28.11.2006 · Weil viele bei Bluthochdruck keine Leiden spüren, bleiben die Medikamente oft unangetastet im Schrank. Doch die Krankheit ist keine Bagatelle und die unzureichende Therapietreue erschwert die Ursachenforschung.
Von Nicola von LutterottiWie die häufigste Form von hohem Blutdruck genau entsteht, ist noch weitgehend ungeklärt. Einigermaßen sicher scheint nur, daß bei dieser sogenannten essentiellen Hypertonie der westliche Lebensstil eine wichtige Rolle spielt.
Andererseits gibt es eine ganze Reihe von Hochdruckleiden, die auf nachvollziehbaren und damit - zumindest theoretisch - behebbaren Ursachen beruhen. Nur selten aber treten die blutdrucksteigernden Faktoren klar zutage oder lassen sich mit simplen Tests zweifelsfrei nachweisen.
Dem Thema „Sekundäre Hypertonie“ - so die wissenschaftliche Bezeichnung für Hochdruckkrankheiten mit ersichtlicher Ursache - widmete die Deutsche Hochdruckliga auf ihrer Jahrestagung in München, die sie diesmal gemeinsam mit den Hypertoniegesellschaften Österreichs und der Schweiz abgehalten hat, daher besondere Aufmerksamkeit.
Medikamente bleiben in der Pillendose
Eine sekundäre Hypertonie läßt sich mit den gängigen Mitteln oft besonders schwer beherrschen. Der Verdacht auf ein solches Leiden entsteht daher in aller Regel, wenn sich der Blutdruck trotz intensiver Therapie nicht hinreichend senken läßt.
Mitunter gibt es hierfür freilich eine einfache Erklärung. Wie nämlich etliche Statistiken zeigen, bleiben die Medikamente oft unangetastet im Schrank oder in der Pillendose liegen. Ein wesentlicher Grund für die unzureichende Therapietreue ist, daß hoher Blutdruck meist keine Beschwerden verursacht.
Kortison läßt den Blutdruck steigen
Für den Präsidenten der Hochdruckliga, den Nephrologen Hermann Haller von der Medizinischen Hochschule Hannover, kommt es daher in erster Linie darauf an, die Betroffenen von der Notwendigkeit einer regelmäßigen Einnahme ihrer blutdrucksenkenden Arzneien zu überzeugen. Wichtige Voraussetzungen hierfür seien zum einen ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen Arzt und Patient und zum anderen die Wahl eines verträglichen Mittels. Erfahrungsgemäß nehmen die Patienten das Medikament nämlich nur dann konsequent ein, wenn sie keine unangenehmen Nebenwirkungen verspüren.
Eine hartnäckige Hypertonie kann allerdings verschiedene Ursachen haben. Ein häufiger und zugleich oft übersehener Grund sind Medikamente gegen andere Leiden, wie der Pharmakologe Walter Haefeli von der Universitätsklinik Düsseldorf ausführte.
Blutdrucksteigernde Effekte besitzen etwa Kortison und seine Abkömmlinge, verschiedene Rheumamittel, einige das Immunsystem unterdrückende Wirkstoffe und bestimmte Psychopharmaka. Während einige dieser Substanzen unmittelbar auf die Blutgefäße einwirken, erhöhen andere den Gefäßwiderstand auf indirektem Weg, etwa indem sie die Empfindlichkeit der Adern auf bestimmte Kreislaufhormone erhöhen.
Versagen des neuen Organs
Eine durch Medikamente hervorgerufene Hypertonie klingt zwar meist wieder ab, wenn man das blutdrucksteigernde Mittel absetzt. Nicht immer ist das aber möglich. Als ein Beispiel nannte Haefeli die Anwendung von Immunsuppressiva in der Transplantationsmedizin. Diese führten oft schon nach kurzer Zeit zum Anstieg des Blutdrucks.
Da die Betroffenen auf diese Medikamente aber in aller Regel nicht verzichten könnten, müßten sie blutdrucksenkende Arzneien einnehmen. Besonders dringlich sei das für Patienten mit einem Nierentransplantat, erklärte der Pharmakologe. Denn ein dauerhaft erhöhter Blutdruck könne zum raschen Versagen des neuen Organs führen.
Die sofortige Entbindung als einzige Therapie
Erhebliches Kopfzerbrechen bereitet den Experten eine weitere Form von sekundärer Hypertonie, die ausschließlich bei schwangeren Frauen auftritt. Die Rede ist von der Präeklampsie, einer Krankheit, die schätzungsweise fünf Prozent aller Schwangeren trifft.
Zu den Symptomen dieses Leidens, das sich oft durch starke Kopfschmerzen ankündigt, gehören außer erhöhtem Blutdruck eine vermehrte Eiweißausscheidung im Urin und Wasseransammlungen im Gewebe. Auf welchen Ursachen die schon in der Antike beschriebene mysteriöse Erkrankung genau beruht, hat man trotz intensiver Forschungstätigkeit bislang nicht herausgefunden. An Hypothesen fehle es zwar nicht, sagte der Hochdruckspezialist Ralf Dechend von der Charité in Berlin. Keine der einschlägigen Theorien sei bislang aber bewiesen.
Gesichert scheint nur, daß bestimmte Einflüsse - hierzu zählen etwa ein familiär gehäuftes Auftreten der Präeklampsie, ein Diabetes und bereits bestehender Hochdruck - das Erkrankungsrisiko erhöhen. Auch was eine geeignete Therapie angeht, herrscht in der Fachwelt nach wie vor Ratlosigkeit. Die einzige Möglichkeit, den Blutdruck zu senken und Mutter wie Kind vor schweren Schäden zu bewahren, ist eine sofortige Entbindung.
Tödliche Folgen für den Föten
Nicht einig scheinen sich die Experten außerdem darin zu sein, mit welchen diagnostischen Hilfsmitteln man eine Präeklampsie frühzeitig erkennen kann. Die Bedeutung regelmäßiger Blutdruckkontrollen wird freilich nicht angezweifelt. Nach den Ausführungen von Dechend besteht spätestens dann dringender Handlungsbedarf, wenn der Blutdruck auf 170 zu 110 Millimeter Quecksilbersäule (oberer zu unterem Wert) und somit in den „tiefroten“ Bereich klettert.
Denn mit der Höhe des Blutdrucks steige zugleich das Risiko einer Präeklampsie. In solchen Situationen müsse man gleichwohl immer zwischen dem Nutzen für die Mutter und jenem für das Kind abwägen. Denn während der Schwangeren eine blutdrucksenkende Therapie zugute komme, sei eine solche Behandlung für das Ungeborene oft ungünstig oder gar schädlich.
So führe eine Senkung des mütterlichen Blutdrucks um zehn Millimeter Quecksilbersäule zu einer Verringerung des Geburtsgewichts um 150 bis 170 Gramm. Ein zu starker Blutdruckabfall bei der Mutter könne für den Föten auch tödliche Folgen haben. Wichtig sei daher, den Blutdruck nur so weit wie unbedingt erforderlich zu senken.
Schäden während der frühen Embryonalphase
Ein geeignetes Medikament für Schwangere ist nach den Empfehlungen der Hochdruckliga der Wirkstoff Alpha-Methyldopa. Andere blutdrucksenkende Mittel sind demnach weniger günstig oder sogar gefährlich. Als besonders riskant gilt die Anwendung von ACE-Hemmern und Angiotensin-Antagonisten.
Neuesten Erkenntnissen zufolge schädigen diese - ansonsten gut verträglichen - Medikamente das Kind nicht erst in einem späteren Entwicklungsstadium, sondern schon während der frühen Embryonalphase. Frauen mit Bluthochdruck, die im gebärfähigen Alter sind, sollten daher auf keinen Fall derartige Mittel erhalten, wie Volker Homuth von der Charité ergänzend zu den Ausführungen seines Kollegen anmerkte.