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Veröffentlicht: 25.11.2016, 07:39 Uhr

Obduktion Der Pathologe hat immer recht

Autopsien werden heutzutage immer seltener vorgenommen. Doch ohne sie geht es mit der medizinischen Qualität bergab.

von Ulrike Gebhardt
© Getty Eine klinische Autopsie ist nichts für Zartbesaitete. Und das Besteck etwas gröber als in der Herzchirurgie.

Die junge Frau, die da vor Kirsten Mertz auf dem Seziertisch liegt, könnte vom Alter her ihre Schwester sein. Aber daran darf die Pathologin vom Kantonsspital Baselland im schweizerischen Liestal jetzt natürlich nicht denken. Ihr Beruf erfordert Professionalität im Umgang mit Erkrankung, Leiden und Tod. Mertz leitet die Sektion. Nach der äußeren Leichenschau beginnt wie immer die Präparation der inneren Organe.

Ist das Verfahren noch zeitgemäß angesichts der modernen Medizin mit ihrem Hightech-Maschinenpark für Diagnostik und Therapie? Auf jeden Fall: „Wir brauchen die klinische Autopsie als ärztliche Handlung, um eine Krankheit oder Todesursache mit letzter Sicherheit zu bestimmen“, sagt Viktor Kölzer, der wie Kirsten Mertz als Pathologe in Liestal arbeitet. Kölzer und viele seiner Zunft sorgen sich, weil der Autopsie immer weniger Bedeutung zugemessen wird. Seit Jahren gehen die Sektionszahlen überall auf der Welt stark zurück. Dabei ist die Autopsie für die Qualitätssicherung im medizinischen Handwerk von zentraler Bedeutung. Werden weniger Sektionen gemacht, sinkt die Qualität. „Der Pathologe hat immer recht“, heißt es nicht von ungefähr. Der behandelnde Arzt kann letztlich nur vom Pathologen erfahren, ob die Diagnose zu Lebzeiten richtig gewesen ist, die Therapie angeschlagen hat oder ob es schädliche Nebeneffekte gab. Wie wichtig das gerade für die Behandlung zukünftiger Patienten mit gleichartigen Erkrankungen ist, zeigt das Beispiel der verstorbenen Hautkrebspatientin, die da im Kantonsspital Baselland obduziert wird.

Ist Patientin an der Krankheit gestorben? Oder an den Nebenwirkungen der Therapie?

Die Tumoren hatten sich überall im Körper der 32-Jährigen ausgebreitet. Zur Bekämpfung des Krebses war sie mit zwei Substanzen aus einer Gruppe von neuen Medikamenten behandelt worden. Diese „Checkpoint-Inhibitoren“ werden zurzeit als Hoffnungsträger der Krebstherapie ganz hoch gehandelt. Die Medikamente greifen in die Regulation des Immunsystems ein. Eine Bremse, die das Abwehrgeschehen normalerweise kontrolliert, wird gelockert, um die Anti-Tumor-Wirkung bestimmter Immunzellen zu steigern. Bei dreißig bis vierzig Prozent der Patienten mit einem schwarzen Hautkrebs spricht die Therapie an, jeder Fünfte profitiert sogar sehr lange davon. James Allison, einer der Väter dieser Immuntherapie, berichtet davon, dass sich der Krebs bei einigen Teilnehmern der ersten Studien bereits seit dreizehn Jahren auf dem Rückzug befindet.

Die Schweizerin gehörte leider nicht zu dieser Gruppe. Doch woran genau ist sie gestorben? An der Krankheit oder an den Nebenwirkungen der Therapie? Die Autopsie bringt es schließlich ans Licht. Ein mehr als dreißig Zentimeter großer Tumor im Becken hat den Darm verschlossen, das überlebt niemand. Erstaunlicherweise hatten die Tumoren im Körper der Frau sehr unterschiedlich auf die Behandlung angesprochen. Auch das zeigt die Obduktion deutlich: Metastasen der Haut und Lunge waren fast vollständig zurückgegangen, diejenigen im Bauch und Gehirn dagegen unvermindert gewachsen. „Doch nicht nur auf die Wirkungen, sondern auch auf die Nebenwirkungen einer Therapie können wir mit Hilfe der klinischen Sektion schließen“, sagt Viktor Kölzer.

In der Klinik sah man nur die Spitze des Eisbergs

Bei den Nebenwirkungen hat die Sektion besonders dicke Überraschungen zutage gefördert. Lunge, Leber, Herz, Gehirn und Knochenmark der Verstorbenen waren stark entzündet. Zu Lebzeiten war den Ärzten allein die Lungenentzündung aufgefallen. Die übrigen Folgen der Therapie blieben unentdeckt, obwohl die Patientin regelmäßig mit modernen Methoden der Diagnostik durchgecheckt worden war. „Was man bei der Frau in der Klinik gesehen hat, war nur die Spitze des Eisberges an möglichen Nebenwirkungen“, sagt Kölzer. Ihr Herz war so mitgenommen, dass es dem einer über 60-Jährigen glich. Hätte die Frau die Erkrankung (und die Behandlung) überlebt, wäre ihr Körper für immer gezeichnet gewesen, vom Krebs und von der Therapie.

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