Home
http://www.faz.net/-gx3-6jzuc
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Aids-Konferenz Auch HIV-Infizierte können statistisch uralt werden

25.07.2010 ·  Zusammen mit einer frühen Erkennung gilt eine frühe und effektive Therapie als wichtigstes Mittel, um eine Ausbreitung von HIV zu verhindern. Auf der Aids-Konferenz in Wien wurde jedoch über den optimalen Zeitpunkt des Behandlungsbeginns gestritten.

Von Hildegard Kaulen
Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (1)

„Behandlung ist Prävention“. Dieser von Julio Montaner bei der Eröffnung der 18. Internationalen Aids-Konferenz in Wien vorgetragene Satz beschreibt eine der wichtigsten Stoßrichtungen im Kampf gegen HIV und Aids. Mit einer frühen und effektiven Therapie sinkt das Risiko, andere anzustecken, weil das Virus dann nur noch in einigen Körperzellen schlummert und sich nicht mehr rasant in den Körperflüssigkeiten vermehrt. Montaner, Präsident der Internationalen Aidsgesellschaft und Vorsitzender der Konferenz, hält die antiretrovirale Therapie für die derzeit beste Chance, die Epidemie einzudämmen.

Zu den guten Nachrichten der Konferenz zähle deshalb auch die Tatsache, dass in den einkommensschwachen Ländern inzwischen 5,2 Millionen HIV-Infizierte mit einer solchen Therapie behandelt werden, so der Argentinier, der dem größten Zentrum zur Erforschung und Behandlung von HIV und Aids in Kanada vorsteht. Vor fünf Jahren habe die Zahl der Behandelten bei einem Zehntel davon gelegen. Allerdings hätten weit mehr als zehn Millionen Infizierte immer noch keinen Zugang zu einer effektiven Therapie. Montaner plädiert deshalb für weitere Anstrengungen. Er äußerte sich in Wien auch enttäuscht darüber, dass viele Länder ihr finanzielles Engagement für einen universellen Zugang zu einer effektiven Therapie wegen der Finanzkrise reduziert haben.

Streitigkeiten bringen Studie ins Stocken

Mit rund dreitausend neuen HIV-Diagnosen pro Jahr ist Deutschland zwar ein Land mit sehr geringer Ansteckungsrate, aber auch hierzulande wird jede zweite bis dritte HIV-Infektion zu spät entdeckt. Zu spät bedeutet, dass entweder schon erste Symptome einer Aids-Erkrankung aufgetreten sind oder dass die Zahl der vom Virus direkt angegriffenen CD4-Helferzellen des Immunsystems unter einen kritischen Wert gesunken ist. In beiden Fällen reduziert sich die Chance, mit einer effektiven Therapie lange und mit guter Lebensqualität leben zu können.

Über den optimalen Zeitpunkt für den Behandlungsbeginn wurde auch in Wien gestritten. Bisher gelten 350 CD4-Helferzellen pro Mikroliter Blut als Richtwert. Die WHO empfiehlt in ihren neuesten Richtlinien, bei diesem Wert sofort zu behandeln, auch wenn noch keine Symptome aufgetreten sind. Der Streit hat sich an der Frage entzündet, ob nicht sogar noch früher mit der Behandlung begonnen werden sollte. Einiges spricht dafür, erst gar nicht auf den Rückgang der CD4-Helferzellen zu warten, sondern gleich nach der Diagnose mit der Therapie zu beginnen. Die Studie, die das endgültig klären könnte, ist allerdings wegen dieser Streitigkeiten ins Stocken geraten. Gottfried Hirnschall, Direktor der Hauptabteilung HIV/Aids bei der WHO, rechnete in Wien vor, dass durch einen früheren Behandlungsbeginn die HIV-bedingte Sterblichkeit in den kommenden fünf Jahren um zwanzig Prozent reduziert werden könnte.

Obwohl in Deutschland viele HIV-Infektionen erst spät entdeckt werden, kann wegen der geringen Zahl an Neudiagnosen kein bundesweites HIV-Screening empfohlen werden. Stattdessen sollen mehr Test- und Beratungsangebote gemacht werden, die ohne größere Hürden wahrgenommen werden können. Das ist auch die Ansicht einer Expertengruppe des wissenschaftlichen Beirats des Bundesgesundheitsministeriums. Die Fachleute empfehlen zudem, die Ärzte besser darüber zu informieren, welche anderen Erkrankungen zusammen mit einer HIV-Infektion auftreten können, damit diesen Kranken gezielt ein HIV-Test angeboten werden kann. Indikatorkrankheiten sind Tuberkulose, Hepatitis B oder C sowie Geschlechtskrankheiten.

Erfolge mit neuem Vaginalgel

In Deutschland ist HIV ein männliches Phänomen. Nur sechzehn Prozent der jährlichen Neudiagnosen entfallen auf Frauen. In den am stärksten von HIV und Aids betroffenen Gebieten südlich der Sahara sind bis zu sechzig Prozent der Neuinfizierten weiblich. Weil sich dort viele Männer nicht zum Gebrauch eines Kondoms oder einer monogamen Lebensweise bewegen lassen, sucht man seit längerem nach Möglichkeiten, wie sich die Frauen und Mädchen auch ohne Zutun ihres Sexualpartners schützen können.

Pünktlich zur Aidskonferenz veröffentlichte die Zeitschrift „Science“ jetzt eine südafrikanische Studie, nach der ein Vaginalgel mit Tenofovir die Ansteckung blockiert. Tenofovir ist ein HIV-Medikament, das auch bei der antiretroviralen Therapie verwendet wird. (doi: 10.1126/science.1193748). „Es ist das erste Mal, dass irgendeine biologische Intervention in einer großen Studie eine überzeugende Wirksamkeit gegen die Übertragung von HIV gezeigt hat“, berichtete John Moore vom Weill Cornell Medical Center in New York in „Science“. „Es ist ein klares Resultat mit einem offensichtlichen Schutz in einer sinnvollen Größenordnung.“ Das Tenofovir-haltige Vaginalgel senkte die Ansteckung um insgesamt 39 Prozent. Bei besonders regelmäßiger Anwendung ging sie sogar um 54 Prozent zurück.

Kampf gegen HIV ist mit Durchsetzung von Menschenrechten verbunden

Allerdings war die Therapietreue nicht besonders ausgeprägt. Vierzig Prozent der Teilnehmerinnen verwendeten das Produkt nicht einmal bei jedem zweiten Geschlechtsverkehr. Außerdem ließ die Therapietreue auch mit der Zeit nach. Die Frauen sollten das Gel in den zwölf Stunden vor und in den zwölf Stunden nach dem Geschlechtsverkehr anwenden, aber nicht öfter als zweimal innerhalb von 24 Stunden, ganz egal, wie häufig sie in dieser Zeit Verkehr hatten. An der Studie haben 889 Frauen aus einer Region Südafrikas mit besonders hoher Ansteckungsquote teilgenommen. Alle erhielten auch Kondome und wurden über weitere Präventionsmaßnahmen aufgeklärt.

Mit ihrem diesjährigen Motto „Rights Here, Right now“ betont die Aidskonferenz zudem, dass der Kampf gegen die Ausbreitung des Virus eng an die Durchsetzung grundlegender Menschenrechte gebunden ist. Stigmatisierung und Diskriminierung sorgen immer noch dafür, dass viele der angebotenen Hilfsprogramme gar nicht oder nur zögerlich in Anspruch genommen werden. Bei effektiver Therapie haben Menschen mit HIV-Infektionen inzwischen eine ähnlich hohe Lebenserwartung wie Menschen, die nicht infiziert sind. Wer heute in den Industrienationen lebt und bei der Ansteckung 20 Jahre alt ist, kann damit rechnen, weitere fünfzig Jahre leben zu können. Jeder vierte HIV-Infizierte ist älter als 50, jeder Zehnte älter als 60 Jahre. Für die Industrienationen ist Altern mit HIV ein neuer Aspekt der Behandlung. In Afrika, Asien und Osteuropa muss erst einmal der universelle Zugang zu einer effektiven Therapie durchgesetzt werden.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Kaffeesatz

Von Christina Hucklenbroich

Koffein und Schwangerschaft: In Amerika schaut man werdende Mütter mit Cappucino-to-go schief an, in Deutschland nicht. Doch was sagen wissenschaftliche Studien? Mehr 1 19