Im Operationssaal sollte nicht nur Ruhe herrschen, weil sich der Chirurg konzentrieren muss. Akustische Reize gilt es auch deshalb auszuschalten, damit ein unzureichend narkotisierter Patient nicht zusätzlich belastet wird. Geräusche, Stimmen und Lärm zählen nämlich zu den mit Abstand häufigsten Wahrnehmungen bei noch wachen Patienten im Operationssaal. Ähnlich oft berichten Betroffene von Ängsten. Manche bekommen Details der Operation mit, spüren Lähmungen und Schmerzen und fühlen sich hilflos. Am seltensten erinnern sich die Operierten, etwas gesehen zu haben. Über solche, während eines chirurgischen Eingriffs auftretenden Wahrnehmungen berichtet Petra Bischoff vom Knappschaftskrankenhaus Bochum-Langendreer in der jüngsten Ausgabe des „Deutschen Ärzteblattes“ (Bd. 108, S. 1).
Wachzustände während der Narkose sind nicht so selten, wie man bei dem Ausdruck Vollnarkose vermuten würde – ein bis zwei Fälle unter tausend Narkosen kommen vor. Das betrifft bei acht Millionen Anästhesien zwischen 8000 und 16 000 Operierte jedes Jahr in Deutschland. Kinder sind sogar noch stärker gefährdet; sie sind während einer Operation acht- bis zehnmal so häufig wach oder nicht vollständig von Wahrnehmungen abgeschirmt wie Erwachsene. Ein höheres Risiko haben auch jene Patienten, bei denen infolge chronischer Einnahme von Schmerzmitteln, Opiaten oder wegen Drogenmissbrauchs die Schwelle für eine Narkose höher liegt.
Erhöhte Vorsicht bei Muskelrelaxanzien geboten
Manche Operationen begünstigen die Wachheit. Sie trat früher besonders häufig beim Kaiserschnitt auf, da man die Mutter aus Angst vor einer Atemnot des Ungeborenen nicht zu stark betäuben wollte. Das ist jedoch inzwischen in den Hintergrund getreten, da Vollnarkosen bei einer Entbindung nur noch in Ausnahmefällen vorgenommen werden. Die Operation eines Notfalls oder in der Nacht sind heute diejenigen Eingriffe, die am ehesten mit einer mangelhaften Narkose einhergehen. Fehler beim Verabreichen und bei der weiteren Überwachung des Patienten im Verlauf der Operation gelten als weiterer Grund für eine unzureichende Narkosetiefe.
Erhöhte Vorsicht ist offenbar bei der Verwendung sogenannter Muskelrelaxanzien geboten. Die Muskelentspannung ist eine der vier Hauptsäulen der Narkose, damit keine Patientenbewegungen die Präzision beim Schneiden gefährden. Die Ausschaltung des Bewusstseins ist eine weitere Komponente, ebenso wie die des Empfindens, vor allem von Berührung und Schmerz. Schließlich bedarf es der Beruhigung von vegetativen Systemen wie Herz und Kreislauf, damit nicht etwa unwillkürlich der Blutdruck in die Höhe schnellt. Lähmt man mit Relaxanzien die Muskeln, reicht aber die mit anderen Substanzen herbeigeführte Bewusstseinstrübung nicht aus, so empfindet der dann wache Patient die Lähmung als extrem belastend. Das Gefühl der Hilflosigkeit kann sich bis zur Panik und Todesangst steigern, gerade weil er sich nicht bemerkbar machen kann.
Behandlung der Nachwirkungen
Für die Not des wachen Patienten gibt es nur selten objektive Fingerzeige für den Narkosearzt, wie einen erhöhten Herzschlag. Auch mit neuen Ansätze, etwa durch das Registrieren der Hirnströme, lässt sich das Wachsein nicht zweifelsfrei erkennen. Entsprechende Schulung des Personals, Messung der Gaskonzentration, konsequente akustische Abschirmung und Vermeidung von angsteinflößenden Begriffen wie „Krebs“ oder „zwecklos“ während der Operation werden vorbeugend empfohlen.
Wenn auch das Wachsein oder Wachwerden während des Eingriffs nicht immer vermeidbar scheint, das Ignorieren der im Nachhinein geäußerten Beschwerden stellt jedenfalls einen klaren Behandlungsfehler dar. Die Nachwirkungen können sich nämlich zu einer chronischen posttraumatischen Belastungsstörung steigern, von der offenbar bis zu einem Drittel der Wachpatienten betroffen sind. Frühzeitig behandelt, lässt sich dem indes wirksam vorbeugen. Für die Visiten nach der Operation bedeutet das, dass diejenigen Ärzte und Pflegekräfte, die mit dem Patienten zu tun haben, genau hinhören sollten.Martina Lenzen-Schulte
