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Stammzellentransplantationen : Ein Neustart für das Nervensystem

  • -Aktualisiert am

Multiple Sklerose ist eine Krankheit mit oft unabsehbarem Ausgang. Eine neue Therapie könnte Betroffenen durch Stammzellentransplantationen helfen. Bild: Fabian Fiechter

Multiple Sklerose führt manchmal aussichtslos zu Behinderungen. In solchen Fällen könnte die Transplantation intakter Stammzellen bald helfen. Bisher ist jedoch Vorsicht angebracht.

          Bei Patienten mit rasch fortschreitender multipler Sklerose (MS), einer chronisch-entzündlichen Erkrankung des Nervensystems, stößt die Medizin nach wie vor an ihre Grenzen. So gibt es bislang keine Therapie, die dem im Zeitraffer ablaufenden Untergang von Nervenzellen, einem charakteristischen Merkmal der schweren Verlaufsform dieses Autoimmunleidens, Einhalt gebieten kann. Einen Hoffnungsschimmer stellen vor diesem Hintergrund die Ergebnisse einer neuen Studie dar. Wie sie nahelegen, profitieren einige Betroffene von einer autologen hämatopoetischen Stammzelltransplantation, und das teilweise erheblich.

          Dieses Verfahren besteht darin, das Immunsystem - und damit auch die autoaggressiven Abwehrzellen - ganz zu vernichten, um es anschließend mit frischen, noch „unverdorbenen“ Blutstammzellen, die zuvor aus dem Knochenmark des Patienten entnommen wurden, wiederherzustellen. Die Teilnehmer der neuen Studie, insgesamt 24 Männer und Frauen mit besonders aggressiver MS-Form, waren anfangs durchschnittlich 34 Jahre alt gewesen und hatten auf die herkömmlichen Mittel nicht mehr angesprochen. Sie wiesen zudem bereits mäßige bis schwere Behinderungen auf, etwa Lähmungen, Einschränkungen des Sehvermögens und Taubheitsgefühle.

          In einem ersten Schritt nahmen die Studienärzte bei allen Probanden eine Stammzellmobilisation vor: Mit einer Chemotherapie und anschließender Gabe von Wachstumsfaktoren werden die Blutstammzellen dabei dazu gebracht, aus dem Knochenmark in die Blutgefäße zu wandern. Hier werden sie dann in größerer Zahl abgeschöpft und für die spätere Verwendung gelagert. In einem nächsten Schritt wurde das Immunsystem der Patienten dann mit einer hochdosierten Chemotherapie zerstört und mit den jeweils körpereigenen - den autologen - Blutstammzellen wieder aufgebaut. Durch die Anwendung einer speziellen Selektionsprozedur wurden reifere Vertreter dieser Immunzellen eliminiert. Denn mit dem Entwicklungsgrad steigt das Risiko, dass diese bereits über ein (auto)immunologisches Gedächtnis verfügen und die Therapie daher versagt.Über den Ausgang der Studie berichten Harold Atkins vom Ottawa Hospital Research Institute in der gleichnamigen kanadischen Stadt und die anderen Studienautoren im Journal „Lancet“.

          Therapie bei einem Großteil der Probanden erfolgreich

          Bis auf eine Person, die an den Folgen der Stammzelltransplantation verstarb, kam die Therapie allen Probanden zugute. Hatten die MS-Kranken vor Studienbeginn im Mittel mindestens einen erneuten Krankheitsschub pro Jahr erlitten, blieben sie im Verlauf von bis zu dreizehn Jahren danach hiervon gänzlich verschont. In ihrem Gehirn entwickelten sich zudem keine neuen Entzündungsherde, und auch die Behinderungen schritten größtenteils nicht mehr weiter voran. Bei einem Drittel der Patienten gingen sie sogar etwas zurück, bei einem weiteren Drittel nahmen sie allerdings weiter zu - und das, obwohl auch bei diesen Patienten die krankhaften Entzündungsprozesse zum Stillstand gekommen waren.

          In einem Editorial weist Jan Dörr vom NeuroCure Clinical Research Center der Charité in Berlin auf die Bedeutung dieser Erkenntnisse hin. Wie der Neurologe auf Anfrage sagt, spielen entzündliche Prozesse vor allem zu Beginn der multiplen Sklerose eine wichtige Rolle. „Im weiteren Verlauf der Erkrankungen kommen dann vermehrt neurodegenerative Effekte zum Tragen. Diese werden vermutlich zwar ebenfalls von Entzündungen angestoßen, laufen aber auch unabhängig davon ab.“

          Krankheitsschübe stünden zu dem Zeitpunkt oftmals nicht mehr im Vordergrund. Wie Dörr hinzufügt, lassen sich die krankhaften Entzündungen mittlerweile gut kontrollieren, nicht jedoch die neurodegenerativen Prozesse. Gegen diese könne die Medizin bislang wenig ausrichten. Laut Dörr dürfte dies auch ein wesentlicher Grund sein, weshalb die Stammzelltransplantation nicht bei allen MS-Kranken gleichermaßen gut gewirkt hat.

          Bei den sieben Patienten, deren Behinderungen trotz erfolgreicher Unterdrückung der Entzündungen weiter vorangeschritten sind, kam das „Rebooting“ des Immunsystems daher vermutlich zu spät. Denn das Dilemma bei so riskanten Therapien wie der Stammzelltransplantation ist, dass sie nur angewandt werden dürfen, wenn alle anderen Behandlungsoptionen versagt haben oder keinen Erfolg versprechen. In weniger aussichtslosen Fällen kommen sie aus ethischen Gründen dagegen nicht in Betracht.

          Im frühen Stadium sind Stammzellentransplantationen wirksamer

          Viele Forscher gehen allerdings davon aus, dass sie in einem früheren Erkrankungsstadium sehr viel wirksamer sind. Dörr warnt allerdings vor einer unkritischen Anwendung der Stammzelltransplantation. „Meine Sorge ist, dass verzweifelte Patienten auf den Gedanken kommen könnten, sich einer solchen Behandlung zu unterziehen“, sagt der Neurologe. „Diese Therapie sollte aber nur unter ganz bestimmten Umständen vorgenommen werden, und das ausschließlich an Kliniken, die über entsprechende Experten und die notwendige Infrastruktur verfügen. Auch sollte sie nur im Rahmen von Therapiestudien erfolgen. Sonst sind die Gefahren unvertretbar groß.“

          Selbst in den Händen erfahrener Ärzte birgt die Stammzelltransplantation erhebliche Risiken. Das führen die Resultate der vorliegenden Studie einmal mehr vor Augen. So erlitt ein erheblicher Anteil der daran beteiligten MS-Kranken ernste Komplikationen, die in einem Fall sogar tödlich endeten.

          So aussichtsreich die Ergebnisse der vorliegenden Studie sein mögen: Um den Nutzen der autologen Stammzelltransplantation bei Patienten mit MS angemessen beurteilen zu können, reichen so kleine Projekte wie dieses nicht aus. Hierzu bedarf es vielmehr Untersuchungen mit weitaus größeren Teilnehmerzahlen - eine Vorgabe, die im Übrigen auch die anderen Studien, in denen das besagte Verfahren bei MS-Kranken getestet wurde, nicht erfüllen.

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