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Veröffentlicht: 28.04.2013, 19:40 Uhr

Organspende im Umbruch Nehmt die Transplanteure an die Kandare!

Die Transplantationsmedizin ist nach den Organspendeskandalen im Umbruch. Aber geht die Reform weit genug? Insider fordern noch mehr Kontrolle - und noch mehr Staat.

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© dpa Kühlbox für Spenderorgane

Die deutsche Transplantationsmedizin ist im ersten Jahr nach den Organspendeskandalen endgültig im Umbruch. Das alte „System“ des Laissez-faire wankt. Die Frage ist nur: Werden neue Strukturen geschaffen, die den durch jüngste Spenderzahlen dokumentierten Vertrauensverlust der Bevölkerung kompensieren können und die den Missbrauch des Systems ebenso wie Dilettantismus verhindern? In einem bemerkenswerten Manifest des bekannten Chirurgen Rüdiger Siewert und des Generalsekretärs im Verband der Universitätsklinika Deutschlands, Rüdiger Strehl, den wir auf unserer Internetseite in voller Länge dokumentieren, wird deutlich: „An der Architektur des deutschen Transplantationswesens wurde nichts geändert“ - trotz eines Runden Tischs beim Bundesgesundheitsministerium, der nach den Skandalen in Regensburg, Göttingen, München und Leipzig zwar an Fragen stärkerer Kontrollen, am Berufsrecht und an der Vermeidung von Fehlanreizen gearbeitet hat. Aber die Selbstkoordination des Systems bleibt beim Alten, „greifbare Fortschritte sind nicht bekannt“, so Siewert und Strehl.

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Vor einer Woche hat der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie an dieser Stelle (siehe F.A.Z. vom 24. April) angekündigt, die Transplantationszentren zu überprüfen und ihre Zahl um ein Drittel zu verringern. Die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) als nationale Koordinierungsstelle hat unter ihrem neuen Leiter, Rainer Hess (Stellungnahme zum Aufruf hier), die Satzung geändert, den Stiftungsrat erweitert und die Richtlinien der Organspende reformiert - sie ist viel stärker der öffentlich-rechtlichen Kontrolle unterworfen worden. Aber genügt das alles?

In ihrem „Aufruf für ein Rudolf-Pichlmayr-Institut für Transplantationsmedizin“ machen Siewert und Strehl deutlich: Die Transplanteure in Deutschland brauchen eine neue Führung. Eine, die die „Koordination im Sinne des Ganzen“ und die „Gesamtverantwortung“ übernimmt. Mit anderen Worten: eine neue Bundesbehörde. Ein Amt, das den Wertentscheidungen gewählter Parlamentarier zu folgen hat, und das auch wie etwa das für Impfungen zuständige Paul-Ehrlich-Institut oder das Robert-Koch-Institut hauptamtlich die „unergiebige Selbstkoordination“ der Selbstverwaltung ablöst. Eine Behörde, die zudem die Qualitätssicherung der Zentren dokumentiert, organisiert und sicherstellt, und die schließlich die vorhandenen ökonomischen Fehlanreize wie die Konkurrenzsituation abschafft. Statt dessen wird ein „bundesweit angelegtes Programmbudget“ gefordert. Planwirtschaft für die Transplantationsmedizin? Folgt man Siewert und Strehl, läuft es eher auf eine Emanzipation von Abhängigkeiten, Interessen und kollektiver Amateurhaftigkeit hinaus - auf die Loslösung von dem bisherigen „unprofessionellen“, „führungslosen“ und letztlich undurchschaubaren System.

Transplantation © dpa Vergrößern Transplantation: Nach Unregelmäßigkeiten bei Organspenden an mehreren deutschen Krankenhäusern sind auch am Universitätsklinikum Leipzig Manipulationen aufgedeckt worden.

Jedem, der das Manifest Siewerts und Strehls liest, wird klar, dass jede Kritik am Transplantationswesen berechtigt war. Die Beschwichtigungsversuche nach den Skandalen waren offenkundig stets interessegeleitet und nicht mehr als Beruhigungspillen für die Bevölkerung. Der Veränderungsbedarf ist gewaltig. Und er geht bei vielen noch über das von Siewert und Strehl formulierte Maß hinaus. Der Hannoveraner Hämatologe und Stammzelltransplanteur Arnold Ganser fordert ein über das zur Qualitätssicherung geforderte nationale Transplantationsregister hinaus gehendes Akkreditierungsverfahren, möglichst auf europäischer Ebene.

Mit ihm sollen Transplanteure und ihre Ergebnisse regelmäßig kontrolliert werden: „Ein zentrales Register war für uns Stammzelltransplanteure nur ein Anfang“, sagt Ganser. Erst mit der Errichtung des „Joint Accrediation Comitee ISCT“ sei es zu messbar besseren Behandlungsergebnissen gekommen. Entscheidend sei, so Ganser, dass sämtliche Arbeitsvorgänge schriftlich fixiert werden müssen - „ein in der Industrie seit Jahren übliches Verfahren, das aber in der Medizin die Ausnahme darstellt“. Auch in den Vereinigten Staaten wird, wie Siewert und Strehl deutlich machen, „jedes Zentrum mit einem Stamm hauptamtlicher Prüfer bis ins Detail vor Ort auditiert“. Wozu das führt? Nicht zur Entmachtung, so die beiden Autoren, sondern zum Ende der „Glorifizierung“ durch immer höhere Transplantationszahlen - zu einer Phase der „Entheroisierung“.

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