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Gefahr für Mitmenschen : Passivrauch schadet auch

  • -Aktualisiert am

Lange galt Rauchen als schick - mit der Erkenntnis, dass auch Nichtraucher dadurch gefährdet werden, hat sich das geändert. Bild: dpa

Die Erkenntnis, dass er auch Nichtraucher gefährdet, hat den Zigarettenrauch seine Reputation als schickes Symbol gekostet. Doch, wie ist diese These eigentlich entstanden?

          Es gibt Erkenntnisse der Wissenschaft, die sich gegen ein milliardenschweres Interesse an ihrer Unwahrheit durchsetzen mussten und denen dies gelungen ist. Die Einsichten in die beiden Gefahren des Rauchens – die für den Raucher selbst und die für seine Mitmenschen – sind ein gutes Beispiel dafür. In beiden Fällen haben die Zigarettenhersteller ganze Armeen von Forschern dafür bezahlt, diese Gefahren herunterzuspielen, und in beiden Fällen geschah dies vergeblich.

          In der heutigen Wissenschaftsgeschichtsschreibung werden die Beiträge der Industrieforschung zu diesem Thema daher zumeist übergangen. Dass dies ein großer Fehler ist, zeigt eine neue Fallstudie des israelischen Soziologen Uri Shwed. Sie geht der Frage nach, wie man eigentlich auf die These gekommen ist, dass der Zigarettenrauch auch der Gesundheit von Nichtrauchern schaden kann.

          Es ist bekannt, dass der Nachweis solcher Schäden, der Mitte der achtziger Jahre gelang, den Zigarettenherstellern das Geschäftsmodell verdorben hat. Gegen die auch zuvor schon bekannten Krebsrisiken, die der Raucher für sich selbst eingeht, konnte man in einer liberalen Gesellschaft nicht viel unternehmen. Erst mit der Einsicht in die Gefährdung der Nichtraucher hat das Thema jene moralische und politische Zugkraft gewonnen, die den Zigarettenrauch schließlich seine Reputation als schickes Symbol kosten sollte.

          Eine Rekonstruktion der großen Kontroversen

          Für die übliche Wissenschaftsgeschichtsschreibung ist der Fall damit klar: Es könne sich hier nur um ein Erzeugnis unabhängiger Forschungen handeln, denn die Industrieforscher hätten sich ja immer nur auf der Seite des Irrtums engagiert. Dass es so einfach nicht ist, das zeigt Shwed, indem er die beiden großen Kontroversen über das Rauchen aus dem Zitierverhalten der daran beteiligten Forscher rekonstruiert.

          Seine erste Korrektur an der üblichen Darstellung ruft in Erinnerung, wie wenig entwickelt die Krebsforschung in den vierziger Jahren war, als man zum ersten Mal auf den Zigarettenrauch als mögliche Ursache gekommen war. Die entsprechende Hypothese wurde zunächst auf einer sehr schmalen Basis an epidemiologischen Daten vertreten, und gerade ihre ersten Vertreter waren sich dieser Unvollkommenheit durchaus bewusst. Anders als heutigen Historikern lag es ihnen daher auch fern, ihren Kritikern unlautere Motive zu unterstellen.

          Nicht alle Biologen, die damals noch Angaben über den organischen Mechanismus der Krebserregung vermissten, und nicht alle Chemiker, die ungläubig fragten, ob die Zigarette denn überhaupt krebserregende Substanzen enthalte, waren denn auch bei der Industrie angestellt, und entsprechend standen die Industrieforscher mit ihrer Skepsis durchaus nicht allein. Dieses peinliche Schicksal ereilte sie vielmehr erst später, als die Krebs-These, nunmehr auf breiterer Datenbasis, zur herrschenden Meinung geworden war.

          Die zweite Korrektur betrifft die Suche nach einer weniger schädlichen Zigarette. Über dieses Forschungsthema der siebziger Jahre schreibt die Wissenschaftsgeschichte meist eilig hinweg, weil es damals nicht nur von den amerikanischen Gesundheitsbehörden, sondern auch von der Tabakindustrie unterstützt wurde. Und als besonders anstößig gilt ihr, dass diese Forschungen von einem gewissen Ernst Ludwig Wynder (1922–1999) geleitet wurden. Noch wenige Jahre zuvor hatte dieser in Deutschland geborene Mediziner nämlich der Krebs-These zum Durchbruch verholfen, und seine Kooperation mit der Industrie wird ihm daher als Selbstverrat ausgelegt.

          In der Tat war Wynders Wechsel zum Thema der Schadensbegrenzung von eigenen Interessen diktiert. Seit an den Krebsrisiken der Raucher niemand mehr zweifelte, drohte seinen Mitarbeitern die Arbeitslosigkeit. Die Idee einer weniger schädlichen Zigarette war unter diesen Umständen auch eine gute Geschäftsidee. Sie eignete sich als Kompromissformel im Dauerkonflikt der Gesundheitsbehörden mit den Zigarettenherstellern, und sie gab beiden Akteuren ein starkes Motiv, Wynders Forschungen zu unterstützen. Shwed würdigt diese Koalitionsbildung, in der jede exklusive Abhängigkeit von der Wirtschaft vermieden worden war, als ein mikropolitisches Meisterwerk.

          Shwed zeigt, dass die ersten Hinweise auf die Gefahren des Passivrauchens auf einen von Wynders damaligen Mitarbeitern zurückgehen. Auf der Suche nach der weniger schädlichen Zigarette sollte damals geklärt werden, was Zigarettenfilter bringen, und dazu war es erforderlich, die chemische Zusammensetzung des inhalierten und des aus der brennenden Zigarettenspitze austretenden Rauches jeweils für sich zu erheben. Dabei stellte sich heraus, dass der ungefilterte Rauch so viel mehr an Schadstoffen enthält, dass man eine Gefährdung der Passivraucher nicht ausschließen kann. Der erste Nachweis dieser Gefährdung an den Gattinnen japanischer Raucher stammt in der Tat von einem unabhängigen Wissenschaftler. Aber als wichtigste Vorarbeit zitiert er jene Vorgängerforschung, die Zigarettenhersteller mitfinanzierten.

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          Uri Shwed: „Robust Science: Passive Smoking and Scientific Collaboration with the Tobacco Industry in the 1970s“, in: Sociological Science 2(2015), S. 158-185

          Quelle: F.A.S.

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