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Veröffentlicht: 09.05.2012, 11:02 Uhr

Säuglingsernährung Stillen gegen alle Widerstände

Muttermilchforscher plädieren ohne Wenn und Aber für das Stillen - sogar, wenn die Mutter Arzneimittel nimmt. Frühgeborene profitieren besonders, ergaben neue Studien.

von Martina Lenzen-Schulte
© dpa

Im Streit um die beste Kinderbetreuung nach der Geburt werden derzeit die Fakten oft der Weltanschauung geopfert. Zu den gängigen und wenig hinterfragten Begründungen für eine längere berufliche Auszeit zählt nicht zuletzt das Stillen, das von der Weltgesundheitsorganisation WHO immer noch für sechs Monate empfohlen wird. Hierzulande sehen sich Mütter oft vor eine Entweder-stillen-oder-arbeiten-Entscheidung gestellt und kapitulieren früh. Dass man das Stillen jedoch nicht gegen den Beruf ausspielen muss, zeigen die eindrucksvollen Zahlen, die Peter Hartmann, der Doyen der australischen Muttermilchforschung, unlängst auf einem Symposion in Wien präsentieren konnte. Zum siebten Mal traf sich dort auf Einladung von Medela, einem Hersteller von Milchpumpen und Still-Zubehör, die noch immer exklusiv kleine Gruppe von Laktationsforschern. Es verwundert nicht, dass die meisten Vertreter aus Australien kamen, denn Hartmann hat an der University of Western Australia in Crawley eines der weltweit führenden Zentren rund um das Thema Muttermilch und Laktation aufgebaut.

Nachdem in den siebziger Jahren die Stillquote in Australien auf dem Tiefpunkt war - nur ein Zehntel der Mütter stillte die Kinder bis zu sechs Monate -, ging es danach durch aktive Publicity und politische Unterstützung kontinuierlich aufwärts. Nach einer Erhebung aus dem Jahr 2010 stillen dort 96 Prozent der Mütter kurz nach der Geburt, nach vier Monaten noch knapp siebzig Prozent, und nach sechs Monaten sind es noch sechzig Prozent. Das hindert sie nicht am beruflichen Wiedereinstieg. Noch neun Monate nach der Geburt stillen mehr als die Hälfte der Mütter, die dann wieder bis zu neun Stunden in der Woche arbeiten, nach einem Jahr sind es immerhin noch vierzig Prozent. Wer diese Frauen als berufliche Leichtgewichte abtun möchte, sollte zur Kenntnis nehmen, dass selbst von den Müttern, die mehr als 35 Stunden in der Woche berufstätig sind, noch ein Viertel nach einem Jahr stillt. Im Vergleich zu dieser australischen „Yes she can“-Variante hinken die Vereinigten Staaten und Europa hinterher, auch die deutschen Mütter: Nur rund zwei Drittel verlassen hierzulande überhaupt stillend die Entbindungsklinik, nach sechs Wochen geben nur noch vierzig Prozent dem Kind die Brust.

Adäquate Testung der Arzneimittel

Mütter sollten sich selbst dann nicht vom Stillen abhalten lassen, wenn sie Medikamente einnehmen müssen. Für Tom Hale von der Texas Tech University for Medicine ist der ärztliche Rat, wegen einer Therapie abzustillen, schlicht falsch, veraltet und doch leider weit verbreitet. Die Brust verfügt über ein einzigartiges Filtersystem, das den Übertritt zahlreicher Substanzen in die Milch von vorneherein nicht zulässt. Zwar sind rund zwei Drittel aller marktüblichen Medikamente nicht im Hinblick auf ihre Auswirkungen auf Stillende und ihre Milch untersucht. Deshalb plädierte Hale auch dafür, die Zulassung an eine adäquate Testung für stillende Mütter zu knüpfen. Gleichwohl gibt es heute schon für etliche Substanzgruppen, etwa Hochdruckmedikamente, Antibiotika oder Psychopharmaka, sichere Alternativen, die der Arzt nur kennen muss. Gefährlich sei weniger die Therapie als deren Unterlassen, sagte Hale, denn: „Gesunde Mütter haben nun mal gesündere Kinder als kranke Mütter, das gilt auch für die Stillperiode.“

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