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Bedrohliche Resistenzen Die Zerstörer der Antibiotika

Ist Massentierhaltung wirklich der Grund für die zunehmenden Resistenzen? Ein neuer Befund aus Schottland will das widerlegen. Doch so einfach ist die Sache nicht.

© dapd Rindvieh macht Mist und bläst Methan in die Luft.

Zu den wichtigsten Aufgaben der Zukunft gehört die Eindämmung der Antibiotika-Resistenzen unter den krank machenden Bakterien. Damit die Weichen richtig gestellt werden, muss allerdings klar sein, was die wesentlichen Ursachen für die zunehmenden Resistenzen sind. Beinahe reflexartig wird dabei immer ein Grund genannt: Die humanpathogenen Keime beziehen den Großteil ihrer Antibiotika-Resistenzen aus der Massentierhaltung, weil ihnen die dort selektionierten Resistenzgene über kontaminiertes Fleisch zugetragen werden. Alison Mather vom Wellcome Trust Sanger Institute in England und ihre Kollegen setzen nun mit einer Arbeit in der Zeitschrift „Science“ ein Fragezeichen hinter diese Argumentation (doi: 10.1126/science.1240578).

Die Forscher zeigen, dass eine bestimmte Gruppe von Salmonellen in Schottland über 22 Jahre nur gelegentlich Resistenzgene von den lokalen Rinderbeständen bezogen hat. Die in Menschen und Rindern vorkommenden Salmonellen unterscheiden sich stark. Die beim Menschen gefundenen Mikroben enthielten viel mehr Resistenzgene. In den grundlegenden Stoffwechselanlagen hingegen fand man keine Unterschiede. Hätten die beim Menschen gefundenen Salmonellen die meisten Resistenzgene von den Salmonellen der Rinder bezogen, müsste deren Kollektion eine Teilmenge der Resistenzgene aus den Rinderpopulationen sein. Doch das ist nicht der Fall.

Hochgepriesene Analysetechnik

Die Forscher haben die multiresistente Variante des Brechdurchfall-Erregers, Salmonella typhimurium DT104, untersucht, der vor dreißig Jahren erstmals nachgewiesen wurde. Der Erreger war lange Zeit die am häufigsten vorkommende Salmonella-Spezies. Dass die tierischen und humanen DT104-Populationen in Schottland kaum Resistenzgene ausgetauscht haben, wurde mit Genom-Analysen gezeigt. Mather und ihre Kollegen haben über 370 Isolate aus mehr als zwei Jahrzehnten vollständig sequenziert und in phylogenetische Stammbäume gruppiert.

Noch nie zuvor haben Wissenschaftler so viele, zur gleichen Zeit und über einen so langen Zeitraum gesammelte Proben aus Rindern und Menschen bis zum letzten Basenpaar unter die Lupe genommen. Diese Analyse sei neuester Stand der Technik, mit der nun die Geschichte von DT104 in seinen menschlichen und tierischen Wirten erhellt werde, schwärmen Mark Woolhouse und Melissa Ward von der Universität Edinburgh in einem Begleitkommentar (doi: 10.1126/science.1243444). Bedeutet dieses Lob nun auch, dass der Eintrag von Resistenzgenen aus den Kuh-, Hühner- und Schweineställen in die humanpathogenen Salmonellen-Populationen viel geringer ist als bisher angenommen? Oder gelten die vorgelegten Ergebnisse nur für Schottland, nur für die dortigen Rinder und nur für die dortigen Populationen an DT104?

Lückenhafte Untersuchung

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