28.05.2005 · Bei Brustkrebs halfen bislang nur Chemo- und Strahlentherapie. Jetzt erproben Mediziner einen Wirkstoff, der den Tumor ganz gezielt bekämpft.
Von Guido SpeiserKylie Minogue ging es nicht anders als Hunderttausenden von Frauen jedes Jahr: Sie ertastete einen Knoten in der Brust und ging zum Arzt. Diagnose: Brustkrebs. Wenige Tage später wurde der Sängerin, die gestern ihren siebenunddreißigsten Geburtstag feierte, ein Tumor entfernt. Metastasen hatten sich noch nicht gebildet. Nach der Operation bekommt Minogue jetzt eine adjuvante (unterstützende) Bestrahlung und eine Chemotherapie. Abhängig vom Tumortyp könnte auch eine Hormontherapie hinzukommen.
Minogue erhält damit die Standardtherapie für Brustkrebs im Frühstadium. Meist hilft die Behandlung. Doch bei etwa drei von zehn Frauen kehrt der Krebs wieder, oft noch nach Jahren. Die Therapien sind zwar immer ausgereifter geworden, Entwicklungssprünge aber gab es kaum.
Fortschritt in Sicht
Jetzt scheint ein solcher Fortschritt geglückt. Zumindest für einen Teil der Patientinnen: Der Antikörper Trastuzumab (Handelsname: Herceptin) wirkt gegen eine bestimmte Form des nicht metastasierten Brustkrebses, wie er in rund einem Viertel aller Fälle auftritt. Das ergaben klinische Studien mit insgesamt 8400 Teilnehmerinnen, die kürzlich auf dem Jahreskongreß der "American Society of Clinical Oncology" (ASCO) vorgestellt wurden.
In allen diesen Studien hatten die Frauen bereits eine Operation sowie eine Chemo- und teilweise auch eine Strahlentherapie hinter sich gebracht. Die Zwischenanalyse zweier amerikanischer Studien zeigte, daß der Krebs nach vier Jahren nur bei 15 Prozent der Frauen, die mit Trastuzumab behandelt wurden, wiederaufgetreten war. Bei Patientinnen, die nur eine Chemotherapie bekommen hatten, waren es dagegen 33 Prozent. Wer das Mittel bekam, hatte auch eine höhere Chance, länger zu leben. Nach drei Jahren waren ohne das Medikament 5,5 Prozent der Patientinnen gestorben, mit Trastuzumab nur 3,7 Prozent.
Trastuzumab verhindert Rückkehr des Krebs'
Ähnliche Zwischenergebnisse brachte die sogenannte HERA-Studie. Ohne Trastuzumab war der Krebs bei 23 Prozent der Frauen nach zwei Jahren wieder da, mit dem Medikament nur bei 14 Prozent. Auch diese Studie legt nahe, daß der Wirkstoff das Leben verlängert. Allerdings war hier die Beobachtungszeit mit einem Jahr sehr kurz. Angesichts der positiven Ergebnisse wird jetzt trotzdem allen untersuchten Patientinnen Trastuzumab angeboten.
Die Untersuchungen nähren die Hoffnung, daß wohl noch mehr Patientinnen mit dem Medikament geheilt werden können. Freilich können die bisherigen Resultate höchstens als Zwischenergebnisse gelten. Möglicherweise leben Patientinnen mit dem Medikament zwar länger, werden aber trotzdem nie ganz geheilt. Die Wirkung von Trastuzumab ist bislang eben nur für eine Unterform der Krankheit namens "HER2-positiv" belegt. Christoph Thomssen, Chef der Gynäkologie an der Universitätsklinik Halle, bezeichnet es sogar als einen "Fehlschluß", alle Brustkrebspatientinnen mit Trastuzumab behandeln zu wollen.
Was ist die optimale Behandlungsdauer?
Die Behandlung schließt auch einen Rückfall keineswegs aus. Und die Diagnose, ob ein HER2-positiver Tumortyp vorliegt, macht generell Probleme. Die häufig verwendete Standardmethode hat ihre Tücken, Fehler können leicht passieren. Der zuverlässige Nachweis gelingt allein per Gentest, den nur größere Labors durchführen können. Viele Details der komplizierten Signalkaskade, in die das Rezeptorprotein eingebunden ist, liegen zudem im dunkeln. Daher ist auch beim therapeutischen Eingriff vieles unklar: Was ist die optimale Behandlungsdauer mit Trastuzumab, wie hoch die optimale Dosis? Was sind die Langzeitnebenwirkungen? Was sind die Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten? Sollte Trastuzumab nach oder zusammen mit Chemotherapeutika gegeben werden?
Antworten auf diese Fragen wären von großer Bedeutung für die Praxis der Krebstherapie, auch aus ökonomischen Gründen. Denn die Antikörper sind teuer: Je nach Körpergewicht kostet eine Trastuzumab-Therapie zwischen 25000 und 40000 Euro pro Jahr. Eine Standard-Chemotherapie schlägt dagegen nur mit 5000 bis 10000 Euro zu Buche. Hinzu kommt ein eher kurzfristiges Problem: Der Hersteller Genentech will zwar so schnell wie möglich eine Zulassung für Trastuzumab für diesen Anwendungsbereich bekommen. Bislang gibt es die aber noch nicht. Trotzdem dürften Patientinnen das neue Mittel eigentlich auch außerhalb der Studien verlangen. Ob das die Kassen bezahlen, könnte zum Streitfall werden.
Völlig neues Therapieprinzip
Wissenschaftlich werten Fachleute die Ergebnisse aber als großen Erfolg. "Neben Hormon- und Chemotherapie eröffnet sich in diesem Feld ein völlig neues Therapieprinzip", sagt Thomssen. Und der Onkologe George Sledge jubilierte auf dem ASCO-Kongreß gar, dies seien die "verblüffendsten Ergebnisse einer adjuvanten Studie", die er in seiner gesamten Laufbahn erlebt habe.
Der Wirkstoff selbst ist an sich gar nicht so neu. Man kennt ihn seit den frühen neunziger Jahren. Seit mehr als fünf Jahren wird er gegen metastasierten Brustkrebs eingesetzt. Doch jetzt hat sich erstmals die Wirksamkeit bei der Frühform der Erkrankung gezeigt - also in einem Stadium, in dem die Patientinnen noch geheilt werden können. Zudem ist die Idee einer zielgenauen Krebsbehandlung wieder ein Stück näher gerückt.
Substanz greifen Zellen nicht an
Denn anders als Chemo- oder Strahlentherapie greift Trastuzumab die Zellen nicht mit einer zerstörerischen Breitseite an. Es ist ein synthetischer Antikörper, der das an der Oberfläche von Brustkrebszellen sitzende Protein HER2 (Human Epidermal Growth Factor Receptor) blockiert. HER2 nimmt Signale von Wachstumsfaktoren auf, die die Zelle von außen erreichen, und leitet diese in die Zelle weiter. Gibt es zu viele solcher Andockstellen, teilen sich die Zellen schnell und unkontrolliert. Das ist bei 20 bis 30 Prozent der Frauen mit Brustkrebs der Fall. Ihr Krebs ist HER2-positiv und verläuft besonders aggressiv.
Darauf beruht auch das Therapieprinzip: Die Antikörper können an das HER2-Protein andocken, versperren den Platz für die Wachstumsfaktoren und verhindern so die fatale Signalkaskade. Neben der zytostatischen (das Zellwachstum hemmenden) wird eine zytotoxische (zelltötende) Wirkung vermutet: Der Antikörper ruft das Immunsystem auf den Plan, das die Tumorzelle erkennt und im besten Fall vernichtet.
Schlafende Krebszellen aufspüren
"Mit dem HER2-Protein ist eine spezielle molekularbiologische Eigenschaft der Tumorzelle ins Visier gerückt", sagt Thomssen. Molekulare Wirkstoffe haben noch weitere Vorteile: Antikörper können einzelne, im Körper verstreute und noch schlafende Krebszellen aufspüren. Dies könnte ein Grund dafür sein, warum sie das Wiederauftreten des Krebses verhindern helfen.
Zudem fallen viele Nebenwirkungen von Zellgiften weg, wie etwa Haarausfall oder Übelkeit. Sie sind nichts anderes als Kollateralschäden am gesunden Gewebe. Allerdings kann auch Trastuzumab Nebenwirkungen haben, vor allem Herzschädigungen. In den amerikanischen Studien hatten in der Trastuzumab-Gruppe rund vier Prozent schwere Herzprobleme, in der Gruppe ohne Trastuzumab weniger als ein Prozent.
„Wir sollten der Biologie zuhören“
Trotzdem verbinden Kliniker wie Thomssen und Sledge mit dieser Therapie große Hoffnungen. "Die Biologie hat gesprochen, wir sollten zuhören", sagt Sledge. Eric Winer von der Harvard Medical School glaubt, daß schon bald die molekularbiologischen Merkmale eines Tumors für Prognose und Behandlung wichtiger sein werden als beispielsweise die Größe des Tumors: "Künftig wird die Anatomie zwar wichtig, aber zweitrangig sein." Der Tumor werde als biologisches Individuum beschrieben, nicht mehr nur seiner äußeren Gestalt nach.
Das HER2-Protein ist nicht der einzige Angriffspunkt solcher Therapien. Ebenfalls auf dem ASCO-Kongreß wurde die Zwischenanalyse einer Studie vorgestellt, die die Wirksamkeit von Bevacizumab bei metastasiertem Brustkrebs zeigt. Dieser Antikörper blockiert den von der Krebszelle ausgesandten Wachstumsfaktor VEGF, der die Bildung neuer Blutgefäße anregt. So sollen Tumore von der Blutversorgung abgeschnitten werden.
Rasche Fortschritte noch fraglich
Auch Vorgänge innerhalb der Zelle versucht man gezielt zu beeinflussen. Mit kleinen Molekülen lassen sich Botenstoffe, etwa Kinasen, blockieren, die für die unkontrollierte Zellteilung mitverantwortlich sind. Die Signalkette, deren Ergebnis das Tumorwachstum ist, wird unterbrochen. Gegen andere Tumoren werden ähnliche Strategien entwickelt. Klinisch getestet oder bereits eingesetzt wird Bevacizumab gegen einige solide Tumoren, der intrazellulär wirkende Stoff Erlotinib gegen Bauchspeicheldrüsen- und Lungenkrebs. Wesentliche Fortschritte hat es jüngst auch bei der Hormonbehandlung gegeben.
Mit den ersten Erfolgen solch zielgenauer Therapien hat sich in der Krebsbehandlung ein neuer Weg eröffnet - auch wenn derzeit niemand weiß, wie schnell man auf ihm vorankommt und wie die in absehbarer Zukunft nicht gerade billigen Therapien bezahlt werden können.