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Das Streitgespräch: Alzheimer : Heilung - wie nah ist man wirklich dran?

Schrumpfendes Hirn: Normales Gehirn eines 70jährigen (rechts) und eines gleichaltrigen Alzheimer-Patienten. Bild: David M. Holtzman of the Washington University

Ein Durchbruch im Kampf gegen die Alzheimer-Krankheit - oder wieder eine Hoffnung, die enttäuscht wird? Immer öfter heißt es: Schon das zugrundeliegende Modell ist fragwürdig. Ein Streitgespräch aus aktuellem Anlass.

          • Washington DC, vor knapp einer Woche: Erfolgsmeldungen auf dem größten Alzheimer-Kongress. Erstmals wollen Pharmaforscher gezeigt haben, dass spezielle Antikörper den Verlust des Gedächtnisses  aufhalten können. Doch Zweifel bleiben. Wir haben uns mit dem deutschen Alzheimerforscher Konrad Beyreuther und einem seiner Kritiker, dem amerikanischen Biologen und Mathematiker Lloyd Demetrius, in den Räumen des Heidelberger Netzwerks Alternsforschung getroffen.    
          Joachim  Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Herr Beyreuther, die Suche nach einer Alzheimer-Therapie war bisher so frustrierend, dass man sich über den neuen Optimismus regelrecht wundert. Was ist anders?

          Beyreuther: In der Vergangenheit gab es tatsächlich nur Negatives zu berichten. Wir konnten das Fortschreiten der Krankheit einfach nicht aufhalten. Jetzt haben wir den ersten Nachweis, dass wir mit bestimmten Antikörpern etwas erreichen können. Der Unterschied zu früher ist: Die Patienten waren diesmal echte Patienten. Sie wurden mit Biomarkern in der Hirnflüssigkeit, Amyloid und Tau, und bildgebenden Verfahren ermittelt. Mit Kernspin kann man die Dicke des Hippocampus ermitteln, die ist bei Alzheimer-Patienten typischerweise deutlich verringert. Und noch aussagekräftiger sind Hirnbilder mit dem Amyloid-PET. Dabei wird das Amyloid mit radioaktiven Substanzen markiert, es ist deshalb in Deutschland zur Anwendung an gesunden Menschen verboten.

          Demetrius: Wie meinen Sie das, inwiefern waren die Patienten in früheren Studien keine echten Patienten?

          Prof. Lloyd Demetrius (l.) und Prof. Konrad Beyreuther im Arbeitszimmer Beyreuthers.
          Prof. Lloyd Demetrius (l.) und Prof. Konrad Beyreuther im Arbeitszimmer Beyreuthers. : Bild: Joachim Müller-Jung

          Beyreuther: Schätzungsweise die Hälfte der Patienten waren keine Alzheimer-Patienten, es war eine Mischung von Kranken, die an unterschiedlichen neurodegenerativen Erkrankungen litten. Eine Demenz wird von vielen unterschiedlichen Leiden ausgelöst.

          Demetrius: Wie definieren Sie dann Alzheimer-Patienten?

          Beyreuther: Es gibt zwei Definitionen, eine vom amerikanischen Nationalen Institut für Alternsforschung des Nationalen Instituts für Gesundheit NIA/NIH und eine andere von einem internationalen Alzheimer-Konsortium (IWR). Letztere enthält eine Veränderung des episodischen Gedächtnisses, einem Teil des Langzeitgedächtnisses, plus einen Biomarker. Für das NIA/NIH genügen zwei Biomarker. Das reicht mir nicht. Der Mensch muss Symptome einer Demenz zeigen, um als krank zu gelten.

          Zurück zu den jüngsten Therapieerfolgen: Werden sie von der Alzheimerforschung nicht deshalb so gefeiert, weil sie nun etwas sicherer sein kann, dass die Amyloidablagerungen tatsächlich die Krankheitsursache sind und man nicht Jahre lang womöglich auf das falsche Pferd gesetzt hat?

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