In der Medizin besteht offenbar die starke Tendenz, positiven Forschungsergebnissen - etwa der gesteigerten Wirkung eines neuen Medikamentes - deutlich mehr Beachtung zu schenken als negativen. Zu diesen vermeintlich ungünstigen Ergebnissen gehört auch, wenn beide Mittel gleich gut wirken.
Zu den Gründen hierfür mag zählen, dass positive Studienresultate als wegweisend und somit interessanter empfunden werden. Eine solche Haltung kann die Wahrheitssuche aber erheblich verzerren, ja mitunter völlig verfälschen. Dies ist etwa der Fall, wenn letztlich ausschließlich jene Testergebnisse zur Veröffentlichung gelangen, die das neue Medikament in einem rosigen Licht erscheinen lassen.
Positiv geht vor
Welche Rolle die Fachjournale bei der einseitigen Darstellung wissenschaftlicher Erkenntnisse spielen, haben jetzt die Herausgeber einer renommierten, zur Verlagsgruppe der American Medical Association zählenden Zeitschrift in ihren eigenen Reihen beleuchtet ("Archives of Internal Medicine", Bd. 169, S. 1022). Sie stellten fest, dass alle an der Publikation beteiligten Gruppen - Wissenschaftler, Herausgeber und Gutachter - zu der schiefen Sichtweise beitragen. Von hundert etwa gleichzeitig bei den "Archives" eingereichten Arbeiten enthielten demnach knapp achtzig Prozent ein positives Ergebnis. Diese Auslese setzte sich beim späteren Auswahlverfahren weiter fort.
So werteten die externen Gutachter und die Herausgeber 83 Prozent der Artikel mit positiven, aber nur 5 Prozent jener mit negativen Ergebnissen als publikationswürdig. Dieser Entscheidung lagen aber nicht immer objektive Qualitätskriterien zugrunde.
Arbeit an den den Daten und der Karriere
Der Drang vieler Wissenschaftler, die eigene Hypothese zu bestätigen und folglich positive Forschungsresultate vorlegen zu können, unterminiert die Wahrheitsfindung in der Medizin aber noch auf ganz andere, viel bedrohlichere Weise. Denn er scheint kleineren und größeren Betrügereien den Boden zu bereiten. Diese reichen vom Auslassen und Schönen bis hin zum bewussten Fälschen von unliebsamen Daten. Hinweise auf einen solchen Missstand liefern die Ergebnisse von 21 anonymen Umfragen, die Daniele Fanelli vom Institut für Technologie und Innovation der Universität in Edinburgh nun zusammen ausgewertet hat ("PLoS One", Bd. 4, S. e5738).
Zwei Prozent der daran beteiligten rund 10 000 Wissenschaftler gaben demzufolge zu, schon einmal Daten verändert, gefälscht oder erfunden zu haben. Den wahren Anteil solcher Fehlhandlungen schätzt der Autor gleichwohl wesentlich höher ein. Denn nur wenige Wissenschaftler dürften gewillt sein, sich selbst der Fälschung zu bezichtigen. Bei anderen Personen scheint ihnen dies leichter zu fallen.
Jedenfalls berichteten mehr als 72 Prozent der Befragten, bei Kollegen fragwürdige Praktiken bis hin zu offenkundigen Betrügereien beobachtet zu haben. Wie glaubwürdig die Aussagen sind, lässt sich zwar nicht beurteilen. Es erscheint aber dringlich, die Ehrlichkeit im Wissenschaftsbetrieb nachhaltiger zu fördern. Ein wichtiger Schritt könnte sein, Studien mit negativen Ergebnissen nicht länger zu diskriminieren.
