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Psychotherapie als Stigma : Und dann haben Sie eine F-Nummer

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Dass die strukturelle Stigmatisierung nicht nur für die kleine Handvoll deutscher Stigmaforscher ein wichtiges Thema ist, zeigte sich auf dem Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) in Berlin in der vergangenen Woche. Gleich am ersten Kongresstag, im Morgengrauen vor der Glasfront des Kongresszentrums City Cube, drückt ein freundlicher Mann den Teilnehmern ein Blatt in die Hände: „Weg mit Paragraph 63 StGB“ steht in fetten Buchstaben oben. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Psychiatrie-Erfahrener protestiert mit dem Flyer dagegen, dass Straftäter mit einer psychiatrischen Diagnose als schuldunfähig eingestuft werden und ihre Haftzeiten regelmäßig länger ausfallen als die vergleichbarer schuldfähiger Täter.

Gefahr für die Berufsunfähigkeitsversicherung

Andere Formen der strukturellen Stigmatisierung betreffen noch weit mehr Menschen. Am bedeutendsten sind in Deutschland zwei Themen: Eine psychiatrische Diagnose kann es unmöglich machen, bestimmte private Versicherungen abzuschließen. Und sie kann die Verbeamtung gefährden.

Achim Regenauer, Internist und Chief Medical Director bei der Münchener Rückversicherungsgesellschaft Munich RE, sprach in Berlin über die Berufsunfähigkeitsversicherung. Die Versicherungsindustrie, so Regenauer, wolle niemanden diskriminieren, wenn sie Kunden wegen einer psychischen Störung ablehne oder zu „Wartezeiten“ verpflichte. „Eine Berufsunfähigkeitsversicherung hat zwanzig bis vierzig Jahre Laufzeit“, erklärte Regenauer. Während man sich aufgrund der Datenlage immer besser in der Lage sehe, die Prognose für Menschen mit somatischen Erkrankungen einzuschätzen, sei der Langzeitverlauf von psychischen Störungen „wirklich eine Herausforderung“. So fand etwa ein Team um Johannes Kruse, Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Uniklinikum Gießen und Marburg, in diesem Jahr für eine Metaanalyse im „Journal of Affective Disorders“ weltweit nur zwölf Studien, die etwas über die Langzeitprognose von Depressionen aussagten (doi: 10.1016/j.jad.2013.10.017). Sieben bis 65 Prozent der Erkrankten erlitten ein Rezidiv, eine erneute depressive Episode. Die Schwankungsbreite und die oft nur kurze Nachverfolgungszeit hätten die Versicherer ernüchtert, bilanzierte Regenauer. Psychische Krankheiten gelten wegen der Datenlücken weiter als schwer kalkulierbares Risiko. Verschweigt der Kunde entsprechende Diagnosen, muss der Versicherer später nicht zahlen.

Therapie im Teenageralter

Allerdings dürfen Versicherer bei Vertragsabschluss nur über einen Zeitraum von maximal zehn Jahren Auskünfte von Kunden verlangen; viele fordern nur einen Rückblick von fünf Jahren. So kommt es zu einer paradoxen Situation: Wer etwa als Teenager jahrelang wegen Essstörungen behandelt wurde und dann ab dem zwanzigsten Lebensjahr fünf Jahre lang keine therapeutische Begleitung benötigt, erhält mit 25 anstandslos eine Police.

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