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Aids-Prävention Ein Gel, das Millionen Leben retten könnte

20.07.2010 ·  Große Fortschritte sind in der Aidsbekämpfung selten geworden. Umso überraschender ist dieser Erfolg: Ein Mikrobizid, angewendet in der Form eines Vaginalgels, das Frauen vor dem Virus schützt.

Von Peter-Philipp Schmitt
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Die Mikrobizid-Entwicklung war bislang nicht gerade eine Erfolgsgeschichte. Seit mehr als zwanzig Jahren wird nach einer vaginalen Substanz als HIV-Schutz geforscht, die Frauen sicher vor einer Infektion schützen kann, ohne dass sie von der Bereitschaft des Sexualpartners und einem Kondom abhängig wären. Alle Studien mit den ersten Mikrobiziden mussten vorzeitig abgebrochen werden oder blieben ergebnislos. Nun sind auf der Welt-Aidskonferenz in Wien die Daten einer erst im März in Südafrika beendeten klinischen Studie vorgelegt worden. Es handelt sich um eine Phase-IIb-Studie mit einem Mikrobizid der zweiten Generation. Die Ergebnisse zeigen zum ersten Mal, dass das Konzept der Prävention für Frauen wirklich funktionieren kann.

Das Mikrobizid in Gelform, das ein Prozent des Virostatikums Tenofovir enthält, reduzierte in der Studie das Risiko einer HIV-Infektion um 39 Prozent. Zugleich schützte es auch in mehr als der Hälfte der Fälle vor einer Ansteckung mit einem Herpes Simplex Virus 2. Das ist von Bedeutung, da eine solche HSV-2-Infektion das Risiko einer HIV-Ansteckung wesentlich erhöht und häufig auch mit ihr einhergeht. Sollten weitere Studien diese Ergebnisse bestätigen, dann ließen sich nach jetzigem Stand alleine in Südafrika mehr als eine halbe Million HIV-Infektionen in den nächsten zehn Jahren vermeiden, sofern das Gel von einem großen Teil der Frauen verwendet würde. Auf der ganzen Welt sind an die Hälfte der HIV-Infizierten weiblich, in Afrika infizieren sich inzwischen mehr Mädchen und Frauen mit dem Aidserreger als Männer.

Vielversprechende Ergebnisse

Die neuen Ergebnisse sind vielversprechend, doch von einem hundertprozentigen Schutz ist man immer noch weit entfernt. Trotzdem ist es nun erstmals gelungen, das Risiko einer HIV-Infektion durch ein Mikrobizid zu verringern. Dementsprechend euphorisch wurde die „Caprisa 004“-Studie aufgenommen, für die das Mediziner-Ehepaar Quarraisha und Salim Abdul Karim vom „Centre for the Aids Programme of Research in South Africa“ an der Universiät in KwaZulu-Natal verantwortlich zeichnet. Finanziert wurde sie von der amerikanischen Behörde für internationale Entwicklung (US-Aid) und dem Wissenschaftsministerium Südafrikas.

An der 30 Monate dauernden Studie nahmen 889 Frauen aus KwaZulu-Natal teil. Die Provinz im Osten Südafrikas gehört zu den mit am schlimmsten von HIV betroffenen Regionen Afrikas. Das verdeutlichen Zahlen von infizierten Schwangeren, die bei ihren Arztbesuchen leicht erfasst und überwiegend auf HIV getestet werden können: Jede zehnte Sechzehnjährige ist bereits HIV-positiv, unter den Achtzehnjährigen ist es jede fünfte, bei den Zwanzigjährigen jede dritte, mit 25 ist jede zweite Schwangere infiziert.

Die Studien-Teilnehmerinnen, von denen die meisten aus eher ländlich geprägten Gebieten stammen, wurden nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen aufgeteilt: 445 bekamen das Tenofovir-Gel, 444 ein völlig gleich aussehendes Placebo-Gel. Maßgabe war, dass die Frauen zwischen 18 und 40 Jahren alt waren, HIV-negativ und sexuell aktiv waren. Die Gruppen waren sich sehr ähnlich, sowohl was den ersten Sexualkontakt anging (zwischen 17 und 18 Jahren) als auch den Kondomgebrauch (knapp 30 Prozent). Monatlich mussten sie zu Kontrolluntersuchungen erscheinen und dabei ihre verbrauchten Gel-Packungen zurückgeben. Regelmäßig wurden die Frauen zudem über die Risiken einer HIV-Infektion aufgeklärt und mit Kondomen ausgestattet.

Die Vermehrung der Viren wird gehemmt

In der Tenofovir-Gel-Gruppe kam es zu 38 HIV-Infektionen, in der Placebo-Gruppe zu 60. Es zeigte sich, dass bei Frauen, die besonders sorgfältig und regelmäßig das Tenofovir-Gel verwendet hatten (in mehr als 80 Prozent ihrer Sexualkontakte), das Risiko einer HIV-Übertragung um 54 Prozent sank. Studien-Teilnehmerinnen, die es nicht ganz so genau nahmen, kamen auf 38 Prozent, Frauen, die sehr unregelmäßig das Virustatikum-Gel verwandten, erreichten 28 Prozent.

Bei den Frauen, die sich in der Tenofovir-Gel-Gruppe mit HIV infizierten, ergab sich danach keine Resistenz gegen das anschließend oral in einer Kombinationstherapie gegen den Erreger eingesetzte Medikament. Auch glauben die Wissenschaftler nicht, dass Tenofovir eine mögliche HIV-Infektion schon während der Studie verdeckt haben könnte, indem es die Zahl der Viren unter die Nachweisgrenze drückte.

Tenofovir ist ein Nukleotid-Analogon, das aufgrund seines Aufbaus mit dem natürlichen Substrat an dessen Stelle in die Virus-RNA eingebaut wird und die Vermehrung der Viren hemmt. Tenofovir wurde in den neunziger Jahren entwickelt. Tenofovir-Tabletten sind inzwischen fester Bestandteil der antiretroviralen Kombinationstherapie und werden in mehr als 50 Ländern eingesetzt. In Gelform zeigte es schon früh in Affenversuchen Erfolge. . Die „Caprisa 004“-Studie war die zwölfte Untersuchung zur Wirksamkeit von Mikrobiziden. Sie war allerdings die erste, bei der ein antiretrovirales Medikament zum Einsatz kam. Das kalifornische Pharmaunternehmen Gilead Sciences hatte 2006 sein Virustatikum zwei nicht-kommerziellen amerikanischen Organisationen auf der Suche nach einem wirksamen und preiswerten Mikrobizid für Frauen in den Entwicklungsländern zur Verfügung gestellt: dem „Contraceptive Research and Development Program“ (Conrad) und der „International Partnership for Microbicides“. Conrad hat die Rechte, ein Tenofovir-Gel herzustellen, inzwischen an die südafrikanische Regierung abgegeben, um eine möglichst schnelle Versorgung der Hauptbetroffenen zu ermöglichen.

Vielleicht ein Durchbruch

Weitere mögliche Mikrobizide auf der Basis antiretroviraler Substanzen, die schon eine frühe klinische Phase erreicht haben, sind Dapivirin und UC-781. Vielversprechende Ergebnisse werden zudem von einer Studie mit dem Namen „Voice“ (Vaginal and Oral Interventions to Control the Epidemic) erwartet, die zur Zeit in mehreren afrikanischen Ländern läuft. Finanziert wird sie vom Nationalen Gesundheitsinstitut der Vereinigten Staaten.

Mit dem Tenofovir-Gel hat am Dienstag ein ganzer Aids-Forschungszweig nach etlichen Rückschlägen in den vergangenen Jahren neuen Auftrieb bekommen. Vertreter von der Aidsorganisation der Vereinten Nationen (UN-Aids) und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sprachen von einem historischen Durchbruch und einem Meilenstein. Die Wiener Konferenz könnte, sollte es sich der Erfolg wiederholen lassen, damit in die Geschichte eingehen und ähnlich bedeutsam werden wie die Konferenzen 1996 in Vancouver, als erstmals antiretrovirale Medikamente vorgestellt wurden – oder Durban im Jahr 2000, als die internationale Gemeinschaft beschloss, Afrika mit seiner Aidsepidemie nicht im Stich zu lassen.

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Jahrgang 1967, Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

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