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Veröffentlicht: 07.01.2013, 18:20 Uhr

Sturzanalysen Unglücksfälle vorhersehen

Forscher analysieren Stürze in Altenheimen. Sie wollen einen Sturz-Sensor entwickeln, der es alten Menschen ermöglichen könnte, länger selbständig zu leben.

von Hildegard Kaulen
© dpa

Meistens sieht niemand zu, wenn alte Menschen hinfallen. Abgesehen von einigen Stürzen Prominenter vor laufender Kamera wie dem von Fidel Castro nach einer Rede in Santa Clara vor acht Jahren oder dem von König Juan Carlos im Hauptquartier der Armee in Madrid im August, dokumentieren nur wenige Videos die Ursachen und Umstände eines Sturzes.

Befragungen und Erlebnisberichte geben nur die subjektive Wahrnehmung wieder. Die Unfallforschung ist aber auf objektive Informationen angewiesen. Stephen Robinovitch von der Simon Fraser University im kanadischen Burnaby und seine Kollegen haben 227 Sturzunfälle in Pflegeheimen mit öffentlich installierten Videokameras aufgezeichnet und ihre Analysen in der Zeitschrift „Lancet“ veröffentlicht. (doi:10.1016/ S0140-6736[12]61263-X).

Stolpern war eine häufige Ursache

Wie die Filmsequenzen zeigen, war jeder zweite Sturz durch eine unzulässige Gewichtsverlagerung beim Vorwärtsgehen, Stillstehen oder Hinsetzen zustande gekommen und demnach selbst ausgelöst worden. Stolpern war die zweithäufigste Ursache. Unfälle, die durch ein Anstoßen oder Zusammenstoßen ausgelöst worden, durch einen Kreislaufkollaps bedingt waren oder bei denen die alten Menschen ihren Halt an einer Unterlage verloren hatten, standen bei den Ursachen gemeinschaftlich an dritter Stelle. Nur drei Prozent der Unfälle in Pflegeheimen kamen durch Ausrutschen zustande, eine Ursache, die bisher überschätzt worden ist. Robinovitch und seine Kollegen hatten mit zwei Einrichtungen kooperiert, die ihre Speisesäle, Aufenthaltsräume, Flure und Treppenhäuser mit Videokameras überwachen. Immer wenn sich ein Sturz ereignet hatte, wurden die Filmsequenzen sichergestellt und ausgewertet.

In Deutschland wäre eine solche Studie wegen des Datenschutzes und aus arbeitsrechtlichen Gründen nicht möglich gewesen. Clemens Becker vom Robert Bosch Krankenhaus in Stuttgart und Lorenzo Chiari von der Universität Bologna loben die Studie in einem begleitenden Kommentar in „Lancet“, verweisen aber auch auf deren Grenzen (doi:10.1016/ S0140-6736[12]61724-3). Die Ergebnisse seien wegen der anderen Begleitumstände vermutlich nicht auf die Situation alter Menschen im häuslichen Umfeld übertragbar. Es seien auch nur Stürze in öffentlichen Bereichen dokumentiert worden, nicht in Schlaf- oder Badezimmern, wo sich die meisten Unfälle ereignen. Trotzdem könne man einiges für die Prävention lernen, sagt Becker. „Viele alte Menschen fallen, weil sie ihren Schwerpunkt über den sicheren Stand hinaus verlagern. Das ist eine selbst herbeigeführte Ursache, keine von außen herangetragene. Die sichere Gewichtsverlagerung sollte deshalb stärker als bisher trainiert werden, etwa mit Balance- oder Krafttaining.“ Die Videosequenzen zeigen auch, dass sich die Betroffenen bei jedem vierten Stolpersturz mit den Füßen an Tischen oder Stühlen verheddern. Dort, wo ein Zusammenstoßen die Ursache war, hatte oft der Platz nicht ausgereicht für zwei Rollatoren oder zwei Rollstühle. „Wir sollten deshalb die Gebäudenormen überprüfen und das Einrichtungsdesign verbessern“, sagt Becker. „Empfehlenswert sind Tische mit einem Zentralfuß statt mit vier Beinen.“

Sturz-Sensoren könnten helfen

Die auf Video aufgezeichneten Sturzunfälle bringen auch die Entwicklung eines Sturz-Sensors voran. Dieses Hilfsmittel soll einen Sturz im besten Fall verhindern. Das Interesse daran ist groß, weil alte Menschen damit vielleicht in Zukunft länger alleine leben können. Becker koordiniert ein von der EU gefördertes Projekt mit dem Namen „Farseeing“ (http://farseeingresearch.eu/). Dabei entwickeln elf Arbeitsgruppen aus sieben EU-Ländern einen Sturz-Algorithmus. Sie sammeln dafür zunächst Rohdaten zu den Bewegungen alter Menschen in ihrem normalen Umfeld. Diese werden mit einem Sensor aufgezeichnet, der die Größe einer Streichholzschachtel hat und Beschleunigung, Lage und Geschwindigkeit registriert. Die Daten fließen dann in eine Rohdatenbank ein. Wenn die Wissenschaftler von den Probanden über einen Sturz informiert worden sind, werten sie die Rohdaten zu diesem Zeitpunkt aus und versuchen, daraus einen Algorithmus abzuleiten, mit dem der Sturz hätte vorhergesagt werden können.

Die Videoaufzeichnungen von Robinovitch unterstützen diese Entwicklung, weil sie die Bewegungsabläufe beim Sturz alter Menschen objektiv dokumentieren. Das ist eine wichtige Referenzinformation. „Wir haben derzeit Rohdaten zu fünfzig Stürzen allein lebender alter Menschen gesammelt“, sagt Becker. „Wir brauchen vermutlich Daten zu drei- bis fünfhundert Stürzen, um einen zuverlässigen Algorithmus vorlegen zu können. Dieser muss hochspezifisch sein, damit der Sturz sicher erkannt wird.“ Bei einer unzureichenden Spezifität würden Bewegungsabläufe fälschlicherweise als Sturz klassifiziert, was einem Fehlalarm entspräche. Becker rechnet damit, dass es in zwei Jahren einen zuverlässigen Sturzalgorithmus geben wird. Der Sensor könnte so ausgelegt werden, dass er nach der Registrierung des Sturzes umgehend einen Rettungshilfsdienst verständigt. Denkbar ist allerdings auch, dass ein Sturz über den Algorthimus vorhergesehen wird und das Gerät ein akustisches Warnsignal abgibt.

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Quelle: F.A.Z.

 

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