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Veröffentlicht: 24.12.2016, 07:27 Uhr

Brustkrebs Merkblatt gegen Missverständnisse

Das Mammographie-Screening kann zur Früherkennung von Brustkrebs bei Frauen dienen. Viele sind jedoch unentschlossen und haben Angst vor „falschen Diagnosen“. Ein neues Merkblatt soll gegen missverständliche Informationen helfen.

von Hildegard Kaulen
© dpa Eine Überdiagnose ist beim regelmäßigen Mammographie-Screening selten.

In Deutschland werden Frauen zwischen 50 und 69 Jahren im Abstand von zwei Jahren zum Mammographie-Screening eingeladen. Die Untersuchung dient der Früherkennung von Brustkrebs. Da die Teilnahme freiwillig ist, erhalten die Frauen neben der Einladung ein Merkblatt, das den Nutzen und den Schaden des Screenings beziffert. Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen hat das Merkblatt zu einer Entscheidungshilfe weiterentwickelt und dem Gemeinsamen Bundesausschuss vorgelegt, der diese Arbeit beauftragt hatte.

Der Gemeinsame Bundesausschuss bestimmt, welche medizinischen Leistungen von den Gesetzlichen Krankenkassen erstattet werden. Das Mammographie-Screening ist eine dieser Leistungen. Der Bundesausschuss wird in den kommenden Wochen über die Entscheidungshilfe beraten und die endgültige Fassung beschließen.

Vor allem unentschlossene Frauen unterstützen

Wichtigste Neuerung ist ein Instrument zur Abklärung der persönlichen Präferenz. Dazu werden auf einer Doppelseite die wesentlichen Vor- und Nachteile des Screenings aufgeführt und mit der Möglichkeit zur persönlichen Gewichtung verbunden. Die Frauen können ankreuzen, ob die aufgeführten Vor- und Nachteile aus ihrer Sicht für oder gegen eine Teilnahme am Mammographie-Screening sprechen, ob sie keine Rolle bei ihrer Entscheidung spielen oder ob sie sich über deren Bedeutung für ihre Entscheidung noch nicht im Klaren sind. Mit diesem Instrument sollen vor allem die unentschlossenen Frauen unterstützt werden.

Die neue Entscheidungshilfe erklärt auch den Begriff der Überdiagnose verständlicher als bisher. Überdiagnosen sind ein wichtiger Nachteil des Screenings. Der Begriff besagt, dass bei einigen Frauen Brustkrebs entdeckt wird, der ohne Früherkennung nie aufgefallen wäre und nicht hätte behandelt werden müssen. Es gibt Tumore, die so langsam oder gar nicht wachsen, dass sie bis zum Lebensende nicht in Erscheinung treten.

Vor- und Nachteile der regelmäßigen Teilnahme

Bei einem Nutzertest hatte sich gezeigt, dass viele Frauen den Begriff der Überdiagnose entweder gar nicht kannten oder mit dem Begriff „falsch-positiv“ verwechselten. Bei einem falsch-positiven Befund wird eine Auffälligkeit zunächst für Brustkrebs gehalten, die sich bei weiteren Untersuchungen als gutartig herausstellt. Die Entscheidungshilfe erläutert den Begriff der Überdiagnosen jetzt an anhand eines Beispiels. Wichtigster Vorteil des Mammographie-Screenings sind die besseren Heilungschancen, weil Brustkrebs im Frühstadium entdeckt werden kann.

Die neue Entscheidungshilfe enthält auch eine Grafik zu den Vor- und Nachteilen einer regelmäßigen Teilnahme über zwanzig Jahre. Zwei bis sechs von tausend Frauen, die regelmäßig teilnehmen, werden durch die Früherkennungsmaßnahme vor dem Tod durch Brustkrebs bewahrt, neun bis zwölf von tausend Frauen erhalten bei regelmäßiger Teilnahme eine Überdiagnose.

Laienverständlich und frei von fremden Interessen

Dass Spannen angegeben werden, hat damit zu tun, dass diese Zahlen nur Schätzwerte sind und mit Unsicherheiten behaftet sind. Die Angabe von Spannen ist der Weg, mit diesen Unsicherheiten umzugeben. Bei einer Nutzerbefragung zeigte sich, dass die Bereitschaft zur Teilnahme nach dem Lesen der Entscheidungshilfe leicht rückläufig war. Die überwiegende Mehrheit der Frauen blieb allerdings bei ihrer zuvor gefassten Entscheidung. Ältere Frauen sprachen sich bei der Nutzerbefragung eher für eine Teilnahme aus als jüngere Frauen, denen das Screening noch gar nicht angeboten wird.

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Die Weiterentwicklung des Merkblatts zur Entscheidungshilfe folgt einem wichtigen medizinischen Trend. Menschen sollen auf der Basis ihrer individuellen Werte und Präferenzen über eine anstehende Untersuchung oder Behandlung entscheiden, denn letztlich sind sie diejenigen, die mit der getroffenen Entscheidung leben müssen, nicht diejenigen, die die Behandlung oder Untersuchung vornehmen. Entscheidungshilfen müssen laienverständlich sein, den aktuellen Wissensstand der evidenzbasierten Medizin ohne Einflussnahme abbilden und frei von fremden Interessen sein. Sie sind nicht dazu da, Akzeptanz zu erzeugen. Sie sollen dem Nutzer vielmehr helfen, über seine Haltung zu einer anstehenden Untersuchung oder Behandlung nachzudenken, ohne ihn in die eine oder andere Richtung zu lenken.

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