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Nitrat-Verschmutzung : Die Crux mit dem gesunden Gift

Stickstofffrachter: Immer noch wird zu viel über den Bedarf der Pflanzen und der Bodenorganismen gedüngt. Bild: dapd

Überhöhte Nitrat-Werte an gut einem Viertel der Messpunkte im Land - „potentiell“ gesundheitsgefährdend, heißt es. Was bedeutet das? Für wen ist Nitrat ein Gift? Sicher ist nur: für die Umwelt schon.

          Fragt man Ökologen, ist die Sache klar: Stickstoff ist Leben und Nitrate sind wichtige Nährstoffe, und dennoch sind sie Kernsubstanz eines planetaren Problems -  eines der neun Umweltprobleme, die jenseits der Belastungsgrenze des Planeten liegen. Stickstoffoxide - Nitrat besteht aus einem NO3-Molekül - sind für sie, überspitzt formuliert, das neue Kohlendioxid. Ein globales Schadstoffproblem, ausgelöst vor allem durch die Überdüngung der Böden, das  von den Behörden und den Gesetzgeber zwar  erkannt, aber bisher kaum in den Griff zu kriegen ist. Teile der überdüngten, nährstoffüberfrachteten Gewässer, in die ein Großteil der mit Gülle, Jauche, Geflügelkot und Wirtschaftsdünger eingetragenen Stickstoffverbindungen letzten Endes gelangt, werden in Extremfällen zu „Todeszonen“ - ein Bodensatz, der wegen der extremen Mikrobenblüten kaum noch Sauerstoff enthält und in dem deshalb kaum noch was Lebendiges gedeiht. Hinzu kommt: Ein beträchtlicher Teil des überschüssigen, auf die Felder ausgebrachten Nitrats wird im Wurzelraum des Bodens langfristig gespeichert. Dieses belastende „Nitrat-Erbe“  ist erst im Februar vergangenen Jahres wissenschaftlich aufgedeckt worden. Reformen der Düngemittelverordnung, um den Düngemitteleinsatz zu kontrollieren und effizienter zu machen, wie das jetzt im Bundestag vorbereitet wird oder auch mit neuen, eigenständigen Düngebehörden wie in Niedersachsen, können also in hochbelasteten Agrarregionen gar nicht die erwünschten kurzfristigen und drastischen Verbesserungen bringen.

          Das weltweite Vorkommen von sauerstofffreien Todeszonen.
          Das weltweite Vorkommen von sauerstofffreien Todeszonen. : Bild: Nasa / Earth Observatory
          Joachim  Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Fragt man Gesundheitsexperten, sind die Experten freilich zwiegespalten. Der Trinkwassergrenzwert von 50 Milligramm pro Liter (der in anderen Staaten drüber liegt oder wie in den Vereinigten Staaten ein Fünftel davon beträgt) sagt für die meisten Fachleute rein gar nichts über die Gesundheitsrisiken, die von Nitrat ausgehen, aus. In vielen Gemüsesorten ist die Konzentration an Nitraten  fünfzigmal so hoch. 2000 bis 3000 Milligramm pro Kilogramm sind keine Seltenheit. Trotzdem ist Gemüse hochgradig gesundheitsfördernd. Nitrat-Moleküle können dem Körper an sich auch gar nicht schaden. Darin ist man sich nach mehr als einem halben Jahrhundert Stoffwechselforschung an Stickstoffverbindungen sicher.

          Wenn Nitrat zu Nitrit wird, wird es ernst

          Erst, wenn Nitrate zu Nitriten (mit einem Sauerstoffmolekül weniger) reduziert werden, was mit dem Speichel im Mundraum geschieht, kann es - zumindest theoretisch in extrem hohen Konzentrationen - für den Körper kritisch werden. Dann allerdings auch zuerst für Säuglinge. Weil sie gemessen an ihrem Körpergewicht viel mehr Flüssigkeit aufnehmen, können in Extremfällen Konzentrationen erreicht werden, die das Nitritaufkommen zum Problem werden lassen. Bekannt wurden die “blauen Kinder“ schon vor Jahrzehnten, obwohl das Phänomen sehr selten beobachtet wurde.

          Das Nitrit im Blut sorgt in solchen Fällen dafür, dass der Blutfarbstoff Hämoglobin weniger Sauerstoff binden kann, die enzymatische Aufbereitung des Hämoglobins wird verlangsamt - eine Reaktion, wie man sie etwa auch bei Blausäurevergiftungen (allerdings ungleich heftiger) feststellen kann. Die Schleimhäute der  Babys werden bläulich, freilich erst bei einer Nitritbelastung, die die Sauerstoffbindekapazität des Hämoglobins um mindestens zehn Prozent mindert. Die blauen Babys bekommen schließlich Stuhlprobleme und Atmungsbeschwerden.

          Bei Erwachsenen ist die „Methämoglobinämie“ - die „innere Erstickung“ - bei den üblichen Nitratmengen in Wasser und Nahrung praktisch ausgeschlossen. Hier wird allerdings seit Jahren die Rolle des Nitrats bei der Krebsentstehung diskutiert. Von einer Konzentration von 100 bis 200 Milliramm pro Liter  im Trinkwasser, regelmäßig und über längere Zeit konsumiert, wird zumindest die Bildung von Nitrosaminen für möglich gehalten. Diese Stickstoffverbindungen sind nachgewiesenermaßen krebsauslösend. Die meisten Nitrosamine gelangen  allerdings  auf anderen Wegen (etwa über den Tabakqualm oder über die Umwandlung von Nitrat in Fleisch beispielsweise) in den Körper. Freilich: 90 Prozent des Nitrats, das die Menschen aufnehmen, stammt aus dem gesunden, Ballaststoff- und vitaminreichen Gemüse. Und: Immer wieder gibt es Studien, die auf die günstigen physiologischen Effekte von Nitrat und Nitriten im im Körper hinweisen.

          Quelle: FAZ.NET

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