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Multiple Sklerose : Jenseits von Kortison

  • -Aktualisiert am

Mindestens sechs Jahre Ruhe

Während die Patienten sich möglicherweise mit den Nebenwirkungen auseinandersetzen müssen, ist für die Krankenkassen der Preis der Therapien ein Grund zu stöhnen. Ein Jahr unter Tysabri kostet rund 30.000 Euro, und die vierzehn anderen MS-Medikamente sind vergleichbar teuer oder noch teurer. Aber es gibt eben auch die Erfolge: Studien zufolge sorgt Alemtuzumab etwa bei jedem zweiten Patienten mindestens sechs Jahre für Ruhe im Gehirn. Mit dem heute verfügbaren Arsenal lasse sich der fatale Verlauf der Krankheit tatsächlich stoppen, sagen Neurologen. Wenn die Therapie früh genug begonnen wird.

Bei zehn Prozent der Patienten scheitern jedoch alle Versuche. Von Heilung zu sprechen wäre deshalb verfrüht. Den Grund dafür erläutert Heinz Wiendl, indem er zunächst das Muster, nach dem die meisten MS-Therapien im Wesentlichen ablaufen, anhand eines Beispiels beschreibt: „Das Stück, welches das Orchester spielt, klingt falsch. Aber weil wir die Fehler im Notentext nicht finden, nehmen wir den Dirigenten oder die Solisten raus.“ Vom Verständnis der Partitur, also der Krankheit, seien er und seine Kollegen noch meilenweit entfernt.

Zugleich stellt sich zunehmend die Frage, ob es sich bei einer multiplen Sklerose auch wirklich immer um dieselbe Krankheit handelt. Nicht einmal das Angriffsziel der Abwehrzellen auf den Nervenscheiden ist bislang gefunden: Welche Molekülstruktur erkennen sie als vermeintlich fremd und attackieren sie? Womöglich tut man sich so schwer, weil es dieses eine sogenannte Antigen nicht gibt. Davon geht jedenfalls Reinhard Hohlfeld, Ko-Direktor des Instituts für klinische Neuroimmunologie der LMU München, aus: Weil sich hinter den Symptomen ganz unterschiedliche Krankheitsbilder verstecken, die auf verschiedenen Antigenen beruhen. Stimmt diese Theorie, würde dies erklären, warum manchen Patienten auch mit den teuersten Medikamenten nicht zu helfen ist, während in anderen Fällen schon Interferon hervorragend wirkt. Unklar ist außerdem, warum die Krankheit nach den ersten Symptomen manchmal kaum noch voranschreitet, manchmal jedoch rasend schnell.

Wie geht es weiter?

„Die Zukunft der MS-Therapie liegt weniger darin, hundert weitere Medikamente zu finden“, sagt Hohlfeld, „sondern die bisherigen besser einzusetzen.“ So soll die Charakterisierung bestimmter biochemischer Merkmale, wie etwa Botenstoffe und Rezeptoren, einmal helfen, die Therapie schon vor Beginn an den jeweiligen Patienten anzupassen.

Manche Wissenschaftler setzen auf das Prinzip der Hyposensibilisierung. Würde man erst einmal das Antigen kennen, so ihre Hoffnung, könnte man ähnlich wie beim Heuschnupfen das Immunsystem mit kleinen Dosen frühzeitig daran gewöhnen. Doch Hohlfeld hält wenig von dieser Idee: „Alles Zukunftsmusik. Ich bin sehr skeptisch, dass eine solche Methode bei der multiplen Sklerose jemals funktionieren wird.“

In Freiburg musste Anke Wanka derweil ihr geliebtes Tysabri absetzen. Das Risiko, an einer progressiven multifokalen Leukenzephalopathie zu erkranken, war zu groß geworden. Erst wollte sie es nicht hergeben, dann fand sich Ersatz. Was, wenn die Nebenwirkungen wieder zu gefährlich werden? „Ich habe Angst, dass mir jemand mein Medikament und mein schönes Leben wegnimmt“, sorgt sich die 39-Jährige. Aber eine Heilung oder die Sicherheit, die sie sich jetzt in dieser Therapie erhofft, kann ihr niemand versprechen.

Quelle: F.A.S.

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