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Spätfolgen des Zweiten Weltkriegs : Das Trauma der Generation 60 plus

  • Aktualisiert am

Eine Generation, die unter den Kriegsfolgen leidet: Senioren auf einer Parkbank Bild: dpa

Zwölf Prozent der Deutschen, die älter sind als sechzig Jahre, zeigen Symptome einer Traumatisierung. Das geht aus Studien der Universität Leipzig hervor. Die Generation leidet offenbar bis heute unter den Folgen des Zweiten Weltkriegs.

          Bei zwölf Prozent der über 60-Jährigen Deutschen fanden Wissenschaftler der Universitätsmedizin Leipzig Anzeichen einer Traumatisierung. Die Forscher ziehen daraus den Schluss, dass Menschen, die den Zweiten Weltkrieg miterlebt haben, noch heute an den späten Folgen von Bombenangriffen, Vergewaltigung, Vertreibung, Verlust von Angehörigen, Inhaftierung oder anderen Kriegshandlungen leiden. Den Untersuchungen zufolge haben derart traumatisierte Menschen außerdem ein mehrfach erhöhtes Risiko an Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Rheuma und anderen körperlichen Leiden zu erkranken.

          Erstmals gibt es jetzt belastbare Zahlen

          „Die Untersuchungen machen deutlich, dass der Krieg nicht mit einem Friedensschluss endet sondern noch Jahrzehnte in den Beteiligten nachwirkt“, sagt die Psychologin Heide Glaesmer von der Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie am Universitätsklinikum Leipzig. Glaesmer hat vier Studien zum Thema geleitet. Die Untersuchungen hat sie jetzt in ihrer Habilitationsschrift zusammengefasst.

          Ziel der Arbeit war es unter anderem, das Ausmaß der psychischen und gesundheitlichen Kriegsfolgen in der deutschen Bevölkerung endlich auf ein belegbares Zahlenfundament zu stellen. Zur sogenannten Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) gebe es ohnehin wenig epidemiologische Zahlen, sagt Glaesmer. Ihre Studie hätten nun zum ersten Mal überhaupt gezielt ältere Betroffene erfasst.

          Die Hälfte erinnert sich an ein traumatisches Ereignis

          Glaesmers Team in Leipzig erhob zwischen 2005 und 2008 gemeinsam mit Kollegen aus Greifswald und Zürich die Daten von über 8000 Menschen zwischen 14 und 93 Jahren. Danach zeigte sich, dass besonders die ältere Bevölkerung psychisch unter den Folgen eines Traumas leidet. Zwischen 40 und 50 Prozent der heutigen Älteren berichten über mindestens ein traumatisches Ereignis, vor allem aus Kriegszeiten.

          Je nach Studie wiesen bis zu vier Prozent der über 60-Jährigen eine sogenannte Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) auf. Berücksichtigten die Forscher auch geringer ausgeprägte posttraumatische Symptome waren bis zu 12,2 Prozent der Älteren betroffen. Hochgerechnet entspricht dies zweieinhalb Millionen Menschen in Deutschland. In der Gruppe der 30- bis 59-Jährigen fanden sich Anteile von maximal 2,7 Prozent mit PTBS, beziehungsweise vier Prozent mit geringeren Anzeichen einer PTBS.

          Die Folgen sind Depressionen, Schlafstörungen, sozialer Rückzug

          Patienten mit einer PTBS werden ungewollt - etwa in Albträumen - immer wieder mit dem Trauma konfrontiert. Sie versuchen Gedanken, Orte und Aktivitäten zu vermeiden, die mit dem Erlebten zusammenhängen. Auch Depressionen, Schlafstörungen, Schreckhaftigkeit, Konzentrationsschwierigkeiten oder sozialer Rückzug können Folgen der Kriegstraumen sein.

          Doch die schrecklichen Erfahrungen wirken sich nicht nur auf die psychische Gesundheit aus. Wer ein Trauma erlebt hatte, litt den Untersuchungen zufolge auch häufiger an körperlichen Erkrankungen. Die Traumatisierten waren von sämtlichen erfassten Krankheiten häufiger betroffen als Nicht-Traumatisierte. Erkrankungen der Herzkranzgefäße, Bronchitis und Schlaganfälle etwa kamen bei Ihnen dreimal so häufig vor wie bei den nicht durch ein Trauma belasteten Altersgenossen.

          Lange Zeit galt das Thema als Tabu

          „Die Tragweite der Forschungsergebnisse wird deutlich, wenn man bedenkt, dass die damalige Kriegsgeneration jetzt in die medizinisch und pflegerisch intensive Lebensphase kommt“, sagt Heide Glaesmer. Die öffentliche Auseinandersetzung mit den psychosozialen Folgen der Traumatisierungen des Zweiten Weltkrieges habe lange Zeit als ein Tabu gegolten. „Seit einigen Jahren scheint es möglich, sich unter Anerkennung der Unvergleichlichkeit des Holocausts auch mit den Folgen der Kriegstraumata für die deutsche Bevölkerung zu beschäftigen“, schreibt Glaesmer in ihrer Arbeit.

          Bewusst haben die Studienautoren auch Menschen berücksichtigt, die kurz Kriegsende vor oder sogar Ende der vierziger Jahre geboren sind. „Auch die direkte Nachkriegszeit war etwas sehr Einschneidendes“, sagt Glaesmer. Die Menschen, die im Krieg noch Kleinkinder waren, hätten zwar deutlich weniger belastende Erlebnisse beschrieben. „Wir wissen aber nicht, ob sie weniger erlebt haben oder sich schlicht nicht mehr erinnern können“, sagt Glaesmer.

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