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Veröffentlicht: 22.06.2014, 00:33 Uhr

Phagentherapie Gezielte Hilfe statt Großangriff

Phagen infizieren Bakterien – und setzen sie außer Gefecht. In der Medizin winkt ihnen jetzt eine echte Karriere, weil viele Antibiotika nicht mehr helfen.

von Hildegard Kaulen
© dpa Ehec-Keime: Hätten Phagen helfen können?

Da immer mehr Krankheitserreger gegenüber den gängigen Antibiotika resistent sind und die Entwicklung neuer Antibiotika nur schleppend vorankommt, sind neue Strategien gefragt. Dabei hilft manchmal auch der Blick zurück. Vor hundert Jahren legte der Kanadier Félix d’Herelle am Institut Pasteur in Paris die Grundlagen für eine Therapie, die später als Phagentherapie bezeichnet werden sollte und die im früheren Ostblock, wo Antibiotika stets rar waren, ein beachtliches Niveau erreichte. Bei der Phagentherapie werden Viren, die auf Bakterien spezialisiert sind, auf die Keime angesetzt. Diese Viren heißen Bakteriophagen, weil sie nur Bakterien angreifen und nichts anderes. Obwohl die Therapie in Zentren wie Tiflis, Breslau und Prag mit großem Erfolg praktiziert wurde, fehlen klinische Studien nach den Regeln der evidenzbasierten Medizin, die von den westlichen Gesundheitsbehörden akzeptiert werden. Die Phagentherapie ist derzeit eine Erfahrungsmedizin, die vor allem im Eliava-Institut im georgischen Tiflis und einigen anderen Zentren gepflegt wird. Im Eliava-Institut lagert auch die größte Phagensammlung der Welt. Mzia Kutateladze, die Leiterin des dortigen wissenschaftlichen Beirats sagte kürzlich gegenüber der Zeitschrift „Nature“, dass inzwischen immer mehr EU-Bürger mit chronischen Infektionen nach Georgien reisen, um sich am Eliava-Institut mit Phagen behandeln zu lassen (Bd. 510, S.15).

Weil sich die Lage bei den Antibiotika weiter zuspitzt, interessieren sich auch die westlichen Industrienationen für die Phagentherapie. Die Europäische Union wird ab September eine klinische Studie mit 3,8 Millionen Euro unterstützen. In dieser Studie sollen Verbrennungsopfer behandelt werden, die oft an Infektionen sterben. Das amerikanische „National Institute of Allergy and Infectious Disease“ setzte die Phagentherapie vor wenigen Wochen auf die Liste der aussichtsreichsten Strategien gegen die wachsende Zahl resistenter Keime. In Deutschland hat das Leibniz-Institut DSMZ (Deutsche Sammlung für Mikroorganismen und Zellkulturen) in Braunschweig begonnen, neben der schon bestehenden Phagensammlung ein Sortiment an Therapiephagen aufzubauen. Betreut werden die beiden deutschen Sammlungen von Christine Rohde. Die Mikrobiologin hofft, in den nächsten Jahren eine ganze Reihe gut charakterisierter Phagen gegen die problematischsten Krankenhauskeime einlagern zu können. Aus diesen Beständen könnten dann Cocktails für die Behandlung von Infektionen zusammengestellt werden. Nicht jeder Phage eignet sich für eine Therapie. Bei einer medizinischen Nutzung sollte die genetische Sequenz bekannt sein. Es muss sichergestellt werden, dass die Phagen keine Gifte produzieren und dass sie sich nicht ins Erbgut von Bakterien einbauen können, die der Patient gerade in sich trägt. Dazu sind einige – die sogenannten temperenten - Phagen nämlich in der Lage.

Effektiv und gezielt

Was macht die Phagentherapie nun so interessant? Zum einen ihre erstaunliche Spezifität. Bakteriophagen infizieren nur bestimmte Bakterienarten. Sie fahren keinen Großangriff wie die meisten Antibiotika, die auch die Darmflora angreifen. Sie gehen sehr gezielt vor. Sie entern nur die Bakterien, die eine passende Lücke auf ihrer Oberfläche haben, und zwingen die Bakterien dann dazu, neue Bakteriophagen zu bilden. Bei der Freisetzung dieser Nachhut gehen die Keime zugrunde. Bakteriophagen befallen die für sie spezifische Bakterienart zu jeder Zeit und an jedem Ort, selbst in den schwer zugänglichen Biofilmen. Sie dosieren sich zudem selbst. Gibt es viele Bakterien im Infektionsgebiet, so werden auch viele Bakteriophagen gebildet. Geht die Bakterienzahl zurück, sinkt auch die Zahl der Phagen, weil sie ihre Lebensgrundlage verlieren und sie wegen der hohen Wirtsspezifität nicht auf andere Bakterienarten oder Zellen ausweichen können. Die Phagen verschwinden also mit ihren Wirtsbakterien. Bisher sind keine wesentlichen Nebenwirkungen der Phagentherapie bekannt geworden. Phagen sind dem Körper auch nicht fremd. Jeder Bissen oder jeder Schluck enthält Unmengen an Phagen. Sie gehören zum Ökosystem Mensch genauso dazu wie die Mikroflora des Darms oder der Haut.

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