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Medizin-Nobelpreis : Die vergessenen Krankheiten der Tropen

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Die Anopheles-Mücke, Überträger von Malariainfektionen Bild: dpa

Im reichen Westen sind Parasiten-Krankheiten weitgehend vergessen, in Afrika gelten sie weiter als Geißel der Menschheit. Der Medizin-Nobelpreis holt nun Wurminfektionen und Malaria zurück in unser Bewusstsein.

          Die Bedrohungen, für deren Bekämpfung der Medizin-Nobelpreis in diesem Jahr vergeben wurde, sind Westeuropäern schon lange kein Begriff mehr. Geht es in unseren Breiten um Würmer, dann sind lediglich kleine, ungefährliche Madenwürmer gemeint, die sich Kleinkinder noch heute in Gemeinschaftseinrichtungen zuziehen; eine Infektion, die sich leicht und schnell behandeln lässt. Auch andere Parasiten, etwa Bandwürmer oder Trichinellen, konnten im Verlauf des 20. Jahrhunderts in Westeuropa und Nordamerika erfolgreich zurückgedrängt werden. Die Beschäftigung mit diesen Risiken ist einer Debatte um Zivilisationskrankheiten wie Diabetes, Herzkreislaufleiden und Krebs gewichen.

          Dass Parasiten große Teile der tropischen und der zugleich ärmsten Weltregionen noch immer im Griff haben, dass sie hier nach wie vor als Geißel der Menschheit wahrgenommen werden und Teil an der Armutsspirale haben, in die ganze Landstriche geraten, ist dem Westen heute oft wenig präsent.

          Mücken als Überträger

          Die Entscheidung, mit dem diesjährigen Medizin-Nobelpreis drei Wissenschaftler zu ehren, die Medikamente gegen Fadenwurminfektionen und gegen den Malariaerreger entwickelten, ist somit auch der Versuch, eine zu Unrecht in Vergessenheit geratene Geschichte noch einmal neu zu erzählen – und zwar von der molekularbiologisch-medizinischen Seite her.

          Der gebürtige Ire William C. Campbell, Jahrgang 1930, der an der Drew University in New Jersey forschte, und der 1935 geborene Japaner Satoshi Omura von der Kitasato Universität in Tokio isolierten aus dem Bakterium Streptomyces avermitilis die Substanz Avermectin, deren Abkömmling Ivermectin seit den achtziger Jahren gegen Fadenwurminfektionen eingesetzt wird.

          William Campbell, Satoshi Omura und Youyou Tu (von links)

          Zu nennen ist dabei insbesondere der im tropischen Afrika verbreitete Fadenwurm Onchocerca volvulus, der Erreger der Flussblindheit, die ihren Namen erhielt, weil die Überträgerinsekten entlang von Flüssen leben. Die Infektion mit Onchocerca erfolgt durch den Stich eines Insekts, das die Larven des Wurms beherbergt.

          Der Lebenszyklus von Fadenwürmern, die Flussblindheit und Elephantiasis hervorrufen: Die Infektion erfolgt durch den Stich eines Insekts, in dem die Larven des Wurms einen Teil des Lebenszyklus durchmachen, der schließlich im Menschen vollendet wird. Aus dem Blut eines infizierten Menschen nehmen Mücken beim Stich wiederum Stadien des Parasiten auf. So können sich weitere Menschen durch Insektenstiche anstecken.

          Im menschlichen Körper überdauern die erwachsenen Stadien in Knoten unter der Haut. Hier produzieren sie beständig Larven, die durch den Körper wandern, auch ins Auge, wodurch sie den Infizierten erblinden lassen können. Aus dem Blut eines infizierten Menschen nehmen Mücken beim Stich wiederum Larven auf.

          Stigmatisierende Hautknoten

          Die Infektion gilt als „armutsassoziierte“ Krankheit, sie breitet sich dort aus, wo Mittellosigkeit und fehlende Infrastruktur eine Behandlung verhindern. Die sichtbaren Knoten stigmatisieren die Betroffenen und halten Kinder vom Schulbesuch ab, der unstillbare Juckreiz und die Blindheit machen die Infizierten zu chronisch Kranken. In den siebziger Jahren begannen Epidemiologen, die Verbreitung der Krankheit in Westafrika zu erforschen; sie stellten fest, dass sechzig Prozent der Bevölkerung in der Savanne infiziert und zehn Prozent bereits erblindet waren.

          Die chinesische Pharmakologin Youyou Tu wurde in ihrer Arbeit von einer Heilpflanze der traditionellen chinesischen Medizin inspiriert: Aus Artemisia annua, dem Einjährigen Beifuß, gewann sie die Substanz Artemisinin, die gegen Malaria wirksam ist.

          Heute sollen Programme sicherstellen, dass jährlich bis zu hundert Millionen Menschen in Afrika mit Ivermectin behandelt werden. Das Mittel, das der Biochemiker Campbell und der Pharmakologe und Chemiker Omura entwickelten, lähmt die Fadenwürmer und tötet sie so ab.

          Die beiden Wissenschaftler erhalten den Preis je zu einem Viertel, während die Hälfte der mit acht Millionen Schwedischen Kronen (850000 Euro) dotierten Auszeichnung an die chinesische Pharmakologin Youyou Tu von der Akademie für Traditionelle Chinesische Medizin in Peking geht. Youyou Tu, geboren 1930, schuf mit ihrer Arbeit die Grundlage, um die durch den einzelligen Parasiten Plasmodium ausgelöste Tropenkrankheit Malaria zu bekämpfen.

          Betrifft vor allem Kinder

          Aus Artemisia annua, dem Einjährigen Beifuß, einer Heilpflanze der Traditionellen Chinesischen Medizin, gewann sie in den siebziger Jahren die Substanz Artemisinin, die gegen Malaria wirksam ist. Mehr als eine halbe Million Menschen sterben jedes Jahr an Malaria, die meisten von ihnen sind Kinder. Auch Malaria wird durch Stechmücken übertragen und gilt als typische Armutskrankheit.

          Eine Dreijährige spielt in Nairobi hinter einem Moskitonetz, das sie vor den Malaria-Mücken schützen soll.

          Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation bekommt in Afrika noch immer nur eines von fünf kranken Kindern die notwendigen Medikamente gegen Malaria.

          Während der Pressekonferenz nach der Verkündung der Nobelpreisträger in Stockholm konzentrierten sich die Fragen der Journalisten auf die Arbeit von Youyou Tu, was auch zeigt, wie sehr der Westen seinen eigenen Debattenthemen verhaftet ist. Die Angabe, die Pharmakologin habe den gegen Malaria wirksamen Stoff aus einer in der Traditionellen Chinesischen Medizin gebräuchlichen Pflanze gewonnen, elektrisierte die Anwesenden – wohl, weil die Rivalitäten zwischen Schul- und Alternativmedizin in den Industrieländen oft debattiert werden.

          „Wir verleihen den Preis nicht an die Traditionelle Chinesische Medizin“, stellte das Nobelpreiskomitee klar. „Wir verleihen ihn an eine Person, die von der Traditionellen Chinesischen Medizin inspiriert und in der Lage war, ein neues Medikament zu entwickeln, das nun überall auf der Welt zugänglich gemacht werden kann.“

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