http://www.faz.net/-gwz-8xn2m
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren

Veröffentlicht: 12.05.2017, 19:08 Uhr

Nocebo-Effekt Das schmerzt!

Was ich nicht weiß macht mich nicht heiß.Warum dieser Satz auch perfekt auf mögliche Nebenwirkungen von Pillen zutrifft und wir uns manchmal kränker fühlen als wir eigentlich sind. Eine Glosse.

von Martina Lenzen-Schulte
© ddp Statine gehören zu den meistverkauften Medikamenten.

Füttert man Google mit der Wortfolge „Statine und“, schlägt die Suchmaschine als Ergänzung an erster Stelle „Statine und Muskelschmerzen“ vor. Aber was wäre, wenn die webbasierte Konstruktion einer Nebenwirkung ebenso fehlerbehaftet wäre wie die Wahrnehmung der Patienten? Dann hätten wir es hier vermutlich mit einem sich im Internet selbstverstärkenden Nocebo-Effekt zu tun.

Aber von Anfang an: Patienten klagen extrem häufig über Muskelschmerzen, wenn sie Statine einnehmen, um ihr Cholesterin zu senken. Muskelschmerzen tauchen daher in den Übersichtsarbeiten und auf Kongressvorträgen meist als Erstes auf, wenn es gilt, die Nachteile der Statin-Therapie zu beschreiben. Der Effekt lässt sich zugegebenermaßen nicht gut erklären, steigt aber mit höheren Dosen an, was dafür spricht, dass die Muskelschmerzen in der Tat etwas mit den Statinen zu tun haben könnten.

Googles Placeboeffekt

Nun zeigt sich aber in einer neuen Studie mit rund 10.000 Patienten, dass diese um relative 41 Prozent häufiger angeben, an Muskelschmerzen zu leiden, wenn sie wissen, dass sie ein Statin einnehmen. Wissen sie nicht, ob sie den echten Wirkstoff oder nur ein Placebo erhalten, dann empfinden sie deutlich seltener Muskelschmerzen, so heißt es im Fachjournal „The Lancet“. Solche Nocebo-Effekte kennen Ärzte zur Genüge, Patienten haben schon immer vermehrt über jene Nebenwirkungen geklagt, die im Beipackzettel genannt sind. Und sie hängen naturgemäß auch mit der eingenommenen Dosis zusammen, da die Betroffenen schließlich wissen, ob sie viel oder wenig von dem Arzneimittel einnehmen.

Wie riesig die Gefahr ist, später zu fühlen, was man vorher nur gelesen hat, zeigt die Statin-Studie damit eindrucksvoll. Wenn nun noch Suchmaschinen die Nebenwirkungen schon ergänzen, bevor der Patient überhaupt das Wort „Muskelschmerz“ eintippt, dann ist nicht nur die ärztliche, tatsachenbasierte Information künftig vollends wertlos. Dann tut sich auch ein ganz neues Potential der Interaktion von Suchmaschine, Patient und Gesundheitsmarkt auf. Denn inzwischen gibt es deutlich teurere Cholesterinsenker vom Typ PCSK9-Hemmer. Diese sollen eigentlich nur zur Anwendung gelangen, wenn eine Unverträglichkeit gegen Statine besteht.

Mehr zum Thema

Gibt man nun „Statinunverträglichkeit“ in unseren Nocebo-Generator ein, so lauert das Wort „Alternative“ als Ergänzungsvorschlag je nach Browser bereits an zweiter oder dritter Stelle. Google hat zum Beispiel auch „Statinunverträglichkeit“ und „Muskelschmerzen“ plus „Alternative“ im Angebot. Sollten demnächst unter den vorgeschlagenen Alternativen gehäuft die „PCSK9-Hemmer“ auftauchen, dann beklagen die Patienten bald nicht mehr nur Muskelschmerzen unter Statinen, sondern erklären ihrem Arzt auch beim selben Besuch, was sie wegen der Unverträglichkeit gern stattdessen verschrieben hätten. Wenn die innovativen Cholesterinsenker ihnen keine Muskelschmerzen verursachen, ist das der neue „Google Placeboeffekt“, der sich von echten Zuckerpillen vermutlich nur dadurch unterscheidet, dass er teurer kommt.

Zur Homepage