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Pandemiegefahr durch MRSA-Bakterien : Warnungen vor dem neuen Superkeim

MRSA-Ausbreitung: Desinfektionen in Umkleideräumen einer High School in Chicago Bild: AP

Lange grassierten resistente Bakterien in Krankenhäusern. Doch jetzt sind MRSA-Keime überall. Plötzlich müssen junge, gesunde Menschen teils sogar um ihr Leben fürchten. Besonders im Blick der Mikrobiologen: „ST398“.

          Als vor wenigen Monaten eine amerikanische Forschergruppe das derzeitige Ausmaß einer nun schon gut vierzig Jahre grassierenden Epidemie mit mehrfach antibiotikaresistenten Staphylokokken veröffentlichte, war das für viele Mediziner fast ein Schock. Mehr als neunzigtausend Neuerkrankungen sind es inzwischen pro Jahr, jede fünfte Infektion endet tödlich. Die Zahlen beruhten auf Stichproben, mussten also nicht absolut stimmen. Aber allein mit dieser Größenordnung hatte sich das Methicillin-resistente Staphyloccocus aureus, kurz MRSA, endgültig seinen längst eingebürgerten Titel „Superbug“ - Supererreger - verdient.

          Joachim  Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Nun also war die Pandemiegefahr durch die Bakterien nicht mehr zu leugnen. Zumal die MRSA-Stämme längst schon andere Kontinente erreicht hatten und die Infektionszahlen wie in Großbritannien und später in Deutschland und Österreich in die Höhe schossen.

          Erst zweitrangig, jetzt Massenphänomen

          Entscheidend hinzu kommt jetzt allerdings eine Entwicklung, die vor ein paar Jahren noch nicht so absehbar schien, die aber jetzt am Wochenende auf dem Europäischen Kongress für klinische Mikrobiologie und Infektionsmedizin (ECCMID) in Barcelona für große Besorgnis unter den Bakteriologen und Ärzten sorgte: Die Erreger sind definitiv keine Krankenhauskeime mehr, sie raffen auch nicht mehr nur alte und immungeschwächte Patienten auf den Stationen dahin. Vielmehr erobern sie jetzt sukzessive und mit scheinbar immer größerem Erfolg junge gesunde Menschen, die an kaum behandelbaren schweren Infektionen der Haut und der Weichteilgewebe erkranken, an folgenschweren Lungenvernarbungen, Knochenentzündungen und Blutvergiftungen.

          Kein Krankenhauskeim mehr: Wrestler an einer High School in Nebraska versuchen mit Spezialcreme eine MRSA-Infektion zu verhindern

          Anfangs hielt man die Kreuzzüge dieser „community aquired“, also ohne jeden Kontakt zu Kliniken oder Arztpraxen erworbenen Infektionen mit MRSA für ein eher zweitrangiges Phänomen. Das hat sich jetzt gewaltig geändert. Fred Tenover von den amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention berichtete, dass aus den Einzelfällen in den neunziger Jahren ein Massenphänomen wurde. Bei Untersuchungen in den Notaufnahmen amerikanischer Zentren stellte sich heraus, dass sich mittlerweile schon gut 15 Prozent der Patienten außerhalb des Medizinbetriebes infizierten. Es waren Profisportler von Footballmannschaften, junge Homosexuelle, Highschool-Studenten, Rekruten, Kinder in Horten und Jugendliche, die sich im Tattoo-Atelier dicke Entzündungspusteln holten, Drogenabhängige ohne jeden Kontakt zum Arzt.

          Nachweise in zwei Jahren verdoppelt

          Ganz offensichtlich breiteten sich die Keime plötzlich mit rasanter Geschwindigkeit aus, wo sie vorher kaum eine Chance hatten - in der Allgemeinbevölkerung. Und es zeigte sich bald, dass es sich bei dem Verursacher dieser schnellen Ausbreitungswelle um einen genetisch besonderen Stamm handelt: USA300. Er ist erst kürzlich entstanden, wie Tenover jüngst in den „Proceedings“ der amerikanischen Nationalakademie gezeigt hat. Schon wenige Mutationen machten den Keim zu einen hypervirulenten Stamm, der mittlerweile in 41 von 50 amerikanischen Bundesstaaten vorgedrungen ist. Die Zahl der MRSA-Nachweise in Nasenschleimhäuten hat sich in nur zwei Jahren verdoppelt. Hunde, Katzen, ja auch Hasen stecken sich mittlerweile an und verbreiten ebenso wie Sportler und Kinder die Keime durch Hautkontakt.

          Mehr als zwei Drittel der Infektionen außerhalb der Kliniken gehen inzwischen auf das Konto von USA300 - einem epidemischen Klon, der inzwischen von draußen in die Kliniken hineingetragen wird. Bei acht Prozent der in Notfallaufnahmen aufgenommenen Patienten, berichtete Françoise Perdreau-Remington von der University of California in San Franciso, würden mittlerweile die erworbenen MRSA-Stämme festgestellt. Einige amerikanische Kliniken haben deshalb - allerdings mit gemischtem Erfolg bislang - Reihenuntersuchungen bei den Aufnahmen eingeführt.

          Unruhe unter europäischen Ärzten wächst

          Auch die Sorge der europäischen Ärzte und Mikrobiologen ist inzwischen gewaltig gewachsen. „Wir haben es zwar noch nicht mit einem überwältigenden Problem zu tun“, sagte der Münsteraner Kliniker Georg Peters, aber alle epidemiologischen Zahlen deuteten auf eine weitere Verbreitung auch in Europa hin. Auf eine „sich verändernde und sich weiter entwickelnde Pandemie“, so Peters in Barcelona. In Deutschland gelten noch nicht einmal drei Prozent von offiziell etwa tausendeinhundert jährlich registrierten MRSA-Behandlungsfällen als „community aquired“. Aber wie überall in Europa breiten sich die Keime aus. Und vor allem wird jetzt ein Stamm genannt - ST398 -, der Peters zufolge das Zeug hat, in Europa das Pendant zu USA300 zu werden.

          Der erste Nachweis dieses Stammes datiert im Jahr 2006 bei holländischen Schweinefarmern. Später wurde er bei Tierärzten isoliert. Inzwischen, so berichtete Mireille Wulf vom „Pamm-Labor“ in Veldhoven, hat sich die Zahl der identifizierten Träger in der „Schweinebranche“ verfünffacht. Von den Schweinen breitete sich der Stamm auf den Menschen aus. Peters berichtete von neueren Untersuchungen an 354 Patienten im Münsterland, von denen bereits 16 Prozent den neuen Stamm ST398 trugen. Das Besondere dieses Stamms: Er verfügt offenbar über einen Genkomplex, der das Aufnehmen neuer Resistenzgene erleichtert. „Es gibt Unterschiede zu Amerika“, betonte Peters, aber wie Tenover dort hält der Münsteraner Mikrobiologe die neuen Befunde erst für den Anfang einer womöglich verhängnisvollen Entwicklung - zumal man in Barcelona weit und breit keinen neuen Durchbruch in der Antibiotikaentwicklung erkennen konnte.

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