http://www.faz.net/-gwz-76h9u

„Messie-Syndrom“ : Schutzwälle gegen die Angst

  • -Aktualisiert am

Thomas Haemmerli drehte 2008 den Kinofilm „Sieben Mulden und eine Leiche“ über die Messie-Wohnung seiner Mutter. Bild: dpa

Manche Messies lassen ihre Wohnung völlig vermüllen, andere sammeln mit System und finden jede Schraube wieder. In Amerika wird exzessives Horten jetzt in den Rang einer eigenen Diagnose erhoben.

          Kaum ein Wissenschaftler in Deutschland hat wohl so viele Patienten untersucht, die „zwanghaftes Horten“ zeigen, und so viele vermüllte Wohnungen von Betroffenen besichtigt wie Astrid Müller von der Medizinischen Hochschule Hannover. Sie übersetzte sogar das Messinstrument ins Deutsche, mit dem das Störungsbild in den Vereinigten Staaten seit Jahren diagnostiziert wird. Und doch ist das „zwanghafte Horten“ nur ein Nebenprodukt von Müllers Forschung. Eigentlich interessiert sie sich für kaufsüchtige Patienten. Dabei stolperte sie mehr oder weniger über diejenigen unter ihren Klienten, die horteten. „Ich habe den Patienten in der Therapie empfohlen, dass sie sich ablenken, etwa jemanden einladen sollten, wenn ein Kaufimpuls sie überfällt“, erklärt die leitende Psychologin an der Hannoveraner Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie. „Viele der Patienten sagten aber plötzlich: ,Das geht bei mir nicht. Bei mir kann nicht mal der Klempner kommen.‘ Und dann brachten sie Fotos mit und begannen, sich mitzuteilen.“

          Die Patienten sprachen über die großen Massen von Gegenständen, die aus Schränken quollen, über Zimmer, die sie irgendwann nicht mehr betreten hatten. Und darüber, dass sie sich aber auch nicht trennen konnten von den gekauften Waren - bei Frauen oft Kleidung, Schuhe und Kosmetika, bei Männern eher Elektrotechnik und Sportzubehör. Müller hat daraufhin in ihren Studien über die Kaufsucht das Thema Horten berücksichtigt. Ergebnis: Wer nicht nur kauft, sondern auch zusätzlich hortet, ist häufig therapieresistent. Müller fertigte im Jahr 2009 auch die erste epidemiologische Studie über das Horten in Deutschland an. 4,6 Prozent der Bevölkerung sind demnach von der Störung betroffen. Zwei Drittel dieser „Hoarder“ leiden zusätzlich unter Kaufsucht. Cornelia Exner vom Uniklinikum Leipzig hat zwei Jahre später mit einem Artikel im „Journal of Clinical Psychiatry“ noch einmal nachgelegt und eine Prävalenz von knapp sechs Prozent in der deutschen Bevölkerung ermittelt.

          Kaum Forschung in Deutschland

          Doch bei Erkenntnissen wie diesen blieb es bisher. „Hoarding zu beforschen war einfach bisher nicht in Mode in Deutschland“, sagt Martina de Zwaan, Direktorin der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie in Hannover und Müllers Ko-Autorin. „Die meisten, die sich überhaupt damit beschäftigen, kommen aus der Zwangsforschung.“ Aber selbst Georg Juckel von der Ruhr-Universität Bochum, der als Experte für Zwangsstörungen immer wieder mit Hoardern gearbeitet hat, sagt: „Richtige Forschung gibt es in Deutschland zu dem Phänomen nicht. Das zwanghafte Horten ist eher ein Problem, mit dem sozialpsychiatrische Dienste kämpfen, gerade in Großstädten.“

          Das Störungsbild „Hoarding Disorder“ ist für die deutschen Psychologen und Mediziner also weitgehend Neuland, wenn es nun durch seine Auflistung in der Neufassung des amerikanischen Klassifikationssystems für psychische Krankheiten (DSM-5) weltweit mehr in den Fokus rückt. Dabei hat es in Amerika sogar vergleichsweise wenig öffentliche Debatten über diese neue Diagnose gegeben, zumindest verglichen mit den Konflikten um andere neue Krankheitsbilder, die in das im Mai erscheinende Handbuch aufgenommen werden sollen.

          Weitere Themen

          Das Geheimnis des perfekten Kaffees Video-Seite öffnen

          Neuer Bildband : Das Geheimnis des perfekten Kaffees

          Kaffee ist Kult, ob mit Handfilter gebrüht, unter Hochdruck gepresst oder gezapft wie ein Bier. Ein Bildband des in London lebenden Fotografen Horst A. Friedrichs widmet sich den Ritualen rund um die gerösteten Bohnen.

          Trump warnt vor „Irma“ Video-Seite öffnen

          „Aus dem Weg!“ : Trump warnt vor „Irma“

          Der amerikanische Präsident Donald Trump hat die von „Irma“ betroffene Bevölkerung aufgefordert, sich in Sicherheit zu bringen. Der Hurrikan hatte sich zuletzt über Kuba in Richtung der Inseln vor Floridas Küste gewälzt.

          Topmeldungen

          Trumps UN-Rede : Feurige Worte und tödliche Missverständnisse

          Donald Trump hebt die Bedeutung „souveräner Nationalstaaten“ hervor und teilt gegen Nordkorea aus. UN-Generalsekretär Guterres mahnt zur Einigkeit – mit einem Seitenhieb gegen den amerikanischen Präsidenten.
          Polizisten beobachten das Geschehen auf der Wiesn. Auch auf dem diesjährigen Oktoberfest kam es bereits zu sexuellen Übergriffen.

          Anstieg von Sexualstraftaten : Warnungen eines Wahlkämpfers

          Bayerns Innenminister Herrmann rühmt sich mit der hohen Sicherheit in seinem Bundesland. Die Zunahme der Sexualstraftaten – sowohl durch Deutsche als auch Ausländer – ist jedoch alarmierend.
          Mathias Döpfner beim Zeitungskongress in Stuttgart.

          Verleger gegen ARD : Was Döpfner wirklich gesagt hat

          Der Verleger-Präsident Mathias Döpfner hält eine feurige Rede und teilt gegen die Medienpolitik, ARD und ZDF aus. Die ARD-Chefin Wille reagiert wie zu erwarten mit einem Beißreflex. Und produziert „Fake News“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.