14.07.2010 · Im Blut eines mit HIV infizierten Mannes sind Antikörper mit weitem Wirkungsspektrum isoliert worden. Die Suche nach einem Impfstoff wird trotzdem kein schnelles Ende finden.
Von Nicola von LutterottiZwei Antikörper, die den Aids-Erreger offenbar äußerst erfolgreich am Eindringen in die menschlichen Immunzellen hindern, sind jetzt von Wissenschaftlern aus dem Blut eines mit dem Immunschwächevirus HIV infizierten Mannes isoliert worden. Ihre Wehrfähigkeit besitzen die beiden Immunproteine mit der Bezeichnung VRC01 und VRC02 zudem nicht nur gegen einzelne, sondern vielmehr gegen 90 Prozent aller 190 gängigen HIV-Stämme.
Wie die Wissenschaftler um Xueling Wu und John Mascola vom Impfforschungszentrum der amerikanischen Gesundheitsbehörde NIH in Bethesda (Maryland) in der Online-Ausgabe der Zeitschrift „Science“ (doi:10.1126/science.1187659) berichten, hat sich der betroffene Mann vor mehr als 15 Jahren mit dem Aids-Erreger angesteckt. Bislang sei er aber noch nicht an Immunschwäche erkrankt und benötige auch noch keine antivirale Therapie.
Nicht völlig überraschend, doch bedeutsam
Ob der Mann zeitlebens gesund bleiben wird, lässt sich noch nicht absehen. Die Entdeckung von Antikörpern mit derart weitem Wirkungsspektrum ist dennoch bedeutsam. Wie sie nämlich zeigt, ist der menschliche Organismus offensichtlich in der Lage, dem Aids-Erreger die Stirn zu bieten. Darüber hinaus nährt sie die Hoffnung, dass es eines Tages möglich sein könnte, dem menschlichen Immunsystem mit einem einschlägigen Impfstoff gezielt auf die Sprünge zu helfen. Wann es so weit sein wird, ja, ob man dieses Ziel jemals erreicht, ist freilich noch ungewiss.
Die Beobachtung der amerikanischen Forscher kommt nicht völlig überraschend. Auch früher hat man bei HIV-Infizierten Antikörper gefunden, die den Aids-Erreger davon abhalten, menschliche Zellen zu befallen. Die bisher entdeckten Immunproteine dieser Art – in der Fachwelt neutralisierende Antikörper genannt – besitzen allerdings viel weniger Durchschlagskraft als die jetzt identifizierten.
Insgesamt bereitet es dem menschlichen Abwehrsystem erhebliche Mühe, dem Immunschwächevirus das Handwerk zu legen. Eine ungewöhnliche Wandlungsfähigkeit erlaubt es dem Eindringling nämlich, den Verteidigungskräften seiner Opfer beständig ein Schnippchen zu schlagen. Gleichwohl verfügt auch HIV über Bereiche, die sich von einer Generation zur nächsten nicht oder kaum verändern und dem Immunsystem daher eine Angriffsfläche bieten.
Die wirksamen Antikörper
Eine solche strukturelle Stabilität weist das Virus an jener Stelle seines Hüllproteins auf, mit der es sich an den Immunzellen festhält und wo es diese gleichsam aufsperrt. Dieser CD4bs genannte „Schlüssel“, der auf der Zellseite in ein entsprechendes „Schloss“, das Rezeptormolekül CD4, passt, ist freilich weitgehend unsichtbar. Denn der Erreger versteht es, ihn mit allerlei Tricks, etwa einem Schutzschild aus sperrigen Zuckermolekülen, vor dem Abwehrsystem zu verbergen.
Nicht immer gelingt es dem Verwandlungskünstler jedoch, seine Opfer zu täuschen. Der beste Beleg dafür sind die mitunter nachgewiesenen neutralisierenden Antikörper, zu denen auch VRC01 und VRC02 zählen. Diese Immunstoffe packen den Eindringling an dessen empfindlichster Stelle – der zum Eintritt in die Zellen benötigten Schlüsselstruktur CD4bs. Ihre Konzentration im Blut ist allerdings äußerst gering, wie Joachim Denner vom Robert-Koch-Institut in Berlin in einem Gespräch mit dieser Zeitung betont.
Nachbau der Schlüsselpartie
Sie aus dem großen Meer von wenig wirksamen Antikörpern herauszufischen, stelle daher eine enorme Leistung dar. So hätten die amerikanischen Forscher rund 25 Millionen Immunzellen untersucht und die gewünschten Eigenschaften dann bei lediglich 29 gefunden. Dass sie überhaupt in der Lage waren, die Stecknadel im Heuhaufen zu finden, liege an der außerordentlich großen Treffgenauigkeit ihrer Angel.
Beträchtliche Anstrengungen verwendeten die Wissenschaftler nämlich auf die Herstellung eines Konstrukts, das die Schlüsselpartie der HIV-Virenhülle exakt nachahmt – so genau, dass die entsprechenden Immunzellen daran hängen bleiben.
Mit vergleichbaren Konstrukten sollte es theoretisch auch möglich sein, die Herstellung von neutralisierenden Antikörpern gezielt zu fördern und den Organismus somit gegen HIV zu immunisieren. Alle Bemühungen dieser Art sind vorerst aber gescheitert, wie Denner einräumt. Weshalb, könne man bislang noch nicht sagen.
Impfstoffsuche geht weiter
Allerdings sei offenkundig, dass sich der für das Eindringen in die Zelle erforderliche Haftbereich CD4bs auf der Virushülle nicht leicht nachbilden lasse. Zwar habe man das Immunsystem dazu bringen können, Antikörper zu erzeugen, die an diese Stelle binden. Diese Immunproteine seien jedoch nicht in der Lage gewesen, den Aids-Erreger am Eindringen in die Immunzellen zu hindern.
Für wenig wahrscheinlich hält es der Virusforscher zugleich, dass die Entdeckung von Frau Xu und ihren Kollegen der frustrierenden Impfstoffsuche ein schnelles Ende bereiten könnte. Dennoch stelle sie einen wichtigen Erkenntnisgewinn dar, zumal sie zeige, dass der Mensch dem Aids-Erreger weniger hilflos ausgeliefert ist als bisher vermutet.
offenbar äußerst erfolgreich...
Sven Kaulbars (faz-kaule)
- 14.07.2010, 08:24 Uhr
AIDS ist eine ganz schlimme Seuche
Torsten Klier (TorstenKlier)
- 14.07.2010, 23:20 Uhr
Haha
Harald Harald (userF.T)
- 15.07.2010, 04:19 Uhr
@ harald harald
Sven Kaulbars (faz-kaule)
- 15.07.2010, 09:51 Uhr
Der Unterschied
Harald Möller (Velbert)
- 17.07.2010, 20:40 Uhr