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Veröffentlicht: 24.05.2011, 09:32 Uhr

Tropenkrankheit Chagas Alter Parasit, neue Probleme

Seit dem Frühjahr 2009 ist die Krankheit Chagas bekannt: Bislang gilt sie nur in Südamerika als echte Bedrohung. In Zukunft muss sich aber auch Europa mit der hinterhältigen Tropenkrankheit auseinandersetzen.

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© REUTERS Die blutsaugende Raubwanze ist ein häufiger Überträger der Parasiten

Trotz Behandlung auf der Intensivstation starb am 3. April 2009 das dritte Kind. Erst wenige Tage zuvor waren die Gesundheitsbehörden informiert worden, dass in Chichiriviche de la Costa seit Wochen eine rätselhafte Epidemie grassierte. Die Einwohner des kleinen Küstenorts im Westen Venezuelas waren verängstigt. Ostern, la Semana Santa, stand bevor, doch die erwarteten Feriengäste reisten vorsichtshalber gar nicht erst an. Mit Erbrechen, Fieber und Unwohlsein waren die Betroffenen in die Krankenhäuser eingeliefert worden; drei Lehrer und 47 Schüler der Schule Rómulo Monasterio, drei von ihnen waren inzwischen tot. Woran sie starben, das konnte Gesundheitsminister Jesús Mantilla am 4. April offiziell verkünden: Die Chagas-Krankheit suchte Chichiriviche heim, verunreinigter Guavensaft war die Infektionsquelle. Immerhin: Es bestand keine Gefahr einer unkontrollierbaren Ausbreitung.

Sonja Kastilan Folgen:

Chagas wird nicht von Viren oder Bakterien ausgelöst, die mit jedem Atemluftwirbel ein weiteres Opfer infizieren können, sondern von parasitären Einzellern der Art Trypanosoma cruzi. Sie werden von Raubwanzen auf den Menschen übertragen. Normalerweise geschieht das, wenn die blutsaugenden Insekten, wie etwa Triatoma infestans oder Rhodnius prolixus, ihren Kot auf der menschlichen Haut hinterlassen. Ins Auge oder eine Wunde gerieben, können darin enthaltene Trypanosomen leicht den neuen Wirt erobern.

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Krankheit in 21 Ländern angekommen

Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind in Lateinamerika rund zehn Millionen Menschen mit Trypanosoma cruzi infiziert. Jährlich sterben etwa 10.000 an der Tropenkrankheit, über die der brasilianische Arzt Carlos Ribeiro Justiniano Chagas 1909 als Erster berichtete. Er sollte sich der Malaria-Epidemie in der Gegend von Lassance widmen, als ihn seine Untersuchungen von Raubwanzen, in Brasilien "barbeiros" (Barbier) genannt und "kissing bugs" im Englischen, auf die Spur eines noch unbekannten Erregers führten. Der Arzt erkannte die Verwandtschaft zu T. brucei, berüchtigt für die afrikanische Schlafkrankheit, und ähnlichen Parasiten. Schließlich gab der Fall eines zweijährigen Mädchens den Ausschlag für seine Entdeckung einer neuen, amerikanischen "Trypanosomiasis des Menschen". Heute ist die Krankheit in 21 Ländern endemisch.

Woman sits in her hut in rural area in Argentine province of Corrientes © REUTERS Vergrößern Die Tropenkrankheit ist vor allem in Südamerika verbreitet

Den Erreger benannte Chagas nach seinem Mentor, dem Mediziner Oswaldo Cruz; er selbst stand Namenspate für das Leiden, dessen Zusammenhänge er aufdeckte. Einzig die Rolle der Wanzen interpretierte Chagas falsch: Er vermutete die Übertragung beim Akt des Blutsaugens, wohingegen die Stichwunde tatsächlich nur eine mögliche Eintrittpforte darstellt für die Einzeller aus dem infektiösen Kot. Diese entwickeln sich im Menschen und anderen Säugetieren wie Opossum oder Gürteltier über verschiedene Zwischenstadien weiter.

Orale Infektion durch Säfte

Keines der Opfer in Chichiriviche de la Costa war offenbar von Wanzen malträtiert worden. Aber alle hatten Saft getrunken, dem nicht anzumerken war, dass dafür neben Früchten versehentlich auch ein paar Raubwanzen ausgepresst wurden. Frische Säfte aus Guaven, Zuckerrohr oder Açaibeeren sind in Südamerika beliebt. Dass ihr Genuss allerdings ein Risiko für die Chagas-Krankheit bedeuten kann, ist nicht allen Einheimischen und nur den wenigsten Touristen bekannt. Der Erreger kann zum Beispiel in der landestypischen "Garapa" lauern, einem Getränk, das in Brasilien schon 1965 ins Gerede kam: Knapp drei Wochen nach dem Konsum von diesem Zuckerrohrsaft waren mehrere akute Chagas-Fälle aufgetreten.

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