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Neuro-Enhancement : Das Gehirn ist kein Muskel

  • -Aktualisiert am

Hilft das Neuro-Enhancement nur bei der Defizitbehebung? Bild: dpa

Die Denkfähigkeit künstlich zu steigern bleibt eine Utopie. Die bioethische Debatte darüber ist bestenfalls überflüssig. Wenn nicht sogar ein Problem.

          Jüngst wurde in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften ein Memorandum mit dem Titel „Das optimierte Gehirn“ vorgestellt. Als Autoren firmierten eine Gruppe von Medizinethikern, Philosophen und Psychiatern. Sie plädierten für einen liberaleren Umgang mit Substanzen zur Steigerung kognitiver Fähigkeiten, auch „Cognitive Enhancement“ oder „Neuro-Enhancement“ genannt oder - etwas weniger affirmativ - „Hirn-Doping“: Pillen, die das Denken verbessern. Mediale Aufmerksamkeit war dieser Stellungnahme gewiss.

          Indes war nicht allen Kommentatoren aufgefallen, dass die Verfasser des Memorandums heute verfügbare Substanzen wie Ritalin und Modafinil aus ihren Erwägungen ausgeklammert hatten. Denn deren Wirksamkeit, so räumten sie selbst ein, sei fraglich. Hypothetisch reflektierten sie vielmehr ein spekulatives Zukunftsszenario, in dem es sehr viel bessere Mittel gäbe, die ihre Konsumenten tatsächlich klüger machten und dabei arm an Nebenwirkungen wären. Allein die Möglichkeit einer solchen Zukunft verlange, schon heute über die gesellschaftlichen Folgen zu diskutieren. Befürworter wie Gegner des Cognitive Enhancement streiten allein auf dieser Grundlage. Sie steht auf tönernen Füßen und auf einer fahrlässigen Übertreibung dessen, was pharmakologisch überhaupt machbar ist.

          Hilfe beim Ausgleich von Dezifiten

          In der öffentlichen Diskussion wird immer wieder der Anschein erweckt, wir verfügten heute bereits über Medikamente, mit denen sich unser Denkvermögen wesentlich verbessern ließe. Aber inwieweit stimmt das überhaupt? Der niederländische Psychopharmakologe Reinoud de Jongh fasste in einem 2008 erschienenen Artikel den Forschungsstand zusammen. Damit zeigte er, dass es beim Konsum gegenwärtig erhältlicher Cognitive Enhancers immer wieder dieselben Muster gibt: Es profitieren vor allem jene Individuen, die vor der Einnahme der Substanzen kognitive Defizite aufwiesen, etwa durch Übermüdung oder anlagebedingt. Menschen mit überdurchschnittlicher kognitiver Leistungsfähigkeit hingegen schneiden in Tests häufig schlechter ab als in nüchternem Zustand.

          Darüber hinaus gleichen die Wirkungskurven einem auf dem Kopf stehenden U: Während niedrige Dosierungen eine leichte Verbesserung ermöglichen, führen höhere Dosierungen sogar zu Verschlechterungen. Das legt den Schluss nahe, dass in der Hirnchemie weniger Extremzustände als die goldene Mitte von Vorteil ist. Pharmaka können helfen, bestimmte Defizite auszugleichen, erfüllen aber nicht den Traum von immer größerer Leistungsfähigkeit. Zudem hat sich gezeigt, dass die Verbesserung einer Funktion, etwa des Langzeitgedächtnisses, häufig mit der Verschlechterung einer anderen, etwa des Kurzzeit- oder Arbeitsgedächtnisses, bezahlt werden muss.

          Konzentrierter heißt nicht klüger

          Nun erfordert aber schon ein ganz normaler Arbeitstag den Einsatz eines breiten Spektrums kognitiver Funktionen. Vermeintliches „Enhancement“ könnte sich daher sogar kontraproduktiv auswirken. Vor dem Hintergrund dieser Forschungsergebnisse überrascht es nicht, dass sich in einer Untersuchung an amerikanischen College-Studenten herausstellte, dass die Konsumenten von Neuro-Enhancern im Schnitt schlechtere Noten schrieben als ihre Kommilitonen. Was Substanzen wie Ritalin und Modafinil tatsächlich zu steigern vermögen, sind Wachheit und Konzentrationsfähigkeit. Aber wacher zu sein bedeutet nicht automatisch, auch klüger zu sein. Kurzum: Cognitive Enhancers, die diesen Namen wirklich verdienen, gibt es überhaupt nicht.

          Es ist auch nicht zu erwarten, dass es in absehbarer Zukunft wesentlich effektivere Neuro-Enhancement-Präparate geben wird. Die Erfindung eines Psychopharmakons, das uns, wie im Bioethik-Diskurs immer wieder spekuliert wird, ohne Nebenwirkungen schlauer machen könnte, wäre ein in der Wissenschaftsgeschichte präzedenzloser Fall. Und wie der Geschichtswissenschaftler Reinhard Koselleck bei seiner Analyse historischer Vorhersagen herausfand, haben sich Prognosen nie dagewesener Ereignisse in den allermeisten Fällen als falsch erwiesen.

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