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Blutfett Verdient das gute Cholesterin seinen Ruf?

27.12.2011 ·  Ratlosigkeit in der Medizinerwelt: Anders als erhofft, führte in einer neuen Studie der Anstieg von „gutem“ HDL-Cholesterin im Blut nicht zu einem Rückgang der Gefäßerkrankungen.

Von Nicola von Lutterotti
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Das auch als "gutes" Cholesterin bekannte Lipoprotein hoher Dichte, kurz HDL-Cholesterin, verhält sich offenkundig nicht immer so modellhaft wie die Bezeichnung impliziert. Denn eine mit Medikamenten herbeigeführte Anreicherung dieser kompakten Fett-Eiweiß-Partikel im Blut ist vielfach nicht in der Lage, das Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle zu vermindern. Enttäuschende Ergebnisse lieferte zuletzt auch eine größere Studie, die dem Nutzen einer solchen Therapie auf den Grund gegangen war. Die Teilnehmer des Projekts, insgesamt 3414 größtenteils männliche Patienten mittleren Alters, litten alle an arteriosklerotisch bedingten Durchblutungsstörungen im Herzmuskel, dem Gehirn oder auch in den Beinen. Darüber hinaus wiesen sie geringe Mengen an HDL-Cholesterin im Blut auf. Was das Studienprotokoll betrifft, erhielten alle Probanden den Cholesterinsenker Simvastatin in einer Dosierung, die den Gehalt des sogenannten "schlechten" LDL-Cholesterins - LDL steht für Lipoprotein geringer Dichte - auf 40 bis 80 Milligramm pro Deziliter Blut absenkte. Einer Hälfte verordneten die Ärzte außerdem das Medikament Nikotinsäure - mit dem erklärten Ziel, den HDL-Cholesteringehalt im Blut zu erhöhen. Der anderen Hälfte verschrieben sie eine identisch aussehende Placebopille.

Bedennkliche Nebenwirkung

Über die Ergebnisse ihrer Untersuchungen berichten Forscher um den Kardiologen William Boden von der University at Buffalo in New York im "New England Journal of Medicine" (Bd. 356, S. 2255). Demnach mussten sie die Studie nach einer Laufzeit von drei Jahren abbrechen, weil die Anwendung von Nikotinsäure, auch Niacin genannt, keine heilsame Wirkung entfaltet hatte. Zwar war es hiermit gelungen, den Gehalt von HDL-Cholesterin im Blut zu erhöhen und jenen von LDL-Cholesterin und einigen anderen arteriosklerosefördernden Blutfetten zu senken. Anders als erhofft, führte dies allerdings nicht zu einem Rückgang an schweren, teilweise tödlichen Gefäßverschlüssen im Herzen und Gehirn. Der Anteil solcher Herz-Kreis-Lauf-Attacken lag in beiden Kollektiven vielmehr bei rund 16 Prozent. Schlaganfälle traten in der mit Nikotinsäure behandelten Gruppe sogar vergleichsweise häufiger auf. Da die Zahl der Betroffenen insgesamt aber nur gering war, lässt sich eine Laune des Zufalls dabei nicht ausschließen.

Große Ratlosigkeit

Das unerwartete Resultat des Projekts mit dem Kürzel AIM-HIGH hat in der Fachwelt für Ratlosigkeit gesorgt. Laut Arnold von Eckardstein vom Institut für Klinische Chemie des Universitätsspitals in Zürich lässt sich nur schwer nachvollziehen, warum die Behandlung mit Niacin keinerlei Erfolg zeigte. Denn schließlich habe sie die Konzentration etlicher Blutfette positiv beeinflusst. Wie der Lipidexperte zugleich anmerkt, eignet sich die Nikotinsäure aufgrund ihres umfassenden Wirkungsspektrums eigentlich nicht dazu, den Nutzen einer Anhebung des HDL-Cholesterinspiegels zu untersuchen. Ähnliches gilt auch für eine neuartige Gruppe von einschlägigen Medikamenten, die einen Cholesterintransporter mit der Bezeichnung CETP daran hindern, seinen Aufgaben als Fettbeförderer nachzukommen. So führen auch die CETP-Hemmer zu einem - teilweise extrem ausgeprägten - Anstieg des HDL-Cholesteringehalts und gleichzeitig zu einem Abfall des LDL-Werts im Blut.

Überschätzter Wirkstoff

Ob diese innovativen Mittel die in sie gesetzten Erwartungen zu erfüllen vermögen, lässt sich aufgrund des Mangels an Daten bislang zwar noch nicht beurteilen. Die bisherigen Erfahrungen legen gleichwohl den Schluss nahe, dass sie den Betroffenen zumindest nicht schaden. Frühzeitig Schiffbruch erlitten hat nämlich ein CETP-Hemmer der ersten Stunde namens Torcetrapib. Dieser konnte die Zusammensetzung der Blutfette zwar in der gewünschten Weise verändern, die Häufigkeit von Herz-Kreis-Lauf-Attacken aber nicht vermindern, ganz im Gegenteil. So erhöhte Torcetrapib die Sterblichkeit der hiermit behandelten Patienten - vermutlich, weil es die Herstellung des salzsparenden Hormons Aldosteron ankurbelte und den Blutdruck in die Höhe trieb. Derartige Nebenwirkungen scheinen bei drei anderen, noch in der klinischen Erprobung befindlichen CETP-Hemmern nicht aufzutreten.

Wie gut ist gut?

Wie diese und weitere Erkenntnisse verdeutlichen, sind erhöhte Blutspiegel an HDL-Cholesterin keine Garantie für ein langes und gesundes Leben. Zwar bestehen wenig Zweifel daran, dass geringe Mengen dieses kompakten Lipoproteins mit einem erhöhten Infarktrisiko einhergehen. Der Umkehrschluss trifft aber offenbar nicht zu. Als irreführend bezeichnete es von Eckardstein außerdem, HDL als "gutes" Cholesterin zu betiteln. Denn zum einen gingen die günstigen Wirkungen dieses äußerst komplexen und in seiner Zusammensetzung variierenden Lipoproteins nicht von Cholesterin aus, sondern von anderen Fettstoffen und von Proteinen, die in den HDL-Partikeln transportiert werden. Und zum anderen sei HDL keineswegs immer gut. Unter bestimmten Voraussetzungen könnten seine heilsamen Wirkungen vielmehr abhandenkommen oder sogar ins Gegenteil umschlagen.

In welche Richtung das HDL jeweils tendiert, scheint maßgeblich vom Gesundheitszustand eines Individuums abzuhängen. So konnten Wissenschaftler um Christian Besler, Ulf Landmesser und Thomas Lüscher von der Klinik für Kardiologie am Universitätsspital in Zürich zeigen, dass die HDL-Partikel von Patienten mit verkalkten Herzkranzarterien viel weniger nachhaltig vor Arteriosklerose schützen als jene von Gesunden. Zurückführen ließ sich dieser "Gesinnungswandel" von HDL auf die Aktivitätsminderung eines Enzyms, das die Attacken chemisch aggressiver Sauerstoffradikale abwehrt und die Bestandteile des Lipoproteins somit vor oxidativen Prozessen bewahrt. Solche chemischen Reaktionen haben zur Folge, dass HDL seine gefäßverjüngenden Effekte einbüßt. Nur im Normalzustand ist das Lipoprotein nämlich in der Lage, die Arterienwände von Cholesterin zu befreien, entzündliche Reaktionen zu unterdrücken und Heilungsprozesse in Gang zu bringen. Ein Funktionsverlust von HDL wurde auch in Zusammenhang mit anderen Krankheiten beschrieben, darunter Diabetes und Rheuma.

Passender Biomarker gesucht

Ob sich das kompakte Lipoprotein von seiner guten oder schlechten Seite zeigt, lässt sich anhand der gängigen Labortests nicht ermitteln. Um diese Frage zu beantworten, müsse man die Funktionen der HDL-Partikel messen, betont von Eckardstein. Solche Untersuchungen seien aber extrem aufwändig und könnten daher nur in Speziallabors vorgenommen werden. Seit geraumer Zeit fahndet man daher nach Indikatoren, mit denen sich der funktionelle Zustand von HDL leichter messen lässt. Enorm hilfreich wären solche Biomarker nicht zuletzt auch, um die Wirkung einschlägiger Medikamente frühzeitig beurteilen zu können. Viele Parameter, darunter die Größe und Zusammensetzung der HDL-Partikel, wurden auch schon auf ihre Tauglichkeit als Funktionsbiomarker überprüft. Bislang hat sich aber noch keiner davon bewährt. Die Suche geht daher weiter.

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