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Medizin-Nobelpreis 2011 : Der traurigste Nobelpreis aller Zeiten

  • -Aktualisiert am

Ralph Steinman Bild: AFP

Wenige Stunden, nachdem sie Ralph Steinman als Medizin-Nobelpreisträger benannt hatte, erfuhr die Nobel-Jury: Der Forscher ist tot. Nun erhält Steinman den Nobelpreis posthum.

          Der diesjährige Medizin-Nobelpreis geht an drei Wissenschaftler, die grundlegende Prinzipien der Immunabwehr entdeckt haben: Zur einen Hälfte an den Amerikaner Bruce A. Beutler und den gebürtigen Luxemburger Jules A. Hoffmann, und zur anderen Hälfte an den Kanadier Ralph Steinman. Allerdings mischte sich in die erste Freude am Montag auch schnell Aufregung. Denn für Steinman kommt, wie sich erst nach der Verkündung in Stockholm herausstellte, die höchste Ehrung zu spät. Er starb am vergangenen Freitag in New York an den Folgen eines Pankreaskarzinoms. Das teilte seine Familie auf der Internetseite der Rockefeller-Universität nach der Nobelpreisbekanntgabe mit. Das Nobelpreis-Komitee beriet sich am Montag stundenlang, wie es mit Steinmans Würdigung umgehen soll. Nach den Statuten der Nobelstiftung dürfen Nobelpreise nur lebenden Personen vergeben werden. Dennoch wird Steinman der Preis posthum verliehen, obwohl dies gegen die Statuten verstößt, teilte die Nobelstiftung am Abend mit.

          Medizin-Nobelpreis : Immunsystem-Forscher werden ausgezeichnet

          In der Erklärung der Stiftung hieß es, das Verbot der posthumen Auszeichnung beziehe sich nur auf eine bewusst in diesem Sinne getroffene Wahl. Die Juroren hätten die Entscheidung am Freitag um 14.30 Uhr getroffen, ohne von Steinmans Tod um 11.30 etwas zu wissen. Die Rockefeller-Universität in New York teilte den Tod am Montag auf ihrer Internetseite mit, kurz darauf verkündete das auch Nobelstiftung.

          Die Angehörigen des in Kanada geborenen Wissenschaftlers erhalten im Dezember umgerechnet rund 550 000 Euro, die Hälfte der Gesamtdotierung für den Medizin-Nobelpreis. Die andere Hälfte teilen sich Hoffmann und Butler, die am gleichen Thema geforscht hatten.

          Bild: dpa

          Steinman hatte sich die letzten Jahre einer Immuntherapie unterzogen, die auf den Prinzipien seiner Forschung beruhte. Der Kanadier entdeckte 1973 einen neuen Typus von Immunzellen, die Dendritischen Zellen. Diese Zellen aktivieren T-Zellen, so dass diese dann darüber entscheiden können, wie in der jeweiligen Krisensituation vorzugehen ist, ob etwa spezifische Antikörper oder Killerzellen angefordert werden müssen. Die Bedeutung der Dendritischen Zellen wurde in der Immunologie lange Zeit ignoriert, weil man diese Zellen, die man jahrzehntelang überhaupt nicht gesehen hatte, für irrelevant hielt. Über zwanzig Jahre forschte außer Steinman fast niemand auf diesem Gebiet. Noch 1993 stand in einem Sonderheft der Zeitschrift „Scientific American“ zum Immunsystem kein einziger Satz über Dendritische Zellen. Auf 164 Seiten wurde nicht einmal deren Name genannt. Erst 1997 fanden Steinmans Arbeiten breite Zustimmung. Seitdem gibt es eine ganze Flut von Veröffentlichungen.

          Dendritische Zellen sind heute die neuen Stars der Immunologie, weil sich daraus auch Therapien gegen Krebs ableiten lassen. Steinman, der 2007 den renommierten Albert Lasker-Preis bekam, hat seinen letzten finalen Triumph nicht mehr erlebt. Der Zuspruch des Nobelpreises sei deshalb bittersüß, sagte der Präsident der Rockefeller-Universität Marc Tessier-Lavigne in einer Erklärung: „Steinman weihte sein Leben seiner Arbeit und seiner Familie. Er wäre zutiefst geehrt gewesen.“ Als Steinman seine Forschung begann, hielt man nur drei Zelltypen für immunologisch relevant: die T-Zellen, die B-Zellen und die Makrophagen. Diese Zellen waren über Jahrzehnte das anerkannte Dreigestirn der Immunologie gewesen. Steinman zeigte durch eine Reihe eleganter Versuche, dass nicht die Makrophagen die wichtigsten Antigen-präsentierenden Zellen sind, sondern die Dendritischen Zellen. Makrophagen können nicht in die Lymphknoten einwandern. Sie sitzen im Gewebe fest und verdauen nur das, was ihnen fremd erscheint. Die Dendritischen Zellen haben dagegen Zugang zu den Lymphknoten. Sie nehmen den Eindringling als Vorläuferzelle auf, reifen dann heran und machen sich anschließend auf den Weg in den Lymphknoten, wo sie den vorbeiströmenden T-Zellen das molekulare Fahndungsfoto präsentieren. Dafür benutzen sie ihre langen astartigen Ausläufer, die ihnen auch ihren Namen eingetragen haben, von dem griechischen Wort „Dendreon“ für Baum. Treffen sie dabei auf eine passende T-Zelle, wird diese aktiviert. Das markiert den Start für die spezifische Abwehrreaktion.

          Der Amerikaner Bruce A. Beutler und der Luxemburger Jules A. Hoffmann, denen die zweite Hälfte des Nobelpreises zuerkannt wurde, haben gezeigt, dass das Immunsystem neben den maßgeschneiderten Waffen, die auf jeden Erreger neu zugeschnitten werden und die mit jedem Angriff verfeinert werden, auch über eine angeborenen Immunität mit spezifischen Erkennungsstrukturen verfügt. Wie bei einer Patrouille suchen die Immunzellen der angeborenen Abwehr nach Eindringlingen im Gewebe. Ihr wichtigstes Hilfsmittel sind die Toll-like-Rezeptoren, die auch mit den Buchstaben TLR bezeichnet werden. Diese Rezeptoren sitzen auf der Oberfläche der Immunzellen und erkennen Eindringlinge an ihrem typischen Muster. Jules Hoffmann hat 1996 den ersten TLR in den Taufliegen gefunden und gezeigt, dass die Tiere, die einem Druckfehler in diesem Gen haben, sterben, weil sie keine Immunreaktion in Gang setzen können. Er arbeitete daran auch eine Zeitlang an der Universität Marburg. Bruce Beutler entdeckte zwei Jahre später einen TLR-Rezeptor in Mäusen. Damit war klar, dass Taufliegen und Säugetiere bei der angeborenen Immunabwehr auf ein ähnliches Instrumentarium setzen. Beim Menschen hat man inzwischen ein Dutzend verschiedener TLR-Rezeptoren identifiziert.

          Quelle: F.A.Z.

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