehe und möglichst auch die Kosten vertretbar seien. Anders als Arzneimittel durchlaufen chirurgische Innovationen kein Genehmigungsverfahren. Es muss also nicht gezeigt werden, dass sie besser oder sicherer sind als andere Verfahren.

Die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie arbeite deshalb, so Bauer, an einem Positionspapier zu Innovationsbewertung, das auch als Grundlage für die Kostenerstattung dienen könne.

„Treat first, what kills first“

Vor einer Gefährdung der Patienten durch schlechte Anatomiekenntnisse mahnte Hartmut Siebert vom Diakonie-Klinikum in Schwäbisch Hall und Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie. In Deutschland werden Lehrstühle für Anatomie zunehmend mit Zellbiologen besetzt. Heute sind viele Ordinarien Biologen und keine Mediziner.

Die Vermittlung der makroskopischen und topographischen Anatomie gerät dadurch immer mehr in den Hintergrund. Dass Zellbiologen bei Berufungen zunehmend bevorzugt werden, hat mit dem hohen Stellenwert von Drittmitteln und Impactfaktoren zu tun. Weil man für Arbeiten zur makroskopischen Anatomie kaum Forschungsgelder einwerben kann und sich die Ergebnisse nicht in hochrangigen Journalen publizieren lassen, beschäftigen sich viele Lehrstuhlanwärter mit einträglicheren Themen. Eine klare Trennung in Lehr- und Forschungsprofessuren, wie das für Anatomie sinnvoll wäre, gibt es derzeit nicht.

Wie fatal schlechte Anatomiekenntnisse für ein operatives Fach sind, machte Siebert an der Situation im Schockraum deutlich. Dort gelte: „Treat first, what kills first.“ Dafür müsse der behandelnde Chirurg aber in der Lage sein, die Verletzungen des Unfallopfers zu gewichten.

Ohne genaue Kenntnisse der Anatomie sei das kaum möglich. Man brauche diese Kenntnisse auch, um den besten Zugangsweg und die beste Schnittführung wählen zu können. Ob ein Bruch mit einer Platte, einem Nagel oder einer Schraube korrigiert werden solle, hänge ebenfalls von der Anatomie ab. Man müsse auch nicht alle verletzten Sehnen, Muskeln oder Brüche wiederherstellen. Um entscheiden zu können, was zu tun sei, müsse man allerdings mit sämtlichen anatomischen Funktionen vertraut sein.

Am Simulator trennt sich die Spreu vom Weizen

Über die Verwendung von Simulatoren in der Chirurgie sprach Richard Satava vom University of Washington Medical Center in Seattle. In den Vereinigten Staaten darf kein Chirurg diese Facharztbezeichnung führen, ohne ausreichend lange am Simulator trainiert zu haben. Auch die Kliniken sind verpflichtet, laufend Weiterbildungen am Simulator anzubieten. Die aus der Luftfahrt bekannte Vorgehensweise helfe, weniger Fehler zu machen, so Satava, weil sich damit grundlegende Fähigkeiten und Krisensituationen gut üben ließen.

Außerdem hätten Untersuchungen gezeigt, dass weniger Fehler gemacht würden, wenn die Chirurgen unmittelbar vor dem Eingriff eine fünfzehnminütige Aufwärmphase am Simulator absolvieren würden. Die Ärzte seien dann von Anfang an konzentrierter, sagte Satava.

Am Simulator lässt sich offensichtlich auch gut erkennen, welcher Student für ein operatives Fach geeignet ist. Einigen fehlt es an der nötigen Fingerfertigkeit oder der richtigen Koordination zwischen den Händen und den Augen. Diesen Studenten kann man von Anfang an nur zu einer anderen Spezialisierung raten.

Allerdings bestehen derzeit noch zwei Schwierigkeiten. So kann am Simulator noch kein haptische Erleben vermittelt werden. Wie sich ein Gewebe anfühlt, merkt man nur im Operationssaal und nicht am Computer. Außerdem fehlt es an unterschiedlichen anatomischen Modellen.

Es reicht nicht, nur an jungen und gesunden Körpern zu trainieren, wenn man im Alltag vor allem alte und multimorbide Patienten operieren muss. In Deutschland wird derzeit noch kaum mit Simulatoren gearbeitet.

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