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Brustkrebs Die Knoten am Schopf packen

26.10.2005 ·  Der Antikörper Trastuzumab, der unter dem Handelsnamen Herceptin bereits seit Jahren beim fortgeschrittenen Brustkrebs eingesetzt wird, ist offensichtlich auch bei frühen Stadien der Erkrankung hilfreich.

Von Hildegard Kaulen
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Der Antikörper Trastuzumab, der unter dem Handelsnamen Herceptin bereits seit Jahren beim fortgeschrittenen Brustkrebs eingesetzt wird, ist offensichtlich auch bei frühen Stadien der Erkrankung hilfreich. Beim Brustkrebs, der noch keine Metastasen gebildet hat und mit gängigen Standardtherapien behandelt worden ist, halbiert er die Rückfallquote und senkt die Sterblichkeit. Allerdings zeigt er diese Wirkung nur bei Geschwulsten, die den Her2-Rezeptor, sein Erkennungsprotein, auf der Zelloberfläche tragen. Das haben jetzt drei klinische Studien gezeigt, die im neuesten Heft des "New England Journal of Medicine" veröffentlicht wurden und denen Gabriel N. Hortobagyi vom Anderson Cancer Center in Houston in einem Kommentar eine beträchtliche Wirkung auf die gängige Behandlungspraxis zuschreibt.

Aggressive Tumore

Beim Brustkrebs gibt es verschiedene Formen mit höchst unterschiedlicher Prognose. Geschwulste mit vielen Bindungsstellen für das Trastuzumab - das ist etwa jeder vierte bis fünfte Brusttumor - gelten als aggressiv. Sie tauchen nach ihrer operativen Entfernung häufig wieder auf und bilden rasch Metastasen. Es liegt deshalb nahe, diesen möglichen Komplikationen auch bei frühzeitig entdeckten und behandelten Tumoren mit einer vorbeugenden, einer adjuvanten Therapie mit Trastuzumab entgegenzuwirken. Weil der Antikörper aber eine herzschädigende Wirkung besitzt, müssen Nutzen und Risiko bei günstiger Prognose sorgfältig abgewogen werden. Diese Abwägung ist jetzt durch die klinischen Studien vorgenommen worden.

Das Ergebnis scheint einhellig. Die verantwortlichen Ärzte halten die je nach Studie mit einem halben bis vier Prozent bezifferte Zahl von tödlich endenden Herzerkrankungen angesichts der drastischen Senkung der Rückfallquote und der Brustkrebssterblichkeit durch die Therapie mit Trastuzumab auch bei frühen Formen von Brustkrebs für vertretbar. Obwohl die drei Studien zum gleichen Ergebnis kommen, waren die Bedingungen höchst unterschiedlich. In der von Martine J. Piccart-Gebhart vom Jules Bordet Institute in Brüssel geleiteten Hera-Studie stand neben der Wirkung des Trastuzumabs beim frühen Brustkrebs die Behandlungsdauer im Vordergrund (Bd. 353, S. 1659). Den Patientinnen wurde der Antikörper nach Abschluß der Standardbehandlung entweder für ein oder zwei Jahre verabreicht. Die bislang vorliegenden Daten beziehen sich allerdings nur auf die einjährige Behandlung. Bei einer auf die Brust beschränkten Erkrankung ohne Lymphknotenbefall sah die Behandlung Operation und Bestrahlung vor. Bei einem Lymphknotenbefall bestand sie aus Operation und Chemotherapie. Zu den beeindruckendsten Ergebnissen dieser Studie zählte, daß zwei Jahre nach der Therapie in der mit dem Antikörper behandelten Gruppe nahezu keine Rückfälle aufgetreten waren. Dieser Zeitpunkt ist für das Wiederauftreten des Brustkrebs kritisch.

Reduzierte Sterblichkeit

In den von Edward H. Romond von der Universität Pittsburgh und seinen Kollegen verantworteten B31- und N9831-Studie wurde geprüft, ob Trastuzumab zeitgleich zur oder erst im Anschluß an die Chemotherapie verabreicht werden sollte (Bd. 353, S. 1673). Diese Frage ist deshalb so wichtig, weil beide Wirkungen des Trastuzumabs - die das Herz schädigende und die den Brustkrebs unterdrückende - bei einer zeitgleichen Therapie am größten sind. Weil das Trastuzumab nie zusammen mit Anthrazyklinen verabreicht werden darf, das Doxorubicin aber ein wichtiger Bestandteil jeder Chemotherapie beim Brustkrebs ist, wurden in diesen Studien zunächst die Zellgifte Doxorubicin und Cyclophosphamid gegeben, gefolgt von dem Zellgift Paclitaxel. Eine zweite Gruppe erhielt nach dem Paclitaxel noch das Trastuzumab, eine dritte Gruppe eine Kombination beider Wirkstoffe. Das Palcitaxel wurde zwölf Wochen lang verabreicht, der Antikörper ein Jahr lang.

Die Brustkrebssterblichkeit sank durch das Trastuzumab um ein Drittel. Da es aber noch keine Langzeitdaten gibt, bleibt abzuwarten, welche Auswirkungen der Antikörper auf Dauer haben wird. Auch Manfred Kaufmann von der Universitätsfrauenklinik in Frankfurt ist der Auffassung, daß Trastuzumab jetzt nicht nur bei fortgeschrittenem, sondern auch bei frühem Brustkrebs verabreicht werden sollte. Als Verordnungsdauer schlägt er ein Jahr vor. Im Vorfeld sollte allerdings eine sorgfältige Abwägung des Nutzens und des Risikos erfolgen. Kaufmann zufolge muß die Behandlung mit Trastuzumab immer Teil einer Erstbehandlung sein. Frauen, deren Tumor zwar mit dem Her2-Eiweiß besetzt gewesen ist, deren Behandlung aber schon längere Zeit zurückliegt, sollten den Antikörper nicht mehr erhalten. Trotz dieser ermutigenden Ergebnisse bleiben noch viele Fragen. Unklar ist, wie ein optimales Therapieschema auszusehen hat. Auch die Frage, ob das Trastuzumab zusammen mit der Chemotherapie oder nach der Chemotherapie verabreicht werden sollte, ist noch ungeklärt. Die Ergebnisse legen nahe, daß eine zeitgleiche Gabe mehr unerwünschte Wirkungen zur Folge hat. Geklärt werden muß auch, wie irgendwann mit einer wachsenden Resistenz gegenüber dem Antikörper umzugehen ist.

Quelle: F.A.Z., 26.10.2005, Nr. 249 / Seite N1
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