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Risiko für Alzheimer-Demenz : Wie Depression und Diabetes im Gehirn wüten

  • -Aktualisiert am

Diabetes-Patientin mit Messgerät zur Bestimmung des Blutzuckerwertes Bild: dpa

Depressionen und Diabetes scheinen das Risiko für eine Alzheimer-Demenz erheblich zu steigern. Aber welche Rolle spielt zusätzlich der Lebensstil? Forciert er die Abwärtsspirale?

          Laut der Deutschen Alzheimergesellschaft leben in Deutschland derzeit etwa 1,5 Millionen Demenzkranke; jährlich kommen mehr als 300 000 neue Fälle hinzu. Jeder dritte Mann und jede zweite Frau, die ein Alter von 65 Jahren erreichen, müssen mittlerweile damit rechnen, im weiteren Verlauf ihres Lebens an Demenz zu erkranken - freilich nur, wenn sie die durchschnittliche Lebenserwartung von 83 beziehungsweise 86 Jahren erreichen.

          Angesichts solcher Aussichten rückt die Prävention zunehmend in den Fokus der Forschung. Um einem Abbau des Denkvermögens vorbeugen zu können, muss man die Ursachen freilich erst im Detail entschlüsseln. Zu den Tatverdächtigen, die als Wegbereiter einer Demenz in Frage kommen, zählen ein Typ-2-Diabetes, ein sogenannter Alterszucker, und depressive Störungen. Neues Belastungsmaterial liefern nun Ergebnisse einer Erhebung, der die Gesundheitsdaten der Bevölkerung Dänemarks zugrunde liegen. Eingegangen sind darin allerdings nur die Daten jener rund 2,5 Millionen Männer und Frauen, die zu Beginn der Studie mindestens fünfzig Jahre alt waren und keine Demenz aufwiesen.

          Erhöhtes Risiko

          Wie die Studienautoren um Wayne Katon von der Washington University in Seattle und Mogens Vestergaard von der Universität in Aarhus, Dänemark, im Fachmagazin „Jama Psychiatry“) berichten, erhielten im Verlauf von rund sechs Jahren knapp 60 000 Personen die Diagnose Demenz. Mehr als 26 Prozent dieser Patienten litten an Schwermut, rund elf Prozent an Alterszucker und etwa sieben Prozent an beiden Störungen. Im Gesamtkollektiv lag der Anteil an Personen mit solchen Erkrankungen entsprechend bei 19, neun und vier Prozent, war also geringer. Den Forschern zufolge erhöhte ein alleiniger Diabetes das Demenzrisiko damit um rund zwanzig Prozent, eine alleinige Depression um 85 Prozent und die Kombination beider Störungen um 120 Prozent.

          Eine Depression erhöht offenbar das Risiko für Demenz.

          Besonders stark ins Gewicht fielen diese Faktoren bei Männern und Frauen mittleren Alters. So wurden Personen, die bereits vor dem 65. Lebensjahr an Diabetes und Depressionen erkrankten, bis zu fünfmal eher dement als Gleichaltrige mit normalem Zuckerstoffwechsel und sonnigerem Gemüt. Noch mehr als das Risiko für eine Alzheimersche Demenz erhöhte sich dabei jenes für eine sogenannte vaskuläre Demenz. Hervorgerufen durch kleinere oder größere Schlaganfälle, beruht der kognitive Verfall in solchen Fällen auf schweren Durchblutungsstörungen im Gehirn.

          Besorgniserregend

          Gemäß diesen Berechnungen dürften rund sechs Prozent aller Demenzfälle bei Betagten auf das Konto von Depressionen und Alterszucker gehen. Bei Personen, die jünger sind als 65 Jahre, liegt dieser Anteil sogar bei 25 Prozent. Angesichts der Tatsache, dass zunehmend auch jüngere Menschen an Diabetes erkrankten, sei dieses Ergebnis besorgniserregend, so die Forscher. Was sie nicht erwähnen: Auch Depressionen treten oft schon in jüngeren und mittleren Jahren auf. Das zeigen unter anderem die Ergebnisse der aktuellen Studie. Mehr als ein Viertel der darin einbezogenen Personen litt an depressiven Störungen, die im Alter von durchschnittlich 58 Jahren ihren Anfang nahmen.

          Auf welche Weise Depressionen und Diabetes - allein und vor allem in Kombination - den Abbau der kognitiven Fähigkeiten vorantreiben, lässt sich noch nicht mit Sicherheit sagen. Bei Diabetikern scheinen die Entgleisungen des Blutzuckerspiegels eine wichtige Rolle zu spielen. So konnten amerikanische Forscher unlängst zeigen, dass das Demenzrisiko mit der Höhe der Glukosekonzentration im Blut ansteigt. Dieser Zusammenhang bestand nicht nur bei Diabetikern, sondern auch bei Personen, deren Blutzuckergehalt oberhalb der Norm, aber (noch) nicht im Bereich eines Diabetes lag. Mindestens ebenso schädlich dürfte eine Unterzuckerung, eine Hypoglykämie, sein. „Wiederholte Hypoglykämien fördern die Neurodegeneration wahrscheinlich durch einen Glukosemangel im Gehirn“, erklärt der Diabetologe Hans Hauner von der Technischen Universität München. Erschwerend hinzu komme, dass Patienten mit Diabetes meist noch weitere, eine Demenz begünstigende Risikofaktoren aufwiesen. Hierzu gehörten etwa wenig Bewegung, Rauchen und ungesunde Ernährung.

          Auch bei Personen mit Depressionen könnten solche schädlichen Lebensstilfaktoren die kognitive Abwärtsspirale beschleunigen. „Charakteristisch für solche Patienten ist eine verminderte Selbstfürsorge“, sagt der Psychiater Carl-Eduard Scheidt von der Universität Freiburg. „Die Betroffenen ziehen sich zudem meist zurück und haben daher wenig Stimulation. Ein Mangel an sozialen Kontakten und geistiger Anregung wirkt sich aber ebenfalls ungünstig auf die kognitiven Fähigkeiten aus.“ Kommen neben der Schwermut noch weitere Krankheiten hinzu, schlagen diese bei depressiven Patienten zudem oft mehr zu Buche als bei psychisch Gesunden. Denn depressive Störungen können die Motivation, notwendige Therapien konsequent anzuwenden, erheblich beeinträchtigen. Das mag auch einer der Gründe sein, weshalb das Demenzrisiko der depressiven Diabetiker in der dänischen Studie höher war als jenes der Schwermütigen und der Zuckerkranken zusammengenommen. Eine erfolgreiche Behandlung der Depressionen sollte sich daher auch auf die anderen Krankheiten günstig auswirken. Bisherige Beobachtungen legen nahe, dass dies tatsächlich der Fall ist. Ob damit auch das Demenzrisiko zurückgeht, ist hingegen noch offen. Wenig Zweifel bestehen andererseits am günstigen Einfluss von körperlicher Aktivität. So schützt regelmäßige Bewegung nicht nur vor Diabetes, sondern sie wirkt außerdem Depressionen entgegen und verringert darüber hinaus das Risiko für eine Demenz. Ursächlich für diese positiven Effekte sind unter anderem eine Verbesserung der Blutzirkulation und eine Stimulation der Neurogenese, der Bildung neuer Nervenzellen.

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