29.11.2005 · Nach der Diagnose „Krebs“ ist die drängendste Frage, die nach Heilungschancen und Überlebensaussichten: Kein Mediziner kann darauf eine endgültige und genaue Antwort geben. Aber die Fortschritte in der Chemotherapie sind offenbar größer als bisher angenommen.
Von Susanne MewesRund vierhunderttausend Frauen und Männern wird hierzulande Jahr für Jahr die Diagnose "Krebs" gestellt. Eine der drängendsten Fragen für diese Patienten ist die nach ihren Heilungschancen und Überlebensaussichten. Kein Mediziner kann darauf eine endgültige und genaue Antwort geben. Und zwar nicht nur, weil die Krankheit oft unvorhersehbar verläuft, sondern weil auch die Statistiken dazu auf unvollständigen und veralteten Daten beruhen. Wie es um die Lebenserwartung von Krebspatienten zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts tatsächlich bestellt ist, haben nun saarländische Forscher versucht herauszufinden.
Hermann Brenner vom Deutschen Zentrum für Alternsforschung in Heidelberg hat zusammen mit Hartwig Ziegler und Christa Stegmaier vom Epidemiologischen Krebsregister Saarland eine Studie zu den Langzeitüberlebensraten von Krebspatienten vorgenommen. Die Untersuchungen basieren auf den Daten des Krebsregisters des Saarlands, dem einzigen epidemiologischen Register in Deutschland, in dem Neuerkrankungen an Krebs während der vergangenen dreißig Jahre weitgehend vollständig erfaßt sind. Wie Brenner und seine Kollegen im "Deutschen Ärzteblatt" (H. 39, S. A2628) berichteten, wandten sie ein neues Verfahren der Überlebenszeitermittlung, die sogenannte Periodenanalyse, an. Dabei wird der jüngste verfügbare Zeitraum, für den Krebsregisterdaten vorliegen, betrachtet. Fortschritte in den Überlebensraten können damit um Jahre früher aufgedeckt werden, als es ältere Kohortenanalysen ermöglichten.
Fast 80 Prozent aller Brustkrebspatientinnen überleben
Die Wissenschaftler berechneten die Fünf-Jahres-Überlebensraten für die Zeit von 1998 bis 2002 und verglichen diese mit den Daten aus den Jahren 1988 bis 1992. Betrachtet man alle Krebsarten und zieht die für die Altersgruppe entsprechende, normale Sterberate ab, ergibt sich eine Überlebensrate von 55 Prozent für Tumorpatienten. Das sind acht Prozent mehr als ein Jahrzehnt davor. Die Prognosen verbesserten sich besonders für Patienten mit Krebs der Speiseröhre von 8 auf 22 Prozent, der Eierstöcke von 34 auf 42 Prozent und der Nieren von 57 auf 67 Prozent. Bei Dickdarm- und Mastdarmkrebs leben fünf Jahre nach der Diagnose noch sechzig Prozent der Patienten. Brustkrebs ist die mit Abstand häufigste Krebserkrankung der Frauen. Hier überleben immerhin fast achtzig Prozent aller Patientinnen die ersten fünf Jahre nach der Diagnose. Die Überlebenschance bei Hodenkrebs beträgt fast hundert Prozent, für an Prostatakrebs erkrankte Männer verbesserte sie sich von 70 auf 85 Prozent. Von Patienten mit malignem Melanom, Lymphomen und Leukämien leben nach fünf Jahren noch 86, 65 und 46 Prozent. Die Forscher nehmen an, daß die Überlebensraten heute sogar noch besser sind, da sich die Therapie seit 2002 weiter entwickelt hat. In den Vereinigten Staaten haben Patienten mit Prostatakarzinom die gleiche durchschnittliche Lebenserwartung wie die übrige männliche Bevölkerung.
Allerdings sind die Fortschritte in der Therapie bei Krebs der Bauchspeicheldrüse, der Leber, der Gallenblase und der Lunge noch nicht in dem Maße feststellbar wie bei den anderen Krebsarten. Über die Gründe für die verbesserten Lebenserwartungen von Krebspatienten gibt die Periodenanalyse keine Auskunft. Bessere Vorsorgeuntersuchungen und früheres Erstellen der Diagnose spielen sicher eine Rolle. Die positiveren Therapieergebnisse lassen sich auch mit Fortschritten in der Chemotherapie erklären.
Entartete Krebszellen sind unberechenbar
Die Wissenschaftler forschen seit langem daran, warum die scheinbar gleiche Krebserkrankung bei einem Patienten gut heilbar ist, bei einem anderen äußerst aggressiv verläuft. Als Ursache sehen die Mediziner Unterschiede in den molekularen Veränderungen der entarteten Krebszellen. Ein besseres Verständnis der molekularen Abläufe im Erbgut eines Erkrankten würde den Ärzten helfen vorauszusagen, welche Krebspatienten ganz gute Heilungschancen haben und welche aggressivere Behandlungsmethoden benötigen. Genchips, auch Microarray genannt, ermöglichen den Wissenschaftlern, Expressionsprofile von einer Vielzahl von Genen in einem Gewebe gleichzeitig zu bestimmen. Die Forscher können so normale und krankhaft veränderte Abläufe in Zellen vergleichen. Wissenschaftler um Joseph Nevins vom Duke University Medical Center in North Carolina haben mit Genchips in Gewebeproben von Patienten mit Lungen-, Brust- und Eierstockkrebs die Aktivität von fünf Genen mit den Namen Myc, Ras, E2F3, Src und Beta-Catenin ermittelt. Das sind bekannte Onkogene, die in der Zelle wichtige Aufgaben unter anderem bei der Zellteilung, der Aufrechterhaltung von Gewebeverbänden und bei der Übertragung von Information erfüllen. Störungen in der Regulation dieser Gene sind die Ursache für verschiedene Krebserkrankungen. Die jeweilige Aktivität der fünf Gene in jeder Tumorprobe ergab ein charakteristisches Muster. Mit einem statistischen Verfahren wurden die Muster zu Gruppen zusammengefaßt und mit den Überlebensdaten der Patienten korreliert. Zum Beispiel fanden die Wissenschaftler Gewebeproben von Lungenkrebs, in denen Ras zusammen mit Beta-Catenin, Src und Myc gleichzeitig hohe Aktivität zeigte. Die zu dieser Gruppe gehörenden Patienten überlebten im Durchschnitt nur zwanzig Monate. Die Patienten, in deren Lungenkrebsgewebe niedrige Ras-Aktivität mit hoher Aktivität der anderen vier Gene einherging, überlebten durchschnittlich fünfzig Monate. Vergleichbare Analysen an Brust- und Eierstocktumorgewebe stellen die Wissenschaftler in der Online-Ausgabe der Zeitschrift "Nature" vor.
Neville und seine Kollegen zeigten außerdem, daß Zellen aus Geweben verschiedener Tumoren unterschiedlich gut auf Chemotherapeutika ansprechen. In einer Reihe von Zellinien bestimmtensie zunächst die Expressionsprofile der fünf Onkogene. Dann wurden diese Zellinien mit bekannten Hemmstoffen des Ras- und des Src-Reaktionsweges inkubiert. Anschließend wurde bestimmt, wie stark das Zellwachstum gehemmt wurde. Diese Blockade war um so eindrucksvoller, je aktiver die Onkogene waren. Mit diesen Erkenntnissen und weiteren Forschungen in dieser Richtung sollte es in Zukunft möglich sein, Medikamente zu entwickeln, die gezielt in die Reaktionsketten der deregulierten Onkogene eingreifen.
Viele fehlerhafte Medikationen
Bei allen Therapieverbesserungen kommt es jedoch leider auch vor, daß der Fortschritt durch banale Komplikationen, zum Beispiel beim Umgang mit Chemotherapeutika, behindert wird. Meistens arbeiten Ärzte aus den verschiedensten Disziplinen zusammen an der Erstellung eines Behandlungsplans für einen Krebspatienten. Fehler sind unter solchen Bedingungen oft vorprogrammiert. Tejal Gandhi vom Brigham and Women's Hospital und Sylvia Bartel vom Dana-Farber Cancer Institute in Boston haben mit Kollegen mehr als zehntausend Rezeptverordnungen für etwa 1.600 Patienten an drei Infusions-Kliniken in Boston analysiert. An diesen Krankenhäusern werden Krebspatienten ambulant mit Chemotherapien behandelt. An zwei Ambulanzen wurden Rezepte elektronisch an die Klinikapotheke weitergeleitet; an einer Ambulanz erfolgte die Weitergabe von Rezepten handschriftlich.
Wie die Autoren in einer der kommenden Ausgabe der Zeitschrift „Cancer“ berichten, waren rund dreihundert Medikationen, also drei Prozent, fehlerhaft. Gut drei Viertel dieser Fälle hätten schwerwiegende Folgen haben können, wenn nicht eine Onkologie-Schwester oder ein Apotheker die Angaben auf dem Rezept überprüft hätte. Erstaunlicherweise war die Fehlerrate bei den elektronischen und den handschriftlichen Bestellungen gleich. Wie wichtig Studien dieser Art sind, zeigt die Tatsache, daß die Verantwortlichen an den Kliniken bereits die Konsequenzen aus dieser Arbeit gezogen haben: Die Kliniksoftware wurde verbessert beziehungsweise überhaupt erst eingeführt.