Home
http://www.faz.net/-gx3-77rqz
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Ärzte und Pharmahersteller Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft

Ärzte, die von der Pharmaindustrie Geld erhalten, merken oft nicht einmal, dass sie beeinflusst werden. Doch ihr Urteil ändert sich durch die Zuwendungen.

© dpa Vergrößern Studenten der Human- und Zahnmedizin an der Universität Leipzig

Ein Drittel der amerikanischen Medizinstudenten hat im ersten Jahr des Studiums schon Geschenke von der Pharmaindustrie angenommen - von kostenlosen Arzneimittelproben bis hin zum Dinner im Restaurant. Unter den Studenten im vierten Jahr haben schon 56 Prozent, unter den jungen Assistenzärzten 54 Prozent solch eine Unterstützung akzeptiert. Diese Ergebnisse gehen aus einer Studie der Harvard Medical School hervor, die jetzt im „Journal of General Internal Medicine“ erschienen ist (doi: 10.1007/s11606-013-2361-0). Die Erstautorin Kirsten Austad ist selbst noch Studentin, sie steht kurz vor ihrem Abschluss im Fach Medizin in Harvard. In Amerika ist Austad eine der bekanntesten Protagonisten einer studentischen Bewegung, die dafür eintritt, Industriekontakte von Medizinern zu beschränken. Austads Studie und andere Aspekte der Debatte in den Vereinigten Staaten stellte Eric Campbell von der Harvard Medical School jetzt während eines Expertenworkshops der Volkswagen-Stiftung zum Thema „Interessenkonflikte in den Lebenswissenschaften“ in Hannover vor. Austad konnte in ihrer Studie auch zeigen, dass die Studenten sich zwar der Tatsache bewusst waren, dass Beziehungen zur Industrie das ärztliche und wissenschaftliche Urteil beeinflussen können. Mit steigender Zahl der Ausbildungsjahre nahm aber die Auffassung zu, dass Ärzte durch solcherlei Kooperation wertvolles Wissen erwerben könnten.

Diese Sichtweise gilt unter vielen Medizinern in Europa und den Vereinigten Staaten inzwischen als einseitig und naiv. In Hannover ging es explizit um die Risiken einer Zusammenarbeit zwischen Ärzten und der Arzneimittelindustrie, insbesondere, wenn Ärzte im Auftrag der Pharmahersteller Studien durchführen, die letztlich zu einer Beurteilung des getesteten Medikamentes führen, die wiederum den Einsatz in der Praxis beeinflusst. Einige Arzneimittelskandale der jüngeren Vergangenheit belegen eindrucksvoll, dass es Gefahren gibt: Die Teilnehmer erinnerten etwa an den Vioxx-Skandal; das nebenwirkungsträchtige Antirheumatikum musste 2004 vom Markt genommen werden. Ein anderes prominentes Beispiel ist die Hydroxyethylstärke, unter Ärzten als „Hes“ bekannt. Das künstliche Blutplasma gilt neueren Studien zufolge sogar als gefährlich, wird aber seit langem routinemäßig in der Notfallmedizin angewendet. Im Jahr 2010 gerieten Studien eines deutschen Mediziners zu Hes unter Verdacht, gefälscht zu sein; der Arzt hatte Zuwendungen von Hes-Herstellern erhalten.

Der „blinde Fleck“

“Urteile werden durch Interessenkonflikte verzerrt“, sagte Klaus Lieb, Direktor der Klinik für Psychiatrie der Universitätsmedizin Mainz in seinem Vortrag. Vorgänge, die als Korruption einzustufen sind, und Zuwendungen, die „subtil innerhalb legaler Grenzen wirken“, müssten dabei klar unterschieden werden. Lieb nannte Letzteres den „blinden Fleck“ der Ärzte: „Die Betroffenen haben dabei das Gefühl der Unabhängigkeit, sie glauben, nicht beeinflusst zu werden.“ Aber jeder Mensch habe eine starke Tendenz, Gefälligkeiten oder kleine Geschenke zurückzugeben. Lieb nannte als Beispiel einen Arzt, der einen Vortrag hält und sich dabei positiv über ein Medikament äußert, von dessen Hersteller er unterstützt wurde; er hat dabei weiter das Gefühl, objektiv zu sein. Das falle unter das Phänomen der „motivierten Evaluation“: „Wir prüfen Informationen weniger streng, die zur gewünschten vorteilhaften Interpretation passen.“

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Klinische Forschung Am Geldtropf der Pharmaindustrie

Der Fortschritt in Diagnose und Therapie schreitet ungebremst voran. Er basiert auf einer finanzkräftigen Allianz zwischen Pharmaindustrie und Universitätsklinika. Doch diese hat hat nicht immer das Wohl des Patienten im Blick. Mehr

21.09.2014, 17:00 Uhr | Wissen
Parlamentsbesetzung in Taiwan endet friedlich

In Taiwan haben Studenten nach mehr als drei Wochen die Besetzung des Parlaments beendet. Die Proteste gegen ein Handelsabkommen mit China sollen aber fortgesetzt werden. Mehr

11.04.2014, 11:32 Uhr | Politik
Antisemitismusstreit an der Hochschule Mit harten Bandagen gegen das Unschickliche

Eine amerikanische Universität sagt einem berufenen Professor palästinischer Herkunft wieder ab. Denn der meint, Freunde Israels seien scheußliche Menschen. Mehr

18.09.2014, 19:38 Uhr | Beruf-Chance
Mit Ebola infizierter Arzt aus dem Krankenhaus entlassen

Ein mit dem Ebola-Virus infizierter Arzt ist aus dem Krankenhaus entlassen worden. Der US-Amerikaner war mit einem noch nicht zugelassenen Medikament behandelt worden. Mehr

22.08.2014, 09:32 Uhr | Gesellschaft
Reportage Ärzte auf dem Land

Junge Ärzte meiden das Land. Dabei wird die Arbeit dort gut entlohnt. Wie aber kommt das Geld zum Arzt? Eine Spurensuche. Mehr

21.09.2014, 21:36 Uhr | Wirtschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 23.03.2013, 08:00 Uhr