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Placeboeffekt : Kein Hirngespinst

  • -Aktualisiert am

Statine gehören zu den meistverkauften Medikamenten. Bild: ddp

Der Placeboeffekt beeinflusst die Physiologie des Körpers auf reale und messbare Weise. Ärzte sollten ihn deswegen, so der Wissenschaftliche Beirat der Bundesärztekammer, gezielter nutzen - und sich auf alte ärztliche Tugenden wie Vertrauen, Empathie und Fürsorge besinnen.

          Der Placeboeffekt ist vielen Ärzten suspekt. Der Patient profitiert von einer Behandlung, die ihm eigentlich gar nicht helfen sollte, weil der korrekt dosierte Wirkstoff fehlt oder die verwendeten Handgriffe keine therapeutische Relevanz haben. Die Wirkung ergibt sich - so die Placeboforschung - aus der Beziehung zwischen Arzt und Patient, den Begleitumständen der Behandlung und den Erwartungen des Patienten an die Begegnung. Weil der Kranke darauf vertraut, dass der Arzt es gut mit ihm meint und ihm einen zu seinem Leidens- und Lebensweg passenden Behandlungsvorschlag macht, wirkt die Therapie, ob sie das Potential dazu hat oder nicht. Deshalb gibt es bei jedem Arztkontakt, bei jeder Standardbehandlung einen Placeboeffekt, der zur pharmakologischen Wirkung des verabreichten Medikaments oder zum therapeutischen Ergebnis des Eingriffs hinzuaddiert werden muss.

          Allerdings ist den wenigsten Ärzten und Ärztinnen bewusst, dass sie bei ihrer täglichen Arbeit immerzu Placeboeffekte erzeugen. Die meisten denken bei dem Begriff nur an klinische Studien, nicht an ihr eigenes ärztliches Handeln, was im schlimmsten Fall auch eine negative Wirkung, einen sogenannten Noceboeffekt, haben kann. Dann ist die Begegnung so unheilvoll, dass sie dem Patienten schadet.

          Zwei Erklärungsmodelle

          Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesärztekammer hat sich in einer jetzt veröffentlichten Stellungnahme ausdrücklich dafür ausgesprochen, den Placeboeffekt gezielter als bisher zu nutzen „(Deutsches Ärzteblatt“, Bd. 107, S. A1417). Es sei an der Zeit, die bahnbrechenden Erkenntnisse der Placeboforschung in den therapeutischen Alltag zu integrieren und für die Optimierung der Standardtherapien zu verwenden, sagte Robert Jütte von der Robert-Bosch-Stiftung in Stuttgart, der die Federführung bei der Erarbeitung der Stellungnahme hatte, im Gespräch mit dieser Zeitung. Ein durch Vertrauen ausgelöster Placeboeffekt könne erwünschte Arzneimittelwirkungen maximieren, unerwünschte Wirkungen reduzieren und zur effizienteren Nutzung der finanziellen Ressourcen im Gesundheitswesen beitragen, so der Medizinhistoriker weiter. Auch die evidenzbasierte Medizin sollte auf dieses Potential zurückgreifen.

          Der Placeboeffekt ist keine bloße Einbildung, sondern beeinflusst die Physiologie des Körpers auf reale und messbare Weise. Als Erklärung werden zwei Modelle herangezogen. Nach dem assoziativen Ansatz beruht die Wirkung auf einer bewussten oder unbewussten Lernerfahrung oder Konditionierung. Weil der Patient in der Vergangenheit immer wieder erlebt hat, dass es ihm nach der Begegnung mit dem Arzt bessergeht, löst bereits die Aussicht auf die bevorstehende Behandlung eine Besserung aus.

          Nach dem mentalistischen Ansatz entsteht der Placeboeffekt durch die Erwartungen des Patienten. Sind seine Hoffnungen groß, ist auch der Placeboeffekt groß, wobei allerdings das genaue Ausmaß der Wirkung nicht vorhergesagt werden kann. In beiden Modellen hat der Arzt eine zentrale Rolle. Er könne durch sein Interesse, sein Einfühlungsvermögen und seine mitfühlende Sorge ungemein viel für die Therapie bewirken, so Jütte. Die Stellungnahme ziele deshalb auch darauf ab, die Arzt-Patienten-Beziehung wieder in den Mittelpunkt der ärztlichen Tätigkeit zu stellen.

          Empfohlene Verwendung bei geringen Beschwerden

          Der zweijährige, in der Stellungnahme mündende Diskurs über den Placeboeffekt ist damit auch eine Mahnung an die Ärzte, sich wieder stärker auf alte ärztliche Tugenden wie Vertrauen, Empathie und Fürsorge zu besinnen. Wo im Minutentakt behandelt und der Patient schon nach wenigen Sekunden beim Beschreiben seiner Beschwerden unterbrochen wird, gedeiht keine vertrauensvolle Beziehung. Der Kranke spürt recht schnell, dass der Blick des Arztes von ihm weg auf seine Organe, seine Laborwerte und die Uhr geht. Er erlebt die Kluft zwischen der wissenschaftlichen Genauigkeit der Untersuchung und der Wahrnehmung seiner Befindlichkeit, seiner Bedürfnisse und seiner Ängste. Die Reaktion darauf sei, so Jütte, dass die Patienten andere Ärzte aufsuchen oder homöopathische oder komplementärmedizinische Therapien in Anspruch nehmen.

          Der Wissenschaftliche Beirat hält in seiner Stellungnahme auch die bewusste Verwendung von Placebos für gerechtfertigt. Allerdings darf dem Patienten keine wirkungsvolle Therapie vorenthalten werden, und die Beschwerden sollten gering sein. Die Patienten müssten zudem über die Placeboanwendung aufgeklärt werden. Um die Wirkung nicht zu gefährden, hält Jütte einen Satz folgender Art für angemessen: „Sie erhalten jetzt kein Standardmedikament, aber wir wissen aus der Placeboforschung, dass auch diese Substanzen wirken.“ Wenn der Patient genügend Vertrauen hat, tritt eine Wirkung ein. Die Stellungnahme empfiehlt auch, Ärzte und Ärztinnen bereits während der Ausbildung sowie in der Fort- und Weiterbildung mit den Erkenntnissen der Placeboforschung vertraut zu machen.

          Quelle: F.A.Z.

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