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Veröffentlicht: 29.04.2013, 15:10 Uhr

Mehr Führung Aufruf für ein „Rudolf-Pichlmayr-Institut für Transplantationsmedizin“

In Deutschland wurde vertraut und geglaubt, nicht aber systematisch geprüft. Damit muss Schluss sein.

von Rüdiger Strehl und Rüdiger Siewert*
© dpa

1. Transplantationsmediziner: vom Pionier zum Systemmitglied


In der Pionierphase der Transplantation war klar und legitim, wer das Heft des Handelns in der Hand hatte: der Arzt und Wissenschaftler war Motor des Geschehens, er entwickelte das innovative Therapiekonzept, sprach alles mit dem betroffenen Patienten ab, organisierte die Organgewinnung, die Durchführung der Transplantation und die Nachsorge; er verantwortete somit die Transplantation im weitesten Sinn. Nicht nur das: in der Pionierphase entnahm der Chirurg das Organ häufig selbst und führte anschließend auch die Transplantation aus. Das machte ihn zum Herrn des Verfahrens. Daraus leitete er wie selbstverständlich das Recht ab, bestimmen zu dürfen, wer das Organ erhielt.
Diese Konstellation ist so nicht länger haltbar, wenn es um tausende Transplantationen verschiedener Organe geht. Die Gründung von Eurotransplant und die Entwicklung von Kriterien für die Organgewinnung, die Zuteilung, Transplantationen in großen klinischen Betriebseinheiten und Nachsorge war daher ein erster logischer Schritt, um Transparenz und Verteilungsgerechtigkeit anzustreben.

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Schwerstkranke Patienten, deren Leben nur durch eine Organtransplantation gerettet werden kann, für die in Deutschland wegen der seit jeher geringen Spenden bereitschaft statistisch gesehen aber nur jeder Zweite eine Chance auf ein lebensrettendes Organ hat, haben ein Anrecht auf ein transparentes und regelkonformen Vergabeverfahren von Organen. Wenn mit diesen Zuteilungen über Leben und Tod von Hunderten Patienten entschieden wird, bedürfen Qualitätssicherung und Überwachung einer systematischen Organisation, in der der einzelne Arzt nur unter strengen Auflagen Zugriff auf Entscheidungen haben kann. Nach den Vorfällen in Regensburg, Göttingen, München und Leipzig reicht es offensichtlich nicht aus, Regeln für die Transplantationsmediziner aufzustellen, sie aber nur anlassbezogen bei gemeldeten Auffälligkeiten durch die zentralen Prüfungs- und Überwachungskommissionen der Bundesärztekammer zu prüfen. Anders finden in den USA regelmäßige Audits vor Ort statt. In Deutschland wurde vertraut und geglaubt, nicht aber systematisch geprüft.
Nach den jüngsten Erfahrungen können die involvierten Mediziner zwar eine wichtige, aber nicht mehr den alleinigen oder  ausschlaggebenden Einfluss und alleinige Entscheidungsgewalt beanspruchen. Ergänzend  sind zwingend vielfältige weitere nichtmedizinische Entscheidungsaspekte wie Priorisierung, Ethik, Finanzen und andere mehr in den Entscheidungsprozess einzubeziehen. 
Mit dem Fortschritt der Transplantationsmedizin und der Ausdehnung der Zahl der Transplantationen in Deutschland wurde deshalb eine komplexe Organisationsstruktur geschaffen, die teilweise gesetzlich geregelt ist. Vom „System“ der Transplantationsmedizin wird gesprochen. Ohne Zweifel wurden so Strukturen geschaffen, die Zuständigkeiten zuweisen, Rollen verteilen und Ergebnisse sichern sollten. Das Transplantationswesen in Deutschland galt als hoch reglementiert, feingliederig strukturiert mit einer ordentlich prüfbaren, transparenten Prozess- und Ergebnisqualität. Umso größer fiel angesichts dieser Vorkehrungen die Überraschung aus, als vor zwei Jahren zufällige, anonyme Hinweise, investigative Journalisten und vom System initiierte Überprüfungen unterschiedlichste „Regelverstöße“ durch transplantierende Ärzte aufdeckten, die sich alsbald nicht nur als extreme Ausnahme, bzw. als abweichendes Verhalten einzelner „schwarzer Schafe“ erwiesen, sondern als bewusste, vorsätzliche Ausnutzung vom System nicht gewollter Spielräume oder sogar als geplante massive Regelverstöße darstellten. Zudem muss das geltende System hinterfragt werden, wenn zu beobachten ist, dass diese Verstöße nur sehr mühsam in unserem Rechtssystem verfolgt werden, weil konkrete Vorschriften für diesen Lebensbereich weitgehend fehlen und abstrakte Vorschriften im Straf-, Medizin- und Berufsrecht nicht oder nur unzureichend greifen.

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