http://www.faz.net/-gwz-7l2az

Versagen der Medizin: Homöopathie : Ein Ritterschlag für Quacksalber?

  • -Aktualisiert am

Bild: Dieter Rüchel

Verfechter der Homöopathie nutzen klinische Studien als Waffe, um glaubwürdig zu wirken. Es könnte an der Zeit sein, die Grenzen evidenzbasierter Methoden anzusprechen.

          Roland Zimmermann, der Leiter der Frauenklinik am Universitätsspital in Zürich, wagte einiges, als er jüngst auf dem Perinatalmedizin-Kongress in Berlin öffentlich die Ansicht äußerte, Globuli & Co hätten im Kreißsaal nichts zu suchen. Der Schweizer Frauenarzt stemmt sich damit nämlich gegen eine weit verbreitete Praxis: 93,4 Prozent der geburtshilflichen Abteilungen, so das Ergebnis einer Umfrage in Deutschland, bieten den werdenden Müttern homöopathische Globuli an („Forschende Komplementärmedizin“, Bd. 16, S. 111). Zimmermann begründete seine Absage damit, dass es für die Wirksamkeit der homöopathischen Mittel keine wissenschaftliche Evidenz gebe. Fast zeitgleich widmete sich eine andere Tagung in München just den wissenschaftlichen Belegen für die Wirksamkeit homöopathischer Arzneien: Auf dem Internationalen Symposium „Homöopathie in Klinik, Praxis und Forschung“ wurden unter anderem die Zehn-Jahres-Ergebnisse einer so genannten placebokontrollierten Studie vorgestellt, die die Wirksamkeit verschiedenster homöopathischer Arzneien bei der ADHS-Symptomatik von Kindern belegen soll.

          Wahrscheinlich etwas zu vollmundig heißt es in einer Pressemitteilung der LMU München dazu: „Langzeitstudie zeigt Wirksamkeit der klassischen homöopathischen Behandlung von AD(H)S bei Kindern“. Das jedenfalls schreibt Sigrid Kruse, die Leiterin des Bereichs Homöopathie des Dr. von Haunerschen Kinderspitals in München. Diese angesehene Kinderklinik ist nicht die einzige Universitätsklinik, die in Sachen Homöopathie eigene Abteilungen unterhält und Forschungsmittel bereitstellt.

          Woran sich noch halten?

          Das ist der widersprüchliche Stand der Dinge in Sachen Homöopathie am Anfang des Jahres 2014 im deutschsprachigen Raum: kategorische Verneinung jedweder wissenschaftlichen Evidenz für ihre Wirksamkeit auf der einen Seite, Belege für eine Wirksamkeit aus klinischer Forschung mit (zumindest dem Namen nach) hochwertigen placebokontrollierten Studien auf der anderen. Woran sich noch halten? Eine Auflösung der Paradoxie ist im nächsten Heft der „Zeitschrift für Evidenz, Fortbildung und Qualität im Gesundheitswesen“ (ZEFQ Bd. 107, S. 606) nachzulesen. Unter dem Titel „Scientabilität – ein Konzept zum Umgang der Evidenz-basierten Medizin mit homöopathischen Arzneimitteln“ widmet sich Christian Weymayr der Frage, ob es überhaupt sinnvoll ist, derzeit übliche Nachweismethoden der Evidenz-basierten Medizin auf die Homöopathie anzuwenden. Als Ko-Autor des Buches „Die Homöopathie-Lüge“ stellt sich Weymayr damit dem Dilemma, das die Wirksamkeitsprüfungen der modernen Medizinforschung in Form randomisiert-kontrollierter Studien (randomized controlled clinical trials, RCT) mit sich bringen. Hinter den RCTs verbirgt sich eine wichtige und gängige Form klinischer Studien, die in der Regel die Wirksamkeit eines neuen Medikamentes zum Beispiel gegen ein Placebopräparat testet. Eine Gruppe von zu behandelnden Patienten – etwa mit überhöhtem Blutdruck – erhält zufallsverteilt zur einen Hälfte das Testpräparat, zur anderen Hälfte ein wirkstofffreies Placebo. Nach definierten Zeitabschnitten misst man, ob die neue Substanz den Blutdruck zu senken vermag und wie stark. Das wird sodann mit verschiedenen statistischen Rechenmethoden als „Signifikanz“ ausgewiesen.

          Weitere Themen

          Schlechtes Zeugnis für Cannabis

          Medizinalhanf : Schlechtes Zeugnis für Cannabis

          Im Frühjahr gab die Regierung grünes Licht für die Cannabis-Medizin. Dabei ist der therapeutische Nutzen von Cannabinoiden nur in wenigen Fällen erwiesen, wie eine aktuelle Studie zeigt.

          Bäume müssen nicht vermenschlicht werden Video-Seite öffnen

          Kritik an Peter Wohlleben : Bäume müssen nicht vermenschlicht werden

          Die Deutschen lieben den Wald. Der Förster Peter Wohlleben schreibt in seinen Büchern, Bäume liebten sich auch untereinander. Der Forstwissenschaftler Prof. Christian Ammer von der Georg-August-Universität Göttingen durchbricht jetzt die Bestseller-Idylle: Massensterben ist an der Tagesordnung, der Wald muss nicht vermenschlicht werden, um Bewunderung hervorzurufen.

          Saturnsonde „Cassini“ schweigt für immer Video-Seite öffnen

          Raumfahrt : Saturnsonde „Cassini“ schweigt für immer

          Ende mit Feuerwerk: Die Raumsonde „Cassini“ ist in der Saturn-Atmosphäre verdampft. Das Gefährt erreichte den Gasplaneten 2005 und schickte seither Aufsehen erregende Bilder zur Erde. Nun ging „Cassini“ der Treibstoff aus.

          Topmeldungen

          SPD-Wahlkampffinale in Aachen : Er rettet, was zu retten ist

          Nach Monaten der Euphorie glaubt fast niemand mehr an einen Wahlsieg der SPD. Trotzdem bringt Martin Schulz bei seinem letzten großen Wahlkampfauftritt seine Kampagne in Würde zu Ende – „egal, was morgen rauskommt“.
          Selfie mit dem Popstar der Politik: Lindner mit junger Anhängerin

          Nähe und Ferne zur CDU : Das Dilemma der FDP

          Bei seinem Wahlkampfabschluss zeigt sich die Zwickmühle für Christian Lindner und seine FDP: Vielleicht können die Liberalen bald mitregieren. Doch, ob das auch gut für sie wäre, weiß nicht einmal der Vorsitzende.
          Alois Karl (in blauer Steppjacke) auf Wahlkampftour in Ebermannsdorf

          Die CSU im Wahlkampf : Der schwarze Alois und die AfD

          Die Oberpfalz ist der CSU seit Jahrzehnten treu. Doch die AfD könnte auch hier die politischen Verhältnisse durcheinanderbringen. Wie gehen die Christsozialen mit der Konkurrenz von rechts um? Ein Ortsbesuch.

          40 Jahre nach dem Terrorherbst : Die „Landshut“ ist zurück in Deutschland

          Die Lufthansa-Maschine „Landshut“ ist zurück nach Deutschland gebracht worden. Vor 40 Jahren hatten Terroristen das Flugzeug entführt und den Piloten erschossen. Jetzt soll die „Landshut“ in ein Museum – aber ein Konzept gibt es noch nicht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.