http://www.faz.net/-gwz-73tkl
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 25.10.2012, 07:00 Uhr

Therapie beim Herzinfarkt An der Notaufnahme vorbei

Die Herzinfarkttherapie kann verbessert werden. Konkrete Strategien, die mehr Menschen vor dem Tod bewahren, zeigt eine neue deutsche Studie.

von Nicola von Lutterotti
© dpa

Die Behandlung des akuten Herzinfarkts ist ein Wettlauf mit der Zeit. Gewinnen lässt er sich nur, wenn alles wie am Schnürchen klappt - angefangen von der Erstversorgung des Patienten bis hin zur Aufdehnung der verstopften Kranzarterie mit dem Katheter. Denn mit jeder Minute, die ungenutzt verstreicht, verschlechtern sich die Aussichten des Patienten, ohne größere Einbußen der Herzkraft zu überleben. Nur in einer Minderheit der Fälle gelingt es, die verschlossene Ader leitliniengerecht innerhalb von 90 bis spätestens 120 Minuten nach Eintreffen des Notarztes zu öffnen.

Die hierfür verantwortlichen Gründe sind vielfältig. Sie reichen vom Ansteuern einer ungeeigneten Klinik über eine zu lange Verweildauer in der Notaufnahme bis hin zur verspäteten Verständigung des Behandlungsteams. Meist den schwierigen äußeren Umständen angelastet und daher gleichsam schicksalhaft hingenommen, sind derartige Verzögerungen aber keineswegs unabänderlich. Sie lassen sich vielmehr deutlich verringern. Wie sich das erreichen lässt, haben Ärzte und Rettungskräfte um Karl Heinrich Scholz vom St. Bernward Krankenhaus in Hildesheim zunächst in einer kleinen Studie bei 144 Patienten und jetzt in einer größeren bei knapp 1200 Infarktkranken vorgeführt. Waren am ursprünglichen Projekt erst eine Akutklinik - das sind Kliniken, die Infarktkranke rund um die Uhr mit dem Katheter behandeln können - und zwei Hospitäler ohne derartige Ausstattung beteiligt, basiert die zweite Studie auf einer deutschlandweiten Kooperation von sechs Akutkliniken und 29 in deren Einzugsgebieten befindlichen Krankenhäusern.

Wirklichkeitsferne Studien

Bei den Patienten der aktuellen Untersuchung handelt es sich um ein typisches Abbild des klinischen Alltags. Einbezogen wurden alle Infarktkranken, die während der Aufnahmephase spätestens 24 Stunden nach Beginn der Beschwerden an eine der teilnehmenden Kliniken gelangten. Nach dieser Zeit gilt ein Kathetereingriff als nicht mehr nutzbringend. Demgegenüber mussten die Probanden der für die Leitlinien relevanten Studien meist mehr oder weniger strengen Selektionskriterien genügen. Sehr alte Personen fanden darin vielfach ebenso wenig Beachtung wie besonders kranke. Die wirklichkeitsferne Zusammensetzung der Studienteilnehmer ist auch ein wesentlicher Grund, weshalb die in den Leitlinien festgelegten Behandlungszeiten den Ruf haben, unrealistisch zu sein.

Was das Protokoll der Studie betrifft, stützte sich das neue Projekt auf das bewährte Rezept des ersten: Über einen Zeitraum von fünfzehn Monaten kamen vierteljährlich alle an der Infarkttherapie beteiligten Berufsgruppen zusammen, um die zuvor im Detail dokumentierten Abläufe zu diskutieren. „Positiv erstaunt hat mich“, sagt Karl Heinrich Scholz, „wie konstruktiv sich die Teilnehmer der gemeinsamen Treffen - ob nun Sanitäter, Feuerwehrleute, Notärzte, Kardiologen oder Pflegekräfte - um Lösungen bemühten.“ Als die treibende Kraft habe sich dabei die wiederholte Rückmeldung der Ergebnisse erwiesen. „Werden die Teammitglieder in regelmäßigen Abständen mit den eigenen Leistungen konfrontiert, sind sie sehr viel motivierter, Verbesserungen vorzunehmen, als ohne ein solches Feedback.“

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
ACE-Hemmer Blutdrucksenker mit Zusatznutzen

Gute Nachricht für Herzpatienten: ACE-Hemmer und Angiotensin-Antagonisten schützen den Taktgeber besser als andere blutdrucksenkende Mittel. Mehr Von Nicola von Lutterotti

16.07.2016, 09:00 Uhr | Wissen
Transplantationen Organspenden dramatisch gesunken

Die Zahl der Organspender in Deutschland ist so gering, dass viele Patienten auf der Warteliste versterben. Ein Grund dafür ist eine Reihe von Skandalen. Was kann man dagegen tun? Der Beitrag des Bayerischen Rundfunk ist auch in der Sendung mehr/wert am 30.06. um 19 Uhr im BR zu sehen. Mehr

30.06.2016, 17:26 Uhr | Wirtschaft
Erste Hilfe Per Elektroschock zurück ins Leben

Setzt das Herz plötzlich aus, kann ein Defibrillator die Rettung sein. Deshalb verteilt man automatisierte, einfach bedienbare Geräte großzügig im öffentlichen Raum. Doch fünfzehn Jahre nach der Einführung fällt die Bilanz nicht nur positiv aus. Mehr Von Georg Rüschemeyer

11.07.2016, 09:00 Uhr | Wissen
Vereinigte Staaten Militär will sich für Transgender öffnen

Das amerikanische Militär will sich für bekennende Transgender öffnen. Amerikanische Transgender dürfen ab sofort offiziell dienen. Sie dürfen nicht länger entlassen oder sonst wie vom Militärdienst ausgeschlossen werden, nur weil sie transgender sind, sagte Verteidigungsminister Ash Carter. Bereits jetzt dienen einer Studie zufolge rund 2500 Menschen in der Armee, die sich nicht mit den biologischen Geschlechtsmerkmalen identifizieren können, mit denen sie geboren wurden. Mehr

01.07.2016, 14:28 Uhr | Politik
Krankheiten googeln Plötzlich hat jeder Krebs

Ärzte mögen keine googelnden Patienten. Die Recherche fördert Angst vor Krankheiten und hat sogar einen eigenen Namen: Cyberchondrie. Doch es gibt auch hilfreiche Medizinseiten. Mehr Von Denise Peikert

13.07.2016, 10:43 Uhr | Gesellschaft