Home
http://www.faz.net/-gx3-74bwz
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Bessere Defibrillatoren Unnötige Elektroschocks

Verzögerte Defibrillator-Signale sind wirkungsvoller und verringern die Sterblichkeit. Das ist das Ergebnis einer Studie an 1500 Patienten.

© dpa Vergrößern Chirurg bei Herzoperation

Die implantierbaren Defibrillatoren, winzige Elektrodensysteme zur Verhinderung eines plötzlichen Herztods, geben teilweise auch ohne triftigen Grund elektrische Schocksignale ab - ein Nachteil, der die Patienten erheblich belastet. Anders als weithin angenommen, fallen die unnötigen Stromstöße allerdings nicht in die Rubrik „unangenehm, aber weitgehend harmlos“. Laut den Ergebnissen einer aktuellen Studie unterminieren sie vielmehr die lebensrettende Wirkung der automatischen Schockgeber. Stellt man die Defibrillatoren nämlich so ein, dass sie nur noch selten überflüssige elektrische Impulse aussenden, verringert sich zugleich auch die Sterblichkeit der Patienten. Überzeugende Belege für einen solchen Zusammenhang haben jedenfalls Wissenschaftler um den amerikanischen Kardiologen Arthur Moss von der University of Rochester in New York „im New England Journal of Medicine“ vorgelegt (doi:10.1056/NEJMoa1211107).

Weniger Strömstöße - geringere Sterblichkeit

In der Studie mit dem Kürzel MADIT-RIT hatten die Forscher untersucht, ob sich die Zahl der unnötigen elektrischen Impulse verringern lässt, wenn die Schockgeber weniger empfindlich einstellt sind als bislang üblich. Hierzu programmierten sie die Defibrillatoren von 1500 Patienten, die bis dahin noch kein bedrohliches Herzrasen erlitten hatten, zu je einem Drittel entweder wie gewohnt (Kontrollgruppe) oder auf eine von zwei neuen Arten. Bei der herkömmlichen Einstellung schaltete sich der Defibrillator ein, wenn das Herz länger als zweieinhalb Sekunden lang mit einer Frequenz von mindestens 170 pro Minute schlug. Bei der verzögerten Aktivierung feuerte er beim gleichen Puls, jedoch erst nach 60 Sekunden. Und bei der dritten Anwendungsart reagierte er erst von einer Herzfrequenz von 200 Schlägen pro Minute an, dann allerdings schon nach zweieinhalb Sekunden. Das Ergebnis: Verglichen mit dem herkömmlichen Vorgehen, führten beide neuen Programmierungsarten zu einem drastischen Rückgang der unnötigen Stromimpulse und - was viele nicht für möglich gehalten hatten - einer geringeren Sterblichkeit. So gaben die wie gewohnt eingestellten Defibrillatoren im Verlauf von eineinhalb Jahren insgesamt 1000 überflüssige Stromstöße ab.

Mehr zum Thema

Bei den Geräten mit verzögerter Aktivierung waren es demgegenüber nur 264 und bei jenen, die erst ab einer erhöhten Herzfrequenz feuerten, sogar lediglich 75. Was die Sterblichkeit angeht, erlagen in der Kontrollgruppe knapp sieben Prozent der Patienten einem schweren Leiden. In den beiden anderen Kollektiven waren es nur etwa halb so viele Patienten. Ein weiterer Vorteil der Programmierung war, dass sie deutlich weniger Energie verbrauchte und die Batterien somit mehr schonte. Je länger diese halten, desto seltener müssen sich die Patienten einem Gerätewechsel unterziehen.

Geschickte Programmierung

Wie einer der Studienautoren, Helmut Klein von der University of Rochester, auf Anfrage darlegt, hatten die Ethikkommissionen und viele Ärzte zunächst befürchtet, die erst später erfolgenden Impulsabgaben könnten das Risiko für einen Herztod erhöhen. Es sei daher nicht leicht gewesen, sie von der Notwendigkeit des Projekts zu überzeugen. Weshalb die herkömmliche Programmierung mit einer erhöhten Sterblichkeit einherging, ist bislang zwar unklar. Klein hält es gleichwohl für denkbar, dass die unnötigen Elektroschocks mitunter selbst ein tödliches Herzflimmern - das sind unkoordinierte Zuckungen der Hauptkammern des Herzens - erzeugen. „Nicht jedes Herzrasen mündet zwangsläufig in ein solches Kammerflimmern und muss daher sofort beendet werden“, erklärt der Kardiologe. „Oft hört das Herzjagen vielmehr von selbst wieder auf.“ Das Verdienst der Studienautoren ist es, die Frage nach der korrekten Programmierung der kleinen Lebensretter systematisch angegangen zu haben. Denn was nützen immer bessere, zunehmend komplexere medizinische Geräte, wenn man deren therapeutisches Potential nicht zu nutzen vermag?

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Offenbacher Notfallzentrum Keine Wartezeit bei Lebensgefahr

Das Sana-Klinikum in Offenbach hat seine Notaufnahme umgebaut und vergrößert. Denn immer mehr Patienten gehen direkt ins Krankenhaus statt in Arztpraxen. Mehr Von Christoph Borgans, Offenbach

15.12.2014, 08:00 Uhr | Rhein-Main
Waffenlieferung verzögert sich

Die erste deutsche Waffenlieferung an die Kurden im Nordirak verzögert sich. Das niederländische Transportflugzeug, das am frühen Mittwochnachmittag mit Panzerfäusten, Maschinengewehren und Munition aus Bundeswehr-Beständen an Bord in Leipzig abheben sollte, habe einen Defekt. Mehr

24.09.2014, 14:59 Uhr | Politik
Eurovision Song Contest Ticketverkauf beginnt verzögert am 15. Dezember

Am Montag geht es nach mehrmaliger Verzögerung endlich los: Ab dann können sich Fans des Eurovision Song Contest Tickets sichern. Rund 100 000 Karten für neun Shows sind im Angebot. Mehr

11.12.2014, 11:41 Uhr | Gesellschaft
Neuer Roboterarm kann fühlen

Dieser neue Roboterarm wird nicht angefügt wie bei herkömmlichen Prothesen, sondern eingepflanzt. Ein im Knochen verankertes Titanimplantat und Elektroden, die an Muskeln und Oberarmnerven elektrisch gekoppelt werden, eröffnen Amputierten eine ganz neue Welt. Mehr

09.10.2014, 21:28 Uhr | Wissen
Schule und Helikopter-Eltern Unterricht ist heilig

Durch den Brandbrief eines Stuttgarter Schulleiters hat die Diskussion um überfürsorgliche Helikopter-Eltern gerade neuen Schwung bekommen. Wie viel Engagement ist gut, wo ist die Grenze zum Zuviel? Eine Direktorin berichtet. Mehr

15.12.2014, 14:16 Uhr | Gesellschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 14.11.2012, 18:00 Uhr