http://www.faz.net/-gwz-85wqw
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren

Veröffentlicht: 26.07.2015, 23:43 Uhr

Wie „Big Sugar“ manipuliert Zuckerlobbyisten treiben Forscher vor sich her


Seite     1 | 2 | 3   |  Artikel auf einer Seite

Blair zieht aber weiterhin nach dem Motto „Fett, aber fit“ die Aufmerksamkeit gezielt weg vom Essen und vom Körpergewicht als krankmachenden Faktoren. Der Kern seiner Botschaft: Nicht jeder, der übergewichtig ist, ist schon krank. Das mag für einige - zumindest eine Zeitlang - stimmen. Dies stimmt auch insofern, als weitere Risikofaktoren mit dafür verantwortlich sind, wie schlimm und wie schnell die überzähligen Kilos schließlich Herz, Gefäßen und Stoffwechsel schaden. Aber es lässt die Dicken in dem guten Glauben, sie seien dennoch gesund, und es beschwichtigt Politiker, die eigentlich längst die dickmachende Umwelt für Kinder und Erwachsene ändern sollten. Eine eigene Webeite - www.CokeSpeak.org - hält eine Fülle von Beispielen derartiger Halbwahrheiten von Forschern bereit, die auf die eine oder andere Weise von „Big Food“ ihre Förderung erhalten.

Perfide Kommunikationsstrategie

Solche Wissenschaftler stellen die Basics bereit, um damit Multiplikatoren - Journalisten zum Beispiel - zu verwirren. Sie dienen weiter dazu, Beratertätigkeit zu unterstützen, die dann verhindert, dass Politiker unangenehme Entscheidungen treffen, wie der Public-Health-Experte Jorgensen darlegte. Ein Riesenerfolg der Junkfood-Lobby war zweifelsohne die Verhinderung der Lebensmittelampel, die von der EU im Jahr 2011 abgelehnt wurde. Hierzulande konnten es viele kaum fassen. Obwohl zwei Drittel der deutschen Bevölkerung für die Ampel waren und die deutschen Kinder- und Jugendärzte, zahlreiche Verbraucherorganisationen, allen voran Foodwatch, die Krankenkassen und viele Fachverbände die Ablehnung der Ampel vielfach und nachhaltig kritisiert haben - sie kam nicht. Sie hätte mit einem Blick dem Verbraucher die Augen über den Zucker-, Fett- und Salzgehalt von Lebensmitteln geöffnet und absehbar zu empfindlichen Gewinneinbußen bei gesundheitlich bedenklichen Nahrungsmitteln geführt. Eine Milliarde Dollar habe sich die Industrie diese Blockade kosten lassen, wie der Däne Jørgensen unter Hinweis auf die einschlägigen Publikationen von Beobachtern der Verhandlungen erläuterte („Journal of European Public Policy“ Bd. 20, S. 722).

Mehr zum Thema

England hat schon reagiert

Da nützt es wenig, dass einzelne Länder ausgeschert sind. England etwa war der EU-Ersatz der Ampel zu lasch, es schuf strengere Label-Regelungen. Der Fall der Ampelregelung war ein einziger Triumph für die Industrie. Viele Kritiker fragen jetzt, warum Deutschland nicht auf nationaler Ebene längst ebenfalls strengere Wege im Alleingang einschlägt - wer hindert uns? Ähnlich wie die Ampel im Vorhinein verhindert wurde, hat man in Dänemark die Besteuerung von Lebensmitteln, die gesättigte Fettsäuren enthalten, im Nachhinein zu Fall gebracht - und zwar sehr schnell. Der weltweit ersten Fettsteuer war von 2011 bis 2013 nur ein kurzes Zwischenspiel von fünfzehn Monaten vergönnt, bis sie zurückgenommen wurde. Jørgensen ist nicht der Erste, der aus diesen Gründen die Lebensmittelhersteller mit „Big Tobacco“ und deren falschen Schwüren vergleicht. Er fordert für „Big Food“ eine ähnlich weitreichende Rahmenkonvention (Framework Convention on Nutrition Control, FCNC), wie sie die WHO für die Tabakindustrie inzwischen umgesetzt hat. Die Werbung für Lebensmittel, insbesondere die Kampagnen, welche die Kinder ansprechen, gehört nach Überzeugung Jørgensens ebenso überwacht, wie es endlich einer klaren Ampellösung in Europa bedürfe, formulierte er als unabdingbare Kernpunkte einer vorbeugenden weltweiten Gesundheitsagenda.

Süßsteuer: Soll der Staat bei zuckerhaltigen Limonaden zulangen?

Süßsteuer: Soll der Staat bei zuckerhaltigen Limonaden zulangen? Zucker besteuern? In seinem 1776 erschienenen Buch „Der Wohlstand der Nationen“ schrieb der schottische Ökonom Adam Smith folgenden Satz darüber: „Zucker, Rum und Tabak sind Konsumartikel, die zum Leben keineswegs notwendig sind, die aber fast überall auf der Welt konsumiert werden und deshalb extrem geeignet für eine Besteuerung sind.“ Alkohol und Zigaretten haben es wie Treibstoff in beinahe jedem Land der Welt auf die Liste der Steuertatbestände geschafft, Zucker nicht. Einzige Ausnahme bisher: Mexiko. Das mittelamerikanische Land mit dem weltweit höchsten Konsum an Süßgetränken (der Mexikaner trinkt statistisch 745 Gläser pro Jahr) erhebt seit vergangenem Jahr einen Peso pro Liter (0,058 Euro, das entspricht etwa einem Zehntel des Preises) auf alle zuckerhaltigen Getränke. Ob die Maßnahme zu dem gewünschten Effekt - gesündere Staatsbürger - führen kann, ist noch völlig unklar. Derzeit gelten weltweit knapp zwei Milliarden Menschen als übergewichtig, 600 Millionen als adipös. In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Social Science and Medicine“  wird die Besteuerung als durchaus erfolgversprechende Vorbeugungsmaßnahme angesehen - sofern die Höhe der Steuer sich an dem Kaloriengehalt der zugesetzten Zuckersüße bemisst. „Eine Flat-Steuer bringt nichts. Sie schafft keine Anreize, zu weniger süßen Getränken zu wechseln“, findet Autor Evan Blecher, Ökonom an der Universität Kapstadt und Experte der amerikanischen Krebsgesellschaft, in Sachen Zuckersteuer. Dass es sich medizinisch tatsächlich auszahlen könnte, weniger Süßes zu konsumieren, zeigt einmal mehr eine neue Studie im „British Medical Journal“. Die 17 Beobachtungsstudien, die ausgewertet wurden, um das 10-Jahres-Risiko für Diabetes Typ 2 zu ermitteln, lassen zwar keine kausalen Schlüsse zu. Aber das Ergebnis ist statistisch eindeutig: Wer regelmäßig Süßgetränke konsumiert, hat unabhängig vom Übergewicht ein deutlich höheres Diabetes-Risiko. Geringer ist das Risiko für künstlich gesüßte Getränke, doch zu einem Freispruch reicht es keineswegs. Wer süchtig nach Süßem ist, holt sich seine tägliche Zuckerration offenbar anderweitig. (jom)

Vorherige Seite 1 | 2 | 3   |  Artikel auf einer Seite
Zur Homepage