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Luftverschmutzung : Feinstaub wird zur Volksseuche

Kann nicht sonderlich gesundheitsfördernd sein: Smog in Peking Bild: dpa

Der Verdacht schreckt Mediziner auf: Demenz und Diabetes, Herzkrankheiten sowieso, könnten die Folgen einer übermäßigen Schadstoffbelastung in der Atemluft sein. Und das nicht nur im smogverseuchen China.

          Im politischen Geschäft wächst der Kurs für das Thema saubere Luft rasant. VW hat seinen Anteil daran, aber auch Peking. Die chinesische Hauptstadt versinkt, wie ein Drittel der anderen chinesischen Großstädte, seit mehr als drei Wochen praktisch ununterbrochen im Smog. Die Bilder von Ballungsräumen im Smog und Städtern, deren Silhouetten in einer vom Feinstaub belasteten Dunstglocke verschwimmen, provozieren wie in den siebziger Jahren Rufe nach der umweltpolitischen Notbremse - und zwar keineswegs nur in China.

          Joachim  Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Grenzwertüberschreitungen und Fahrverbote sind auch hierzulande wieder ein großes Thema. Und wenn man die neuen Beiträge hierzu aus dem Bereich Gesundheitsschutz betrachtet, ist ein Trend klar zu erkennen: Für Luftschadstoffe sind die modernen Gesellschaften heute zwar allesamt sensibilisiert, die medizinische Tragweite jedoch ist noch keineswegs vollständig erfasst.

          Asthma, Allergien, Herzkrankheiten, Schlaganfall - das alles sind fatale, für Millionen Menschen am Ende sogar tödliche Folgen einer Dauerbelastung mit Stickoxiden, Ozon und Feinstaub, der in den Städten vor allem vom motorisierten Straßenverkehr ausgeht. Damit allerdings ist das Gesundheitsproblem nur halbwegs skizziert. Die großen Volkskrankheiten, und keineswegs nur Herz-, Gefäß- oder Atemwegsleiden, kommen immer stärker in den Fokus der Medizin.

          Groß angelegte Studie aus Augsburg

          Vor ein paar Monaten gingen Wissenschaftler des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung in Düsseldorf zusammen mit den Umweltmedizinern um Annette Peters am Helmholtzzentrum München mit den Teilergebnissen der Augsburger Gesundheitsstudie „Kora“ an die Öffentlichkeit. Es ging um Diabetes, Alterszucker. Gut 3000 Stadtbewohner und Bürger zweier umliegender Regionen wurden medizinisch durchgecheckt, befragt und die Luftbelastung an einigen Dutzend Messstellen damit in Zusammenhang gebracht. Fazit: „Menschen, die bereits einen gestörten Zuckerstoffwechsel haben, sind besonders empfänglich für die schädlichen Effekte der Luftschadstoffe“, so Kathrin Wolf. „Luftverschmutzung ist ein Risikofaktor für Diabetes.“

          Zeitraffervideo : Smog-Wolke hüllt Peking ein

          Was genau den Zuckerstoffwechsel beeinträchtigt, konnte mit dieser epidemiologischen Studie freilich nicht ermittelt werden. Wertvolle Hinweise, die ältere Theorien über die Ursachenketten zumindest stützen, lieferten dafür nun das Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz. Dort haben Pascale Lakey und Ulrich Pöschl zusammen mit kalifornischen Forschern für die Atemwege zeigen können: Die aggressiven Sauerstoffradikale sind hoch verdächtig.

          Wie die Forschergruppe in der Zeitschrift „Scientific Reports“ schreibt, erhöhen die im Feinstaub üblichen Kupfer- und Eisenionen sowie das Ozon die Konzentration von aggressiven Sauerstoffverbindungen in den Epithelen der Atemwege. Und zwar schon bei vermeintlich Gesunden so stark wie bei chronischen Lungenpatienten. Es ist der „oxidative Stress“, der die Organe belastet. Bei Feinstaubkonzentrationen in Ballungsgebieten, die bis zum Hundertfachen der Luft im Regenwald erreichen können, löst er Entzündungen aus und führt zu diversen Fehlregulationen.

          Kausale Aussagen lassen Untersuchungen nicht zu

          Die gleiche Wirkung können die Schadstoffe wahrscheinlich auch im Gehirn erzeugen. Zumal ultrafeine Partikeln - solche kleiner als 2,5 Mikrometer - nachweislich die Blut-Hirn-Schranke überwinden können. In der Zeitschrift „Lancet“ präsentieren kanadische Mediziner eine Untersuchung mit den Daten von 6,6 Millionen Erwachsenen im Bundesstaat Ontario. Zwischen 2001 bis 2012 wurden die Wohnorte der gesamten erwachsenen Bevölkerung und ihre Nähe zu extrem schadstoffbelasteten Hauptverkehrsstraßen ermittelt - und mit dem Aufkommen von Demenz, Parkinson und multipler Sklerose verglichen. 230.000 Menschen entwickelten in der Zeit eine Demenz.

          Zwar sind auch hier kausale Aussagen unmöglich, zumal die Diagnose-Genauigkeit und die genaue individuelle Belastung der Menschen unsicher sind. Aber auffällig war schon: Während keinerlei Steigerung von Parkinson- und MS-Fällen zu ermitteln war, lag das Demenzrisiko von Menschen, die weniger als fünfzig Meter entfernt von der Straße wohnten, deutlich höher als normal. In sieben bis elf Prozent der Demenzfälle, das ergaben die Berechnungen der Epidemiologen, spielten Luftschadstoffe als Auslöser eine beträchtliche Rolle - in jedem zehnten Krankheitsfall also.

          Was die auslösenden Prozesse für die Demenzen betrifft, bringt die Studie zwar keine Erkenntnisse, doch in Frage kommen nach Auswertung vor allem von Tierexperimenten und Obduktionsberichten „systemische Entzündungen“ und damit oxidativer Stress, der die Blut-Hirn-Schranke beeinträchtigen, Amyloid-Ablagerungen fördert und aggressive Mikrogliazellen stimulieren kann. Ein zusätzlicher Demenzfaktor, über den die Mediziner freilich nur spekulieren können, weil das etwa in früheren Untersuchungen im Ruhrgebiet eine Rolle spielte, ist der Verkehrslärm. Auch so ein neues umweltpolitisches Megathema.

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