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Veröffentlicht: 16.05.2014, 22:52 Uhr

Schwerhörigkeit bei Berufsmusikern Dem Ohr ist Musik auch Lärm

Schwerhörigkeit ist unter Musikern die häufigste Berufskrankheit. Über Gehörschutz sind die wenigsten aufgeklärt. Dabei gibt es moderne Möglichkeiten.

von Martina Lenzen-Schulte
© dpa Das Medicanti-Orchester der TU Dresden

Im Vergleich zur Normalbevölkerung erhalten Berufsmusiker drei- bis viermal so häufig die Diagnose Lärmschwerhörigkeit und haben ein um 57 Prozent höheres Risiko, von lästigen bis quälenden Ohrgeräuschen – einem Tinnitus – heimgesucht zu werden. Zu diesem Ergebnis gelangt eine Studie aus der Arbeitsgruppe um Wolfgang Ahrens vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie (BIPS) in Bremen („Occupational and Environmental Medicine“, doi: 10.1136/oemed- 2014-102172). Das dürfte nicht wenige alarmieren, denn allein in Deutschland arbeiteten im Jahr 2009 etwa 120000 Personen als Profimusiker. Die Zahlenanalyse in der aktuellen Studie beruht auf der Auswertung von mehr als drei Millionen Versichertendaten über einen Beobachtungszeitraum von vier Jahren. Bei 2227 Berufsmusikern wurde in 238 Fällen eine Schwerhörigkeit diagnostiziert, bei acht handelte es sich laut Diagnoseschlüssel um eine durch Lärm hervorgerufene Schwerhörigkeit, und 148 Musiker erhielten die Diagnose Tinnitus. Da die Berechnung auf diesen geringen absoluten Zahlen beruht, sind die Ergebnisse immer noch anfällig für statistische Fehlinterpretationen und daher nur bedingt verallgemeinerbar. Deshalb dürfte es im Einzelnen nach wie vor schwierig sein, das erhöhte Risiko von Berufsmusikern für eine lärminduzierte Schwerhörigkeit exakt zu beziffern.

Dennoch gilt: Lärmschwerhörigkeit ist die häufigste Berufskrankheit unter professionellen Musikern. Laut einem Lehrbuch der Musikermedizin gehen vier von fünf anerkannten Fällen auf das Konto eines durch Lärm geschädigten Gehörs. Im Innenohr sterben nämlich die hochempfindlichen Haarzellen – essentiell für das Wahrnehmen verschiedener Tonhöhen – ab, wenn sie zu oft und zu lange überhöhten Schallenergien ausgesetzt sind. Es ist anerkannt, dass Dauerbelastungen von mehr als 85 Dezibel bleibende Schäden am Innenohr hervorrufen können. „Wir wissen aus Expositionsmessungen bei einem Musikhochschulorchester, dass diese Schalldruckpegel bei Orchestermusikern häufig übertroffen werden“, berichtet Bernhard Richter vom Freiburger Institut für Musikermedizin, „nur der Dirigent und das Cello am ersten Pult blieben unterhalb der Grenzwerte“. Richter hat mit seinem Team im Rahmen einer Pilotstudie für das Bundesministerium für Arbeit und Soziales 429 Musiker in neun deutschen Orchestern zum Thema Hörgefährdung befragt. Die Freiburger Wissenschaftler stellten fest, dass die wenigsten Musiker während ihrer Ausbildung über Gehörschutz aufgeklärt wurden. Den Schlussfolgerungen der Autoren der aktuellen Studie stimmt Richter daher zu: Man sollte den Gehörschutz der Profimusiker ernst nehmen. Das gilt umso mehr, als seit Februar 2008 eine Lärmschutzverordnung gilt, die die Arbeitgeber von Orchestern zu Schutzmaßnahmen und regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen verpflichtet.

Verfälschtes Klangbild?

Einfach ist das allerdings nicht, insbesondere, wenn es darum geht, den Einzelnen zum Gehörschutz anzuhalten. „Der Profimusiker will sein ‚Produkt‘ – die Musik – so klar und deutlich hören wie möglich“, erklärt Richter, „und der Gehörschutz verfälscht in der Wahrnehmung vieler Musiker das Klangbild. Besonders Bläser klagen über einen sogenannten Okklusionseffekt, eine Verzerrung durch den über Knochen statt Luft geleiteten Schall“. Das mag zum Teil auch daran liegen, dass noch längst nicht alle Musiker über moderne Varianten des Gehörschutzes Bescheid wissen: Es gibt ihn individuell angepasst an den Gehörgang und so gefertigt, dass die hohen und tiefen Frequenzen möglichst gleichmäßig herausgefiltert werden. „Eine solche lineare Dämmung verzerrt den Klang kaum und kommt den Bedürfnissen der Musiker am ehesten entgegen“, hebt Richter hervor. Es besteht also kein Grund, auf ungeeigneten Gehörschutz wie Watte oder zerknülltes Zigarettenpapier zurückzugreifen, was wohl immer wieder vorkommt. Nicht wenige Musiker gehen inzwischen demonstrativ offen mit ihrem Gehörschutz um, etwa der Solofagottspieler, der zu Beginn des Films „Rhythm is it“ auffällig farbige, aus dem Ohr weit herausragende Ohrstöpsel trägt.

Panikmache ist gleichwohl nicht angebracht. Denn zahlreiche Studien zeigen ebenfalls, dass die Hörschulung des Musikers vermutlich geeignet ist, auch eine schützende Wirkung zu entfalten. Bestimmte Töne können sie in Gehörtests im höheren Alter noch heraushören, wenn diese Wahrnehmungsfähigkeit bei den Nichtmusikern schon verlorengegangen ist. Und schließlich sollten berühmte Beispiele von ertaubten Komponisten wie Beethoven oder Smetana nicht fälschlich als Beleg für ein von Lärm geschädigtes Gehör herhalten. „Dafür waren sie zu jung, als sie taub wurden“, erklärt Richter, „es gibt eher Vermutungen, dass es sich wohl um degenerative Innenohrerkrankungen handelte.“ Allerdings beglaubigt unter den zeitgenössischen Musikern Eric Clapton als prominentes Beispiel die aktuellen Studienergebnisse. Jedenfalls macht er selbst ganz offen die laute Musik für seine Schwerhörigkeit verantwortlich.

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