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Tollwut : Ein Grund, das Fürchten zu lernen

Mit seiner Liebe zum Hund förderte der Mensch die Verbreitung der tödlichen Krankheit. Bild: Getty

Deutschland gilt seit bald zehn Jahren als frei von Tollwut. Streng genommen stimmt das allerdings nicht, denn in Fledermäusen kommen ähnliche Erreger vor. Die sind keineswegs harmlos, und weltweit ist die Gefahr sowieso noch nicht gebannt.

          Das Telefon von Stefan Roß steht nie lange still. Aus den unterschiedlichsten Regionen der Erde rufen die Leute am Universitätsklinikum Essen an, um den Virologen um eine Einschätzung zu bitten. Mal handelt es sich um Touristen, die gerade in den Anden unterwegs sind, mal um Eltern, deren Kind von einer Hotelkatze in der Türkei gekratzt wurde. Oder eben um deutsche Ärzte, die ihren verunsicherten Patienten helfen wollen. Immer wieder geht es um die gleichen Fragen: Müssen wir uns ernsthaft Sorgen machen? Sollte man noch mit einer Postexpositionsprophylaxe anfangen? Droht sonst womöglich Tollwut, eine Krankheit, deren Verlauf – ist sie einmal ausgebrochen – fast immer tödlich ist? Dieses Risiko zu verkennen, wurde einem Mann, der in Marokko von einem streunenden Hund gebissen wurde, 2007 zum Verhängnis. Er starb an den Folgen und gilt als der vorerst letzte Tollwutfall bei einem Menschen in Deutschland.

          Sonja Kastilan

          Redakteurin im Ressort „Wissenschaft“der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Zehn Jahre liegt das mittlerweile zurück. Doch die Gefahr ist noch lange nicht überall gebannt. Weltweit sterben laut offiziellen Schätzungen jährlich zwischen 59.000 und 74.000 Menschen an Tollwut, in der Mehrzahl Kinder unter 15 Jahren. Und selbst hierzulande ist man nicht gefeit, sich mit den gefährlichen Erregern anzustecken. Obwohl Hunde im besten Fall geimpft sind und Füchse nicht mehr als gefährliches Reservoir gelten, seit das Auslegen von Ködern zur oralen Impfung der Wildtiere den gewünschten Erfolg gebracht hat. Deutschland gilt seit 2008 offiziell als „tollwutfrei“. Ein Status, der regelmäßig kontrolliert werden muss und inzwischen von fast allen Nachbarländern erreicht wurde. Bis zum Jahr 2020 will die Europäische Union diese sagenhafte Seuche endgültig los sein.

          Restrisiko: die Fledermaus

          Auch wenn nun die Tollwut in Europa mehr und mehr zurückgedrängt wird, verschwindet sie doch nie ganz. Ein Teil der heimischen Fledermäuse ist mit nahverwandten Lyssaviren infiziert. Von den sechzehn heute bekannten Vertretern dieser Virengattung sind es hier vor allem EBLV-1 und EBLV-2. Man müsse diese Form zwar von der klassischen, durch das „Rabies Virus“ (RABV) verursachten Tollwut unterscheiden, sagt Thomas Müller vom Institut für molekulare Virologie und Zellbiologie des Friedrich-Loeffler-Instituts auf der Insel Riems: „Aber wenn Menschen sich mit diesen Erregern anstecken, bringen sie sich trotzdem in Todesgefahr.“ Glücklicherweise komme es in Europa verhältnismäßig selten zu seiner solchen Übertragung, doch harmlos seien diese Viren keineswegs: „Wird man gebissen oder gekratzt, braucht man eine entsprechende prophylaktische Behandlung.“

          Welche Maßnahmen notwendig sind, weiß Stefan Roß am besten. Am Essener Institut für Virologie leitet er das Konsiliarlabor für Tollwut in der Humanmedizin und ist damit in Deutschland für die Fachberatung zuständig. Roß sensibilisiert auch Mediziner, zum Beispiel in Weiterbildungskursen, damit sie die Tollwut nicht aus dem Blick verlieren. Seine Arbeitsgruppe führt molekulare und epidemiologische Studien zu dieser uralten Seuche durch und versucht, die Diagnostik weiterzuentwickeln. „Der Nachweis des viralen Erbguts im Speichel oder Liquor ist schwierig, und sicher ausschließen lässt sich eine Infektion mit den Tollwutviren zu Lebzeiten der Patienten bisher leider nicht. Auch wenn sich das viele der bei uns anrufenden Ärzte für ihre Patienten erhoffen“, sagt Roß. Und auch Thomas Müller und seine Kollegen auf der Insel Riems arbeiten daran, neue Schnelltests zu entwickeln, für die man möglichst keine spezielle Laborausrüstung oder eigens ausgebildetes Personal braucht.

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