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Die Athleten-„Seuche“ : Der Rücken - eine wunde Stelle im Elitesport

Opfer von Rückenproblemen: Felix Neureuther plagen seit Jahren schwere Rückenprobleme. Bild: dpa

Deutschlands Topathleten leiden in der Mehrzahl schwer an Rückenschmerzen - nicht wenige wie Geburtstagskind Neureuther sind reif für die OP. Eine bundesweite Studie zeigt: Schon die Jüngsten quälen sich.

          Zwangspause für Skirennläufer Felix Neureuther - mehrere Monate sogar. Der Slalomspezialist verzichtet wegen eines Bandscheibenschadens mit starker Entzündungsreaktion an den Wirbelgelenken auch auf die deutsche Meisterschaft in Garmisch-Partenkirchen und Seefeld. „Der Rücken bereitet mir seit Jahren immer wieder Schwierigkeiten. In den letzten Wochen aber hatte ich zunehmend mit Einschränkungen beim Skifahren zu kämpfen“, sagte Neureuther, der heute 31 Jahre alt wird.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          „Akute Rückenprobleme“ - bei Spitzensportlern taucht diese Begründung so häufig auf, dass mancher geneigt ist, dahinter eine billige Entschuldigungsformel für Formschwäche zu vermuten. Die traurige Wahrheit ist jedoch: Der Rücken ist so etwas wie die Achillesferse der Topathleten. Und das schon bei den jüngsten und unabhängig von Alter, Geschlecht, Körpermasse oder den vielen zusätzlichen Stressmomenten im Leben eines Nachwuchsstars. Valtteri Bottas, fünfundzwanzigjährige finnische Formel-1-Hoffnung, hat kürzlich wegen massiver Rückenprobleme das wichtige Auftaktrennen ausfallen lassen müssen, sein Landsmann Räikkönen, Ex-Weltmeister immerhin, musste am Rücken schon früh operiert werden und pausieren. Jonas Reckermann, voll durchtrainierter Zwei-Meter-Mann, Olympiaheld von 2012 im Beachvolleyball, musste nach einer Jahre langen Tortur mit dem Rücken vor zwei Jahren endgültig passen. Karriereende wegen chronischer Rückenbeschwerden.

          Beachvolleyballer Jonas Reckermann (r.) wurde 2012 mit seinem Partner Julius Brink Olympiasieger.

          Und auch wenn die Topathleten unter Aufsicht trainieren, wenn sie Vorsorge treffen und Rückenschulen besuchen, ein großer Teil von ihnen ist offenbar für die extremen Trainingsbelastungen buchstäblich nicht gebaut. Fragt man die Elite des deutschen Spitzensports, geben mehr als 55 Prozent quer durch alle Altersklassen an, im zurückliegenden Jahr mindestens einmal massiv - teilweise über mehrere Tage oder Wochen - unter Rückenbeschwerden gelitten zu haben, zumeist in der Lendenwirbelsäule - und zwar so stark, dass die Athleten im Prinzip reif wären für eine Operation. „Hier müssen wir konservative Maßnahmen einsetzen, damit den Sportlern bei solchen Schmerzen geholfen wird“, sagt Karin Büttner-Janz. Die Ärztin und Wirbelsäulenspezialistin, als DDR-Turnerin selbst eine der erfolgreichsten Olympioniken aller Zeiten, hat nach ihrer aktiven Medizinertätigkeit unter anderem an der Charité in Berlin die Wirbelsäulenstiftung „Spinefoundation“ gegründet. Unter Mithilfe der Deutschen Sporthilfe hat Saskia Schulz von der Charité Berlin, Doktorandin von Büttner-Janz, eine Studie abgeschlossen, die ein Bild über die Rückenprobleme von Deutschlands Topathleten bringen sollte. Bei 3564 Sportlern hat sich Schulz in einem 59-Fragen-Katalog erkundigt, von immerhin 929 aus 37 Sportarten hat sie relativ bald - anonymisierte - Antwort erhalten. Nicht berücksichtigt wurden lediglich Sportarten, die von der Sporthilfe nicht gefördert werden, also Fußball, Tennis, Golf - und als Sonderfall die Behindertensportarten.

          Computertomographie der Lendenwirbelsäule.

          Damit war im Prinzip die gesamte Breite des Hochleistungssports vertreten. Klar zu sehen ist daraus vielerlei: Erstens fangen die Probleme - meistens laut Büttner-Janz „unspezifische Rückenschmerzen“ - schon früh in der Sportlerkarriere an. Der jüngste befragte Topathlet mit Rückenschmerzen war gerade zehn Jahre. Zweitens: Zusätzliche Belastungen wie langes Sitzen in der Schule oder Intensivtraining im Kraftraum verschlimmern wider Erwarten die Rückenprobleme keineswegs. Und drittens gibt es zwar Sportarten, in denen die Sportler anfälliger sind, etwa Volleyball, Rudern oder Schlitten- und Bobfahren, aber aus der charakteristischen Haltung beim Ausüben des Sports und den Trainingsintensitäten lassen sich dennoch keine zuverlässigen Voraussagen über die Anfälligkeit treffen.

          Fast sicher sein kann man allerdings, dass die große Mehrzahl der Topsportler oft über eine lange Zeit enorm unter den Schmerzen leidet. „Sie stehen zusätzlich unter Druck, die Konzentration leidet, sportliches Scheitern kann die Folge sein“, sagt Büttner-Janz. Die Orthopädin hat 1973 mit dem Turn-Leistungssport aufgehört und sich der Wirbelsäulengesundheit verschrieben. Sie gilt als Miterfinderin der Bandscheibenprothese. Wenn es um die Behandlung der Spitzensportler geht, ist sie allerdings nicht zuletzt nach dieser neuen Studie sicher: Mit konsequenter professioneller Physiotherapie und Rehabilitationsmaßnahmen kann das Schlimmste oft verhindert und auf die langfristige Einnahme von Schmerzmitteln verzichtet werden. „Das ist es auch, was die Spitzensportler sich am meisten wünschen: kostenlose Massagen und eine stärkere Förderung der physiotherapeutischen Betreuung“, sagt Büttner-Janz. Darauf vertrauen, dass sich der Rücken bei gut trainierten Spitzensportlern von alleine regeneriert, sei ein Trugschluss.

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