http://www.faz.net/-gwz-8vw0n
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren

Veröffentlicht: 14.03.2017, 20:53 Uhr

Paul-Ehrlich-Preisträger Krebsimpfstoff im toten Winkel

Die Verleihung des Paul-Ehrlich-Preises in der Frankfurter Paulskirche war für das Krebsmediziner-Paar auch ein Moment der Abrechnung: Was bringt der Fortschritt, wenn er auf halber Strecke stecken bleibt?

von
© dpa Ein junger Suaheli protestiert gegen die Diskriminierung von Aidspatienten.

„Wir haben getan, was wir tun konnten“, so klingt es, wenn Retter ihr Scheitern eingestehen müssen. So klingt es aber auch, wenn große Forscher an der Politik und an den zuweilen unbarmherzigen Gesetzen der freien Ökonomie verzweifeln. Von Patrick Moore stammt der Satz, einem Epidemiologen und Krebsforscher vom University of Pittsburgh Cancer Institute, der an diesem 14. März - dem Geburtstag des großen Medizinforschers Paul Ehrlich - zusammen mit seiner Ehefrau und Kollegin Yuan Chang  in der Frankfurter Paulskirche mit dem Paul Ehrlich- und Ludwig Darmstaedter-Preis geehrt wurde.

Joachim  Müller-Jung Folgen:

Das Forscherpaar beschäftigt sich seit den achtziger Jahren mit Tumorviren - Viren also, die Krebs auslösen können. Bei etwa zwanzig Prozent der bösartigen Tumore sollen infektiöse Erreger (auch einige Bakterien gehören dazu) an der Krebsentstehung beteiligt sein. „In Wirklichkeit sind es vermutlich viel mehr“, vermutet Yuan Chang. „Jedesmal, wenn wir in Tumorzellen fündig werden, wird die Liste der tumorauslösenden Viren länger.“ Tatsächlich ist das Genom in vielen Zellen unseres Körpers schon zur Geburt mit dem von Viren eingeschleusten Erbmaterial angefüllt, später kommen unzählige weitere hinzu, die wir etwa durch sexuelle Kontakte, Spritzen, Transfusionen, Tröpfcheninfektionen, ja vermutlich sogar mit der Nahrung aufnehmen. Sie werden vor allem dann „aktiviert“, wenn das Immunsystem geschwächt ist.

Dann können viele Virengene, mit denen wir unter Umständen Jahrzehnte lang ungefährdet zusammen leben, ihr böses Gesicht zeigen. Das Gleichgewicht zwischen Viren und Immunabwehr gerät außer Kontrolle. Warum es im Einzelfall schließlich zur Entartung kommen kann und damit zur unkontrollierbaren Vermehrung von Krebszellen, ist im Einzelfall schwer nachzuvollziehen - oft sind es chronische Entzündungen, die die Immunabwehr erschöpfen, manchmal sind es genetische Zufälle. Ein entscheidender Faktor aber ist fast immer das Immunsystem des Betroffenen.

Ganz deutlich ist das durch die Arbeiten von Moore und Chang geworden, die schon in den neunziger Jahren herausgefunden haben, dass ein Herpesvirus am Ausbruch des berüchtigten Kaposi-Sarkoms wesentlich beteiligt ist - jene Tumoren, die auf der Haut vieler Aidspatienten schon in den achtziger Jahren mit zahlreichen roten Flecken aufgefallen waren. Ein Virus, das, wie sich später zeigte, mit den Erregern verwandt ist, die das viel harmlosere Pfeiffersche Drüsenfieber auslösen, Gürtelrose oder die unangenehmen Lippenbläschen. Und wie diese vergleichsweise harmlosen Herpesviren ist HHV-8 weit verbreitet. Die meisten Menschen tragen sie in sich, aber sie merken nichts davon. Ist das Immunsystem allerdings wie bei Aidspatienten extrem geschwächt, führt die Infektion dazu, dass etwa die Zellen in den Schleimhäuten unkontrollierbar weiter wachsen.

45307045 © EPA Vergrößern Paul-Ehrlich-Preisträger 2017: Die gebürtige Taiwanesin Yuan Chang und ihr Gatte, Patrick S. Moore vom Krebszentrum der University of Pittsburgh.

In mehr als zwanzig Jahren haben Chang und Moore molekularbiologisch alles vorbereitet, damit medizinisch erreichbar ist, was mit den von dem deutschen Nobelpreisträger Harald zur Hausen entdeckten Humanen Papillomviren (HPV) gelungen war: eine Impfung gegen Krebs. „Wir haben gute Kandidatenmoleküle der Viren für einen Impfstoff, es ist längst alles da, was gebraucht wird“, sagt Moore, und Yuan Chang ergänzt: „Mit einem Impfstoff könnten wir viele der betroffenen Kaposi-Patienten retten.“ Im Auge haben die beiden Krebsmediziner dabei vor allem die Betroffenen in Afrika. Mehr als 25 Millionen der inzwischen gut 35 Millionen Aidspatienten leben südlich der Sahara. Unter ihnen, insbesondere in der männlichen Bevölkerung, ist das Kaposi-Sarkom mittlerweile zur häufigsten Krebsart überhaupt geworden. Doch die Hoffnung der beiden Forscher, die Ausbreitung des Kaposi-Sarkoms zu stoppen, wurde enttäuscht.

Deshalb haben sie die Verleihung des mit 120.000 Euro dotierten Paul Ehrlich- und Ludwig Darmstaedter-Preises in der Frankfurter Paulskirche dazu genutzt, auf die fatale Situation auf dem afrikanischen Kontinent aufmerksam zu machen.  Im Gespräch klagten sie über das „Versagen der Gesundheitsvorsorge, der Politik und der Industrie“. HPV wurde zur Erfolgsstory für die Krebsvirenforscher, zumindest im Westen. Die Industrie entwickelte einen Impfstoff, weil Gebärmutterhalskrebs in reichen Ländern häufig ist und durch die frühe Impfung von Jungen Mädchen der Krebs praktisch von vorne herein verhindert werden kann. Gegen die Kaposi-Epidemie hingegen scheint es auch Jahrzehnte nach der Krebsviren-Entdeckung keine Lobby zu geben. Moore: „Alle Vorarbeiten von Seiten der Wissenschaft sind geleistet, der Impfstoff wäre leicht zu produzieren. Der Rest ist jetzt bloß noch eine ökonomische Angelegenheit.“

Vorwärts, marsch!

Von Joachim Müller-Jung

Samstag ist Demotag: Marsch für die Wissenschaft. Gegen die Wissenschaftsfeinde. Haut auf den Trump also? Jedenfalls wollen die Klügsten gerne gehört werden. Was schreibt man da aufs Plakat? Mehr 4 30

Zur Homepage