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Adipositaschirurgie : Der goldene Schnitt

  • -Aktualisiert am

Raus damit: Eine Fettzelle im Elektronenmikroskop. Rot gefärbt ist das Fettreservoir, lila sind die Zellkraftwerke. Bild: mauritius images

Fettleibigen durch eine OP beim Abnehmen zu helfen, zahlt sich aus: Fast alle Organe erholen sich. Trotzdem macht es ihnen die Bürokratie hierzulande schwer.

          Als der damalige Außenminister Frank-Walter Steinmeier seiner Frau vor sieben Jahren seine Niere spendete, freute man sich anschließend über einen positiven Werbeeffekt für die Lebendspende von Organen. Als sich Außenminister Siegmar Gabriel später von einem Adipositaschirurgen operieren ließ, wäre das hingegen fast verborgen geblieben. Nur weil Gabriel der Trauerfeier anlässlich des Terroraktes im Dezember 2016 fernblieb, fiel auf, dass er im Krankenhaus war, woraufhin einige Medien die Umstände publik machten. Der Fall bestätigt geradezu mustergültig zwei Fakten zur Adipositaschirurgie: Erstens spricht man ausgesprochen ungern darüber, zweitens ist sie ausgesprochen erfolgreich. Eine große Studie aus den Vereinigten Staaten untermauert nun ihren vielfältigen Nutzen. Im Schnitt hatten die 418 Patienten, die vor der Operation im Mittel 133,9 kg wogen, zwei Jahre nach dem Eingriff 45 Kilogramm abgenommen. Der Erfolg blieb langfristig weitgehend erhalten, selbst nach zwölf Jahren waren sie mit durchschnittlich 97,5 kg immer noch 35 kg unter dem Gewicht vor der Operation. Die Kontrollpatienten verloren bei vergleichbarem Ausgangsgewicht allenfalls ein bis zwei Kilo, wie es im „New England Journal of Medicine“ (Bd. 377, S. 1143) nachzulesen ist.

          Der Nutzen ist vielfältig

          Dennoch greift ein Begriff wie „Übergewichtsreduktionsoperation“ längst zu kurz. Die Langzeitdaten bestätigen eindrucksvoll, dass sich danach fast alle Erkrankungen bessern oder sogar dauerhaft beseitigen lassen, die typischerweise mit Übergewicht und Fettleibigkeit einhergehen. Die beiden häufigsten Eingriffe sind dabei auch in Deutschland der Schlauchmagen und der Roux-Y-Bypass. Sie sorgen dafür, dass der Magen entscheidend verkleinert wird und Darmanteile, die für die Nahrungsverwertung benötigt werden, umgangen oder ausgeschaltet werden. Dies scheint den Stoffwechsel derart zu disziplinieren, dass praktisch jedes Organ profitiert. Dazu liefern die Forscher derart viele Belege, dass manche den Begriff Adipositaschirurgie längst ablehnen und stattdessen lieber von metabolischer Chirurgie sprechen.

          In der aktuellen Studie hatte sich zwei Jahre nach der Operation bei drei Vierteln derjenigen, die zuvor infolge der Fettleibigkeit zuckerkrank waren, auch ihr Diabetes zurückgebildet. Dieser Erfolg hielt nach zwölf Jahren bei mehr als der Hälfte weiterhin an. „Am Diabetes haben wir zuerst erkannt, dass sich solch ein Eingriff bereits vor jedem Gewichtsverlust günstig auf den Stoffwechsel auswirkt“, erläutert Beat Müller, Sektionsleiter für minimalinvasive und Adipositaschirurgie am Universitätsklinikum in Heidelberg. Noch erstaunlicher sei dies im Hinblick auf die Folgen eines Diabetes, etwa die sonst schwer beeinflussbare Neuropathie. „Wir konnten in unserer Diasurg-Studie zeigen, dass sich die typischen Nervenschmerzen, die bei diesen Patienten auftreten, nach dem Eingriff bessern – sogar unabhängig davon, wie gut sich der Zuckerstoffwechsel normalisiert“, so der Chirurg („Annals of Surgery“, Bd. 258, S. 760).

          Auswirkung auf die Leber?

          Genauso gut erholen sich die Nieren, die ebenfalls regelmäßig bei übergewichtigen und fettleibigen Diabetespatienten in Mitleidenschaft gezogen werden. Auch das konnten die Heidelberger Forscher nachweisen. „Wir prüfen derzeit, inwieweit sich die Eingriffe positiv auf die Leber auswirken“, nennt Müller eine weitere Domäne aktueller Forschung. Tatsächlich bestimmt die Lebererkrankung, die inzwischen häufiger infolge von Übergewicht als infolge eines zu hohen Alkoholkonsums auftritt, wie rasch es mit dem Stoffwechsel bergab geht. Verblüffend ist, dass sich selbst das verhärtete, fibrotische Lebergewebe wieder erholen kann. Manche der internationalen Experten diskutieren bereits darüber, ob nicht allein das Vorliegen einer solchen Lebererkrankung Grund genug für eine metabolische Operation ist. Als wäre das nicht genug, tragen die Operationen überdies zur Regulierung eines zu hohen Blutdruckes, überhöhter Blutfette und – so der jüngste Befund – zu einer Senkung von Krebsmarkern in der Darmschleimhaut bei.

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