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Traurige Raucher-Bilanz : Die öffentliche Sucht der Deutschen

  • Aktualisiert am

Eine und einer Milliarde Rauchern. Bild: dpa

Weltweit rauchen immer mehr Menschen. Jeder zehnte Todesfall geht auf das Konto des Tabakkonsums. In Deutschland sogar jeder siebte. Für Experten ist das Land ein besonders schlechtes Vorbild.

          Es wird immer noch zu viel geraucht - jedenfalls gemessen an den wachsenden Gesundheitsansprüchen der Menschen und trotz weltweiter Anstrengungen wie dem internationalen Tabak-Abkommen. Rauchen ist immer noch Risikofaktor Nummer eins, wenn es ums vorzeitige Sterben geht und um vermeidbare Fehler. Das zeigt eine neue Studie im Medizinjournal „Lancet“. Fast eine Milliarde Menschen weltweit rauchen. Jeder 10. Todesfall sei auf das Rauchen zurückzuführen, sagen die Experten.

          Seit einigen Jahren gibt es durchaus gute Nachrichten. Aber nicht unbedingt für Deutschland, wie die Präventionsexpertin Ute Mons vom Deutschen Krebsforschungszentrum betont: „Die Studie macht auch deutlich, dass seit dem Jahr 1990 in Deutschland die Verbreitung des Rauchens zwar leicht zurückgegangen ist, allerdings nur bei Männern und deutlich weniger als im Durchschnitt aller Länder weltweit. Dies ist nicht verwunderlich, denn Deutschland tut vergleichsweise wenig für die Tabakprävention. So ist Deutschland zum Beispiel das einzige Land in Europa, das noch uneingeschränkt Tabakaußenwerbung erlaubt.“

          Der Anteil der Raucher an der weltweiten Gesamtbevölkerung schrumpft stark. Er ist zwischen 1990 und 2015 um fast ein Drittel auf 15,3 Prozent zurückgegangen, schreibt die internationale Expertengruppe im „Lancet“. Sie hatte mehrere große Datenbanken dazu ausgewertet. Den Rückgang begründen die Forscher damit, dass viele Länder mittlerweile den Kampf gegen das Rauchen aufgenommen haben. „Länder wie Australien und Brasilien zeigen, wie ein erfolgreicher Kampf gegen das Rauchen aussehen kann“, sagt Mons, dort gebe es „eine konsequente Tabakpräventionspolitik und eine entschlossene Umsetzung wirksamer Maßnahmen wie deutliche Tabaksteuererhöhungen, umfassender Nichtraucherschutz und weitreichende Werbeverbote“. Die hätten in diesen Ländern zu einem starken Rückgang der Raucheranteile geführt.

          Die Tabakindustrie floriert weiter.

          Es gibt aber auch Staaten, in denen es keinen deutlichen Rückgang gab, beispielsweise Indonesien, Bangladesch und die Philippinen. In Russland nahm der Anteil der rauchenden Frauen stark zu. Gleichzeitig gibt es - bedingt durch das stetige Bevölkerungswachstum - mehr Raucher auf der Welt. Griffen im Jahr 1990 noch 870 Millionen Menschen täglich zur Zigarette, waren es im Jahr 2015 schon 933 Millionen. Das ist ein Plus von etwa sieben Prozent. Dabei sind global gesehen die deutliche Mehrheit der Raucher Männer. Jeder vierte (25,0 Prozent) raucht regelmäßig, aber nur 5,4 Prozent der Frauen.

          In Deutschland ist der Unterschied kleiner: Die Männer liegen im globalen Schnitt, bei den Frauen raucht jede Fünfte. Hierzulande ging die Zahl der Raucher bei den Männern in den vergangenen 25 Jahren um im Schnitt 0,9 Prozent pro Jahr zurück, bei den Frauen lediglich um 0,3 Prozent. In absoluten Zahlen rangiert Deutschland mit 16,3 Millionen unter den Top Ten der Staaten mit den meisten Rauchern. Für Sven Schneider, Leiter der Forschungsabteilung Kindergesundheit an der Universitätsklinik Heidelberg-Mannheim  ist der Grund in einer  „verantwortungslosen“ Freizügigkeit gegenüber Tabakwerbung im Land zu suchen, die vor allem Jugendliche anspricht. „Verglichen mit einer Bundesliga-Tabelle liegt Deutschland somit weit abgeschlagen auf einem Abstiegsplatz. Mit anderen Worten: Nahezu alle anderen europäischen Nationen engagieren sich deutlich mehr in der Tabakprävention als Deutschland. In der Tabakprävention ist Deutschland mittlerweile ein Entwicklungsland.“

          Notausgang E-Zigarette? Forscher sind skeptisch.

          Die Ergebnisse der globalen Studie zeigen der internationalen Expertengruppe zufolge, dass Rauchen weiter eines der Hauptrisiken für Tod und Behinderung ist. Jeder 10. Todesfall weltweit sei auf das Rauchen zurückzuführen, in Deutschland sogar jeder siebte. Es sei äußerst wichtig, mehr Raucher beim Aufhören zu unterstützen und dafür zu sorgen, dass weniger Menschen damit anfangen.

          Die Forscher warnen davor, dass die Tabakindustrie in afrikanische Länder südlich der Sahara expandieren könnte. Dort glichen die staatlichen Regularien gegen das Rauchen einem Flickenteppich. Außerdem gebe es weniger finanzielle Mittel, um dem Tabak-Marketing entgegenzutreten. John Britton von der englischen Universität Nottingham schreibt dazu in einem Kommentar: „Heute wird die Tabak-Epidemie aus reichen Ländern in Länder mit niedrigen und mittleren Einkommen exportiert.“

          Und die E-Zigarette - ist sie eine Lösung? Schneider ist extrem skeptisch: „Mit der E-Zigarette hat die Industrie nun eine Produktrevolution in den Händen, mit der der Suchtstoff Nikotin auf einfachste Weise weltweit Milliarden Menschen zugänglich gemacht werden kann. Es ist zu erwarten, dass die E-Zigaretten-Industrie den Nikotintransfer und damit das Abhängigkeitspotenzial durch technische Veränderungen und die chemische Zusammensetzung von Liquid und Dampf künftig weiter ‚optimieren’ wird. Derartige Produkt-‚Optimierungen’ sind an einem chemisch-technischen Produkt wie der E-Zigarette deutlich einfacher realisierbar als an der klassischen Tabakzigarette, wo der beißende Rauch durch Zusatzstoffe kaschiert werden muss.“

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