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Schwindel - eine Krankheit? : Leben außer Balance

  • -Aktualisiert am

Wenn die Welt ins Wanken gerät. Bild: Imago

Schwindel gilt nicht als Krankheit, aber er ist dennoch oft dringend therapiebedürftig und wird ebenso oft falsch behandelt. Vieles ist möglich und hilft - vor allem, wenn der Rhythmus stimmt.

          Schwindel ist keine Krankheitseinheit, Schwindel ist ein buntes, vieldeutiges Symptom ganz unterschiedlicher Erkrankungen. Erfreulich daran ist nur, dass er selten lebensbedrohlich ist, im Gegenteil häufig gutartig im Spontanverlauf oder wirkungsvoll behandelbar. Im Alter gibt es zwar chronische Verläufe, aber auch mit denen lässt sich zufrieden leben, wenn der Betroffene Ursachen und Mechanismen versteht und – besonders wichtig – körperlich und geistig weiter aktiv bleibt, sich nicht zurückzieht.

          Auf die richtige Diagnose kommt es an, denn die bestimmt die Auswahl der Therapie. Doch da liegt genau die Schwäche der derzeitigen Versorgung weltweit. Wegen der Vielzahl der zugrunde liegenden Erkrankungen sind nicht nur der Patient, sondern auch der Arzt verunsichert, wer im Einzelfall zuständig ist, der Hausarzt, HNO-Arzt, Neurologe, Internist, Orthopäde oder Psychiater. Gleich als Erfahrung zwei wenig zielführende Überweisungspraktiken: Der Orthopäde ist besonders beliebt als Ansprechpartner – die Halswirbelsäule ist jedoch nur in Ausnahmefällen Auslöser von Schwindel; der Psychiater wird dagegen zu selten konsultiert, obwohl psychische Faktoren vor allem bei chronischen Schwindelformen im Alter eine große Rolle spielen. Der Patient findet meist erst nach einer Odyssee über viele nicht notwendige diagnostische Maßnahmen oder wirkungslose Behandlungsversuche den erfahrenen fächerübergreifenden Spezialisten.

          Wie entstehen Gleichgewichtsstörungen?

          Warum kommt es bei Schwindel auch zu Gleichgewichtsstörungen? Drei Sinnessysteme sind für Orientierung und Balance wichtig. Das eine sind die zahllosen Körperfühler in Haut, Gelenken und Muskeln, die den Druck, die Stellung der Gelenke und haltungsabhängige Muskelanspannungen registrieren. Dann die Augen, die unsere Haltung und Schwankungen gegenüber der Umwelt sehr genau messen, uns die notwendigen Koordinaten „oben – unten“ sowie „rechts – links“ liefern. Jeder Gesunde kennt die Bedeutung der Körperfühler und des Sehens aus Situationen, in denen diese Sinnesinformationen nicht zur motorischen Gleichgewichtsregulation zur Verfügung stehen, beispielsweise beim Laufen im Dunkeln über Kopfsteinpflaster. Auch falsche Bewegungsmeldungen können ohne Krankheit zu Schwindel und Stürzen führen, so der Gebrauch von Brillen mit virtueller Realität.

          Raumhaft: Erst mit der Bewegung des ganzen Körpers wird Virtuelle Realität wirklich erfahrbar.

          Für die ärztliche Praxis ist ein dritter Sinn besonders wichtig: der Gleichgewichtssinn, beidseits angelegt, versteckt im Innenohr des Felsenbeins. Er ist entwicklungsgeschichtlich einer der ältesten Sinne mit einem ähnlichen Bauplan des Vestibularapparats bei Dinosauriern, Fischen, Vögeln oder dem Menschen. Über ihn weiß der Laie in der Regel wenig. Die Beschwerden von Schwindelpatienten lassen sich jedoch anschaulich aus den Funktionen dieses Sinnesorgans ableiten. Zunächst zum Aufbau und den Messfühlern im sogenannten vestibulären Teil des Labyrinths. Dort finden sich im rechten und linken Innenohr je drei feine runde flüssigkeitsgefüllte Schläuche, Bogengänge genannt, die in den drei Raumebenen angeordnet sind, einer horizontal, zwei schräg vertikal. In jedem Bogengang sind aufrechte Sinneshärchen, die wie Wasserpflanzen in einem Bach je nach Wasserdruck umgebogen werden. Mit diesem System können Kopfdrehbeschleunigungen in allen Ebenen wahrgenommen werden, da die Flüssigkeit durch die Trägheit bei Kopfdrehungen zurückbleibt und die Sinneshaare reizt. Drehbewegungen werden im Gehirn als Körpergeschwindigkeit und Richtungsänderung im Raum verarbeitet.

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