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Kritik am Hautkrebs-Screening : Geschäftsmodell Todesangst

  • -Aktualisiert am

Monitorbild von Melanom-Zellen (schwarzer Hautkrebs) Bild: dpa

Prävention paradox: Seit Jahren wird emsig nach frühen Anzeichen für Hauttumore gesucht – und viel verdient. Am Nutzen gibt es Zweifel. Wird die Überprüfung bewusst verschleppt?

          Seit sechseinhalb Jahren wird in Deutschland mit einem bundesweiten Programm auf Hautkrebs gescreent, ohne dass der Öffentlichkeit ein offizieller Evaluationsbericht vorgelegt worden ist. Das bundesweite Hautkrebs-Screening verschlingt nicht nur mehrere hundert Millionen Euro im Jahr, sondern es bestehen auch erhebliche Zweifel am Nutzen des Programms. Bundesgesundheitsminister Gröhe hat vor wenigen Wochen einen offenen Brief erhalten, in dem fünfzehn Ärzte um Jürgen Tacke, Hautarzt in Köln, die wissenschaftlichen Grundlagen in Frage stellen. Die Ärzte fordern neben der Veröffentlichung des Evaluationsberichts auch eine unabhängige wissenschaftliche Überprüfung der Studiendaten aus dem Modellprojekt in Schleswig-Holstein, auf dessen Basis das deutsche Programm eingeführt worden ist.

          Der bundesweite Hautkrebs-Screening wird im Zweijahreszeitraum von rund fünfzehn Millionen Menschen in Anspruch genommen. Das Programm sieht vor, dass sich alle gesetzlich Versicherten, die über 35 Jahre alt sind, im Zwei-Jahres-Rhythmus zu Lasten der gesetzlichen Krankenkassen von speziell geschulten Haus- oder Hautärzten auf Hautkrebs untersuchen lassen können. Ein Verdacht wird vom Hautarzt – nicht vom Hausarzt – abgeklärt. Kein anderes Land der Welt leistet sich ein vergleichbares Programm. Das bundesdeutsche Hautkrebs-Screening hätte spätestens fünf Jahre nach dem Start auf seine Qualität und die erreichten Ziele überprüft sein müssen. So hatte es der Gemeinsame Bundesausschuss bei der Einführung im Jahr 2007 beschlossen. Dieser Zeitpunkt ist längst verpasst.

          Früher entdeckt?

          Das Hautkrebs-Screening ist mit der Erwartung eingeführt worden, dass schwarzer Hautkrebs früher entdeckt wird, dass in der Frühphase bessere Überlebenschancen bestehen und dass die Melanom-Sterblichkeit in der Bundesrepublik zurückgehen wird. Außerdem sollte jede Art von früh entdecktem Hautkrebs schonender und vielleicht sogar kostengünstiger behandelt werden. Angesichts dieser Erwartungen wäre die Erfassung von harten Endpunkten, wie dem Rückgang der Melanom-Mortalität, angezeigt. Eine solche Bewertung ist aber von Anfang an nicht vorgesehen gewesen. Die Zielparameter, die für die Evaluation des Hautkrebs-Screenings in der Krebsfrüherkennungsrichtlinie genannt werden, bewerten nur den Screening-Prozess. Es sind sogenannte Prozessparameter. Ein Rückgang der Melanom-Sterblichkeit lässt sich damit gar nicht erfassen. Ein Abgleich mit den Krebsregistern, der einen Rückgang der Melanom-Mortalität hätte zeigen können, ist nie beschlossen worden. Die für die Evaluation in der Früherkennungsrichtlinie benannten Parameter sind die Teilnehmerrate, die Anzahl der Verdachtsdiagnosen differenziert nach Arztgruppen, die Anzahl der bestätigten Diagnosen durch die Dermatologen, die Anzahl der falsch-positiven Befunde, die Entdeckungsrate und ob das Hautkrebs-Screening zusammen mit einer Gesundheitsuntersuchung beim Hausarzt in Anspruch genommen wird, so wie es bei der Einführung empfohlen worden ist.

          Der Gemeinsame Bundesausschuss hat im Jahr 2010 das BQS-Institut für Qualität und Patientensicherheit in Düsseldorf mit der Evaluation dieser Prozessparameter beauftragt. Das Institut ist eine Einrichtung der Deutschen Krankenhausgesellschaft, der Spitzenverbände der Krankenkassen und der Bundesärztekammer unter Einbeziehung des Deutschen Pflegerats. Der Bericht ist dem Gemeinsamen Bundesausschuss inzwischen vorgelegt worden, wie eine Sprecherin auf Anfrage dieser Zeitung mitteilte. Wann allerdings mit einer Veröffentlichung zu rechnen sei, könne noch nicht gesagt werden, so die Sprecherin weiter. Auf die Fakten aus der Prozess-Evaluation durch das BQS-Institut muss die Öffentlichkeit also noch warten.

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