24.09.2009 · Nachdem man bei der Entwicklung eines Aids-Impfstoffs schlimme Fehlschläge hatte hinnehmen müssen, ist nun die Zuversicht wieder geweckt. Aber die jetzt verlautbarten Ergebnisse müssen erst noch erhärtet werden.
Von Joachim Müller-JungEs gibt endlich wieder Grund zur Hoffnung, dass der großen Pandemie unserer Zeit, der Aids-Epidemie, mit einem Impfstoff Einhalt geboten werden kann. Hoffnung ja, doch sicher ist nichts. Und zum Jubeln ist es eindeutig zu früh.
Die Ergebnisse der Großstudie in Thailand, bei der eine Wirksamkeit eines Kombinationsimpfstoffs von knapp dreißig Prozent ermittelt wurde, dürften gestern alle nicht unmittelbar beteiligten Experten überrascht haben. Niemand von ihnen hat ernsthaft mit solchen Zahlen gerechnet. Zahlen, die bei genauem Hinsehen gar nicht so überzeugend wirken. Die vor allem statistisch erst noch erhärtet werden müssen.
Ein Teilerfolg
Knapp zwei Dutzend weniger HIV-Infizierte unter achttausend Probanden in der Impfgruppe, das klingt nicht weltbewegend. Ein Teilerfolg. Und doch ist es ein Schritt in eine Richtung, die bis gestern noch wie der sichere Weg in die Sackgasse gegolten hat. Kein einziger der Impfstoffkandidaten hat bisher in den klinischen Versuchen gehalten, was man sich nach den Tierexperimenten von ihnen versprochen hatte. Im Gegenteil. Nach dem Desaster von vor zwei Jahren, als herauskam, dass der in einer Großstudie verwendete Impfstoff das Immunsystem eher anfälliger für Infektionen machte als es zu schützen, schien den Forschern, Ärzten, Aktivisten und Firmen der Boden unter den Füßen weggezogen zu werden.
Angesichts von 33 Millionen mit dem Virus infizierten Menschen weltweit, den jährlich zwei Millionen Opfern und den mehr als zweieinhalb Millionen Neuinfektionen jedes Jahr war längst Gefahr im Verzug. Und dann das. Die Hoffnung zerbarst vor allem in den armen Ländern, wo mit Prävention und aufwändiger Therapie die meisten Gefährdeten gar nicht erst erreicht werden.
Belohnter Optimismus
Aufgeben wollte und konnte deshalb aber keiner. Schon gar nicht Organisationen und Leute wie Microsoft-Gründer Bill Gates, der mit seiner philanthropischen Stiftung schon zig Millionen Dollar in die Impfstoffentwicklung gepumpt hat. Ihr Optimismus wird jetzt zum ersten Mal belohnt. Viele könnten profitieren, sollte sich der Erfolg wiederholen lassen. Doch vormachen darf man sich nichts. Bis zur ersten Massenimpfung ist es ein langer Weg. Denn auch wenn die erreichten Zahlen die richtigen, zum ersten Mal positive Vorzeichen tragen, hat man die Zulassung noch lange nicht in der Tasche.
Joachim Müller-Jung Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
Jüngste Beiträge